Prostatakarzinom im Frühstadium: Bestrahlung wohl besser als Prostatektomie
Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) spricht sich für eine stärkere Beachtung der Strahlentherapie in der Behandlung von Patienten mit Prostatakrebs aus. Anlass sind die Ergebnisse der PACE-A-Studie, die aktuell im Fachblatt „European Urology“ erschienen sind. 1
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Autor: Dr. med. Thomas Kron | Redaktion: Dr. Nina Mörsch
Nach Angaben der Autoren ist diese Studie die erste randomisierte Phase-3-Studie zum Vergleich der stereotaktischen Bestrahlung (SBRT) mit der Prostatektomie beim lokalisierten Prostatakrebs im Frühstadium. Die Ergebnisse nach zwei Jahren Beobachtungsdauer belegten die Vorteile der Bestrahlung bei den für die Patienten so relevanten Parametern Inkontinenz und Sexualfunktion.
Drei Therapie-Optionen stehen zur Verfügung
Für Patienten mit lokal begrenztem Prostatakarzinom stehen Leitlinien zufolge die sogenannte „Aktive Überwachung“ (Active Surveillance), die Strahlentherapie und die radikale Prostatektomie zur Verfügung. In den aktuellen Leitlinien wird immer die Operation an erster Stelle genannt, obwohl die drei Therapie beim Parameter prostatakrebsspezifische Mortalität gleichwertig sind, wie etwa eine kontrollierte Studie mit einer 15-jährigen Beobachtungsdauer gezeigt hat („New England Journal of Medicine“).
„Doch häufig wird die erstgenannte Therapieoption von den Patienten als die beste bzw. an erster Stelle empfohlene Therapie missverstanden“, erklärt Professor Dr. Stephanie E. Combs, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie. „Angesichts der Ergebnisse der randomisierten PACE-A-Studie ist das besonders problematisch, es wäre nun an der Zeit, die Strahlentherapie in der Auflistung der Empfehlungen nach vorn zu stellen.“ Denn die aktuelle Studie zeigt, dass die Strahlentherapie im Hinblick auf Sexualfunktion und Kontinenz der Operation überlegen ist.
Bei Männern mit lokal begrenztem Prostatakarzinom ist die stereotaktische Radiotherapie (SBRT) mit fünf Fraktionen außerdem der herkömmlichen Strahlentherapie als zumindest ebenbürtig, wie die vor wenigen Tagen publizierte PACE-B-Studie gezeigt hat.
Die PACE-A-Studie
In die PACE-A-Studie eingeschlossen wurden Männer mit histologisch bestätigtem, lokal begrenztem Prostatakrebs mit niedrigem bis mittlerem Risiko (cT1c bis cT2c N0/X M0/X und Gleason Score ≤ 3+4 und PSA ≤ 20 ng/m). Der Zeitraum zwischen Biopsie und Randomisierung betrug max. 18 Monate. Die Patienten erhielten entweder eine stereotaktische Bestrahlung (SBRT) mittels CyberKnife oder Linearbeschleuniger (Linac) in einer Dosis von 5x7,25/8 Gy oder eine chirurgische Prostataentfernung, die in der Mehrzahl der Fälle (84 %) roboterassistiert (DaVinci-Roboter) erfolgte. „Es handelt sich somit um die erste Studie, die in beiden Armen modernste Behandlungsoptionen des Prostatakarzinoms miteinander vergleicht, das macht sie so wertvoll und praxisrelevant“, betont Professor. Dr. Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie am Campus Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, in einer Mitteilung der Fachgesellschaft.
Insgesamt wurden 123 Männer von August 2012 bis Februar 2022 randomisiert (60 erhielten eine Prostatektomie, 63 eine SBRT, die alle planmäßig nach fünf Fraktionen endeten). Das mediane Alter lag bei 65,5 Jahren und der mediane prostataspezifische Antigen (PSA)-Wert bei 7,9 ng/ml; 92 Prozent hatten eine Erkrankung mit mittelschwerem Risiko (PSA-Wert > 10-20 ng/ml oder Gleason-Score 7 oder cT-Kategorie 2b).
Die Hauptergebnisse
Zu Studienbeginn, in den Wochen 4 und 12 sowie in den Monaten 6, 9, 12 und 24 erfolgte eine Erhebung patientenberichteter Endpunkte (PROs) anhand von Fragebogen. Als koprimärer Endpunkt wurde die Zahl der Inkontinenzeinlagen/Tag erfasst.
Nach zwei Jahren benutzten 16/32 (50 %) der operierten und 3 von 46 (6,5 %) bestrahlten Patienten eine oder mehrere Einlagen täglich (p < 0,001); der nach Strahlentherapie beobachtete Wert entspricht etwa dem Normalwert in dieser Altersgruppe, d. h., die Bestrahlung hatte praktisch keine Auswirkungen auf die Kontinenz.
Pluspunkte bei der Lebensqualität
„Das macht einen großen Unterschied für die Lebensqualität der Patienten. Inkontinenz ist schambesetzt und noch immer ein großes Tabuthema, Betroffene ziehen sich häufig zurück in eine soziale Isolation, oft sind Einsamkeit, ein geringes Selbstwertgefühl und sogar Depression die Folgen“, erklärt Dunst. „Der Erhalt der Kontinenz ist daher für viele Prostatakrebs-Patienten ein wichtiges Kriterium für die Therapieentscheidung.“
Mindestens ebenso bedeutsam für die Lebensqualität ist der Erhalt der sexuellen Funktion – und auch diesbezüglich profitierten die Patienten der Studie deutlich von der Strahlentherapie. Die operierten Männer bewerteten diesen Lebensbereich deutlich schlechter als die bestrahlten Männer (median 19 Punkte vs. 62,5 Punkte). Der Anteil der Männer, die über mäßige bis schwere sexuelle Probleme berichteten, betrug 10 von 30 (33 %) in der Prostatektomie-Gruppe und 8 von 45 (18 %) in der Strahlentherapie-Gruppe.
Die Ergebnisse machen nach Angaben der Autoren deutlich, wie wichtig es ist, die mit beiden Behandlungsoptionen verbundenen Nebenwirkungen zu berücksichtigen. Einen Vorteil für die Op gab es nur im Hinblick auf die Darmfunktion, ebenfalls erfasst mit dem EPIC-Score. Die operierten Patienten gaben im Median einen Wert von 100 an, die bestrahlten von 87,5, der Unterschied war statistisch signifikant. Jürgen Dunst bewertet ihn dennoch als „insgesamt klein für die Behandlungsrealität“. Denn moderate oder schwere Beeinträchtigungen wurden bei keinem von 31 prostatektomierten Patienten und bei nur einem von 48 bestrahlten Patienten (2,1 %) gesehen. Die fäkale Inkontinenzrate unterschied sich nach 24 Monaten zwischen den Gruppen nicht.
„Wir wissen aus der Behandlungsrealität, dass für die Therapieentscheidung die Faktoren Kontinenz und Sexualfunktion ausschlaggebend sind – und die vorliegenden Daten zeigen, dass die moderne Strahlentherapie hier der modernen roboterassistierten Operation überlegen ist. Nun müssen die Betroffenen im Aufklärungsgespräch auch über diese Aspekte aufgeklärt werden, als Fachgesellschaft werden wir uns aktiv dafür einsetzen“, erklärt der Mitteilung zufolge der neue Generalsekretär der DEGRO, Professor Dr. Wilfried Budach.
Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis erschienen.
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