27. April 2021

Koronare Herzerkrankung und erektile Dysfunktion: Länger leben mit Viagra & Co.?

Männer mit stabiler koronarer Herzkrankheit (KHK), die wegen Erektiler Dysfunktion (ED) einen Phospho-Di-Esterase (PDE)-5-Inhibitor erhalten, scheinen eine höhere Lebenserwartung und ein geringeres Risiko für neue Herzattacken zu haben. Das berichten Dr. Daniel P. Andersson vom Karolinska Universitätsklinik, Stockholm, und Kollegen jetzt in JACC. Grundlage ist eine landesweite Beobachtungsstudie.1

Lesedauer: 3 Minuten

Autor: Dr. Jürgen Sartorius

„Die skandinavischen Register bieten spannende Möglichkeiten, die Wirkung von Medikamenten in der realen Welt nachzuvollziehen“, kommentiert Prof. Dr. Oliver Weingärtner von der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Jena. „Hinweise auf positive Effekte im Herz-Kreislauf-System von PDE-5-Inhibitoren über die Indikation der ED hinaus gibt es schon länger. Jetzt werden diese in großem Rahmen bestätigt bzw. wird ihnen nicht widersprochen.“

Eine andere Therapie der Erektilen Dysfunktion als Kontrolle

Andersson und Kollegen verglichen anhand schwedischer Patienten- und Verschreibungsregister die Daten von über 18.500 Männern, die zwischen 1994 und 2013 einen Herzinfarkt erlitten hatten. Alle Teilnehmer litten nach ihrem Myokardinfarkt an Erektiler Dysfunktion (ED). Sie erhielten entweder einen oralen PDE-5-Inhibitor wie Sildenafil (Viagra®) oder Prostagladin E1 (Alprostadil) als Injektion.

Im Vergleich zur Alprostadil-Gruppe (n=1.994) war das Mortalitätsrisiko in der PDE5-Inhibitor-Gruppe (n=16.548) um 12% verringert. Das Risiko für einen erneuten Myokardinfarkt lag um 19% niedriger, das für ein Herzversagen war sogar um 25% niedriger als unter Alprostadil.

Diese Werte errechneten sich nach einer sorgfältigen Adjustierung; Rohdaten lagen sogar deutlich weiter auseinander. Alle Angaben beruhten auf einem Beobachtungszeitraum von durchschnittlich 5,8 Jahren, wobei 6 Monate nach dem 1. Herzinfarkt mit der ED-Therapie begonnen wurde, um von einer Stabilisierung der KHK ausgehen zu können.

„Der Vergleich mit Alprostadil ist ein sinnvoller Ansatz, eine Kontrollgruppe aufzubauen“, erklärt Weingärtner. „Allerdings waren die Patienten in der Alprostadil-Gruppe trotz gleichen Alters signifikant morbider und erhielten im Schnitt umfangreichere Medikationen, darunter auch Nitrate.“

Trotzdem errechneten die Autoren nach ihrer Adjustierung für die PDE5-Inhibitor-Gruppe eine niedrigere Gesamtmortalität, weniger kardiovaskulär bedingte Todesfälle, weniger Myokardinfakte, weniger Herzinsuffizienzen und weniger Revaskularisationen. Alle Unterschiede zwischen den Gruppen waren statistisch signifikant. Tendenzen ergaben sich für die Verringerung von nicht-kardiovaskulär bedingten Todesfällen, peripheren arteriellen Erkrankungen und Schlaganfällen gegenüber der Alprostadil-Gruppe.

Je häufiger der Einsatz, desto größer der Benefit

Da in Schweden Krankenkassen ärztlich verordnete Medikamente zur ED-Therapie erstatten, gingen die Autoren davon aus, dass die im Register dokumentierten Verschreibungszahlen den tatsächlich verwendeten Dosen entsprachen. Sie teilten alle Patienten deshalb nach Anzahl der individuellen Verschreibungen in 5 Quintile auf.

In der PDE5-Inhibitor-Gruppe zeigte sich ein dosisabhängiger Effekt, da Männer mit mehr Verschreibungen ein bis zu 27% gesenktes Mortalitätsrisiko (5. Quintil) gegenüber denen mit den wenigsten Verschreibungen (1. Quintil) aufwiesen. Dieser Effekt zeigte sich allerdings, wenn auch weniger deutlich, in der Alprostadil-Gruppe.

Offen bleibt: Haben sexuell aktive Männer generell eine bessere Prognose?

„Dieser Outcome kann natürlich auch eine Bestätigung der These sein, dass ein aktiver Lebensstil mit Bewegung, zu dem auch sexuelle Aktivität gehört, generell das Risiko für atherosklerotische Erkrankungen verringert“, gibt Weingärtner zu bedenken. „Oder auch, dass Patienten mit besserer körperlicher Konstitution eher einen Phosphodiesterase-5-Inhibitor verordnet bekommen.“

Die Autoren äußern sich in ihrer Diskussion ähnlich und wünschen sich deshalb als Weiterführung ihrer retrospektiven Analyse einen prospektiven Vergleich von Patienten mit stabiler KHK, die entweder PDE5-Inhibitoren oder Placebo erhalten.

In einem Editorial gibt der Pharmakologe Prof. Dr. Renke Maas (Universität Erlangen-Nürnberg) allerdings zu bedenken, dass aufgrund des Settings nicht von einer kontinuierlichen Exposition der ED-Medikation auszugehen sei. Insofern könne man diese Ergebnisse nicht mit üblichen Studien vergleichen, die auf klaren Dosierungen aufbauten. „Obschon diese Studie den Grund für die positiven Effekte der PDE-5-Inhibitoren nicht eindeutig zeigen kann“, fasst Weingärtner zusammen, „scheint einer ärztlichen Verordnung für Patienten mit stabiler KHK bei erektiler Dysfunktion unter Beachtung aller Kontraindikation – wie etwa der Gabe von Nitraten – nichts im Wege zu stehen und vielleicht eine eher positive Prognose erwarten lassen.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.

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