12. November 2020

Prostatakrebs durch HPV-Infektion?

Eine systematische Auswertung von 26 Studien lässt australische Wissenschaftler zu dem Schluss kommen, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen einer Infektion mit humanen Papillomviren (HPV) und Prostatakrebs sehr wahrscheinlich ist. Diese Forschungsergebnisse wurden im Fachjournal „Infectious Agents and Cancer“ veröffentlicht. 1,2

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Marina Urbanietz

HPV-Infektionen und Prostatakrebs

Die Literaturauswertung ergab, dass HPV-Infektionen die Onkogenese in der Prostata direkt oder indirekt über Elemente des Immunsystems initiieren könnten. Allerdings sei es auch möglich, dass die Viren bei der Entstehung des Karzinoms auch mit anderen Erregern interagieren.

In 8 von 26 Fall-Kontroll-Studien war die Prävalenz von Hochrisiko-HPV-Typen bei Prostatakrebs signifikant höher im Vergleich zu gutartigen Prostatavergrößerungen. In den neueren Studien, die nach dem Jahr 2000 und unter Verwendung immer ausgefeilterer PCR-Techniken durchgeführt wurden, gab es 231 HPV-positive Fälle bei insgesamt 1071 Prostatakrebs-Patienten [21,6%] und 74 HPV-positive Fälle bei 1103 Patienten mit gutartigen Vergrößerungen der Prostata [6,7%] (p = 0,001).

Ländervergleich: Korrelation zwischen Sterblichkeit durch Gebärmutterhalskrebs & Prostatakrebs

Tabelle 1: Sterblichkeitsraten bei Gebärmutterhalskrebs und Prostatakrebs pro 100.000 Einwohner (2015-2018), bereinigt nach Alter. Modifiziert nach Lawson S. J. et al. 1

Ein weiterer Hinweis auf den Zusammenhang einer HPV-Infektion mit Prostatakrebs lieferten Daten zur Sterblichkeit durch Gebärmutterhalskrebs und Prostatakrebs in mehreren Ländern: Dort, wo die Sterblichkeit durch Gebärmutterhalskrebs hoch war, war auch die Sterblichkeit durch Prostatakrebs hoch, während in Ländern, in denen die Sterblichkeit durch Gebärmutterhalskrebs niedrig war, die Sterblichkeit durch Prostatakrebs ebenfalls niedrig ausfiel (s. Tab. 1).

Stichhaltiger wissenschaftlicher Beweis fehlt

Laut Prof. Dr. Michael Muders, Direktor des Rudolf-Becker-Labors für Prostatakarzinomforschung und Oberarzt der Pathologie am Zentrum für Pathologie des Universitätsklinikums Bonn, legt die aktuelle Analyse zwar einen Zusammenhang zwischen Prostatkrebs und HPV nahe, ein stichhaltiger wissenschaftlicher Beweis würde jedoch immer noch fehlen.

„Seit 2015 gab es mehrere Publikationen, die eine Assoziation von HPV mit dem Entstehen von Prostatakarzinom nahelegen. All dies sind Assoziationsstudien, ein wirklich wissenschaftlicher Beweis steht weiterhin aus. Auch in diesem Review wird ein Zusammenhang zwischen einer HPV-Infektion und Prostatakarzinom nur aufgrund von Assoziationen nahegelegt. Dabei wurden stringentere Kriterien als in den früheren Metaanalysen angewandt. Trotzdem fehlt immer noch ein stichhaltiger wissenschaftlicher Beweis, auf dessen Grundlage weitere Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden können.“

Dies könne man entweder durch Experimente in Zellkulturen, in denen onkogene Humane Papillomaviren der sogenannten ‚high risk‘-Subtypen mittels genetischer Manipulation in nicht-neoplastische Zellen eingeführt werden, oder durch mögliche Tierexperimente mit derartigen Zellen nachweisen, erläutert der Experte weiter. Beides wurde bisher noch nicht publiziert.

HPV-Impfung zur primären Prävention

„Eine HPV-Impfung sowohl von Mädchen und Jungen ist aus medizinischer Sicht absolut zur primären Prävention des Gebärmutterhalskrebses aber auch von Plattenepithelkarzinomen im HNO-Bereich zu empfehlen”, betont Prof. Muders. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung von Jungen und Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren.

„Nachdem Infektionen mit HPV zu den sexuell übertragbaren Krankheiten gehören, wird eine Impfung vor dem ersten Sexualkontakt empfohlen. Leider ist in Deutschland diese Art der primären Prävention nicht so verbreitet wie zum Beispiel in skandinavischen Ländern. Hier besteht eindeutig Handlungsbedarf”, so der Experte weiter.

Alles in allem könne die aktuelle Assoziationsstudie der Impfempfehlung mehr Nachdruck verleihen. Doch im Fall des azinären Adenokarzinoms der Prostata sei der Zusammenhang zwischen HPV-Infektion und onkogener Transformation ungleich komplexer als bei den oben genannten Erkrankungen, schlussfolgert Prof. Muders.

  1. Lawson JS et al. (2020). Evidence for a causal role by human papillomaviruses in prostate cancer – a systematic review. Infectious Agents and Cancer. DOI: 10.1186/s13027-020-00305-8.
  2. Science Media Center. Prostatakrebs durch HPV – Evidenz und Impfempfehlung, 14.07.2020.

Bildquelle: © GettyImages/luismmolina

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