22. September 2020

Prostatakarzinom bei limitierter Lebenserwartung: Wird zu oft behandelt?

Ein flächendeckendes PSA-Screening birgt das Risiko der Überdiagnose und -behandlung von Low-Risk-Prostatakarzinomen, die nie zum Tode führen würden. Dies gilt insbesondere, wenn die verbleibende Lebenserwartung der Männer weniger als zehn Jahre beträgt. „Watchful waiting“ ist in diesen Fällen eine empfohlene Strategie – wird aber möglicherweise in der Praxis zu wenig umgesetzt.1

Lesedauer: 2 Minuten

Watchful waiting vs. aktive Überwachung

„Watchful waiting“ (WW) bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man nur die Krankheitserscheinungen bekämpft und aufgrund der begrenzten Lebenserwartung zu keinem Zeitpunkt das Prostatakarzinom therapieren will. Bei der aktiven Überwachung (AS) geht es eher darum, die kurative Behandlung zu verschieben bis Symptome auftreten.

Ziel beider Strategien ist es, insbesondere bei geringer Lebenserwartung den Betroffenen Komplikationen einer Operation oder Nebenwirkungen einer Hormonentzugs- oder Chemotherapie zu ersparen und die Lebensqualität in den letzten Lebensjahren zu erhalten.

2.393 Patienten untersucht

CT-Scan des Prostatakrebs bei einem 73-jährigen Mann. © Jochumsen MR et al. (2017) Ileus as First Sign of De Novo Neuroendocrine Prostate Cancer. Int Arch Urol Complic 3:021.

Die Michigan Urological Surgery Improvement Collaborative (MUSIC) hat in ihrem Register 2.393 Patienten mit Diagnose eines Prostatakarzinoms zwischen 2012 und 2018 identifiziert, die bei Diagnosestellung alle eine Lebenserwartung unter 10 Jahren aufwiesen. 14,9 % hatten ein Low-Risk-Karzinom, 40,7 % ein Karzinom mit einem intermediären Risiko und 41,5 % ein High-Risk-Karzinom.

Watchful Waiting bei weniger al 10 %

In der Gesamtkohorte entschied man sich bei 8,1 % der Männer für Watchful Waiting und bei 23,3 % für aktive Überwachung. 27 % erhielten eine primäre Androgen-Deprivationstherapie (ADT), 11,2 % eine radikale Prostatektomie, 3,6 % eine Brachtherapie und 1,7 % eine Chemotherapie. Auch bei den 358 Patienten mit Low-Risk-Karzinomen wurde bei 15,6 % eine aktive Therapie durchgeführt.

Höheres Alter ging mit einer geringeren Rate an AS im Vergleich zu WW (OR 0,88) und Therapie im Vergleich zu WW einher (OR 0,83). Auch ein höherer Komborbiditäts-Score machte eine aktive Therapie unwahrscheinlicher (OR 0,23)

Bei Tumorstadien ≥cT2 und höheren Zahlen positiver Biopsien war es wahrscheinlicher, dass die Patienten therapiert und nicht nur beobachtet wurden (OR 8,55 bzw. OR 1,41).

Übertherapie ohne Nutzen?

Die Autoren kommen aufgrund ihrer Daten zu dem Schluss, dass auch bei begrenzter Lebenserwartung beim Prostatakarzinom nur relativ selten eine „Watchful-Waiting-Strategie“ umgesetzt wird, bei der auf die Therapie verzichtet wird. Dies deute auf eine Übertherapie, von der die Patienten wahrscheinlich nicht profitieren.

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