20. Mai 2020

Prof. Sommer zu Testosteron:

„Wir dürfen keine Laborkosmetik machen“

Erhöhtes Herzinfarkt-, Schlaganfall- oder Thromboserisiko unter einer Testosterontherapie sowie die Richtwerte für einen Testosteronmangel werden immer wieder kontrovers diskutiert. Prof. Dr. med. Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e. V. (DGMG), beleuchtet hier den aktuellen Wissensstand.

Lesedauer: 5 Minuten

Interview: Marina Urbanietz

Wann können wir über einen Testosteronmangel sprechen? Die Richtwerte auf den Laborzetteln sind sehr inhomogen…

Prof. Dr. med. Frank Sommer, Facharzt für Urologie, Andrologie und Sexualmedizin
Prof. Dr. med. Frank Sommer, Facharzt für Urologie, Andrologie und Sexualmedizin

Prof. Sommer: Dies ist in der Tat sehr problematisch und verwirrt sowohl die Patienten als auch viele meiner ärztlichen Kolleginnen und Kollegen. Es gibt unterschiedliche Richtlinien, wobei wir uns in Deutschland am stärksten an den EAU-Guidelines richten, die den Normbereich von 12,1 bis 28 nmol/l (Gesamttestosteronwert) definieren. Der Grenzbereich liegt bei 8-12 nmol/l und als Testosteronmangel werden die Werte unter 8 nmol/l angegeben. Dies sind die Laborwerte soweit. Da wir jedoch keine Laborkosmetik machen, ist es sehr wichtig, auch auf die Symptomatik zu achten.

Wenn ein Patient klare Symptome hat, dessen Gesamttestosteronwert jedoch im Normbereich liegt, würde ich auch eine Therapie, als individuellen Heilversuch, wenn keinen anderen Ursachen ersichtlich sind, in Betracht ziehen, damit sich sein Gesamtzustand verbessert. Dabei muss es sich nicht zwingend um eine medikamentöse Therapie handeln – in vielen Fällen kann man mit einer Ernährungsumstellung oder Steigerung der sportlichen Aktivität gute Ergebnisse erzielen.

Bei Männern, deren Gesamttestosteronwert unter 8 nmol/l liegt, die jedoch keinerlei Symptome haben, würde ich keine therapeutischen Maßnahmen einleiten. Aber man sollte den Hb-Wert und die Knochendichte – zum Ausschluss einer Osteoporose – messen.

Die Sensibilität des Androgenrezeptors kann von Mann zu Mann stark variieren. Mittlerweile bieten viele Labore entsprechende humangenetische Untersuchungen an, wobei die CAG-Repeats am Testosteronrezeptor bestimmt werden. In welchen Fällen sind solche Untersuchungen sinnvoll?

Prof. Sommer: Früher habe ich diese Untersuchungen oft veranlasst, weil ich solche Korrelationen grundsätzlich interessant fand. Mittlerweile biete ich sie nur in Ausnahmefällen an, weil die Anamnese aus meiner Sicht im praktischen Alltag eine viel wichtigere Rolle spielt. Aus wissenschaftlicher Perspektive finde ich solche Zusammenhänge nach wie vor interessant, aber in meiner täglichen Praxis sind sie aktuell untergeordnet.

Es kommen immer wieder unterschiedliche Forschungsergebnisse in Bezug auf Testosterontherapie und erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko. Wie sieht die aktuelle Studienlage aus?

Prof. Sommer: Das ist eine sehr gute Frage. Tatsächlich gibt es mehrere Studien – u.a. auch mit großen Teilnehmerzahlen – die positive Effekte einer Testosterontherapie auf kardiovaskuläre Erkrankungen zeigen. Andererseits gibt es doch einige Studien – ebenso mit größeren Teilnehmerzahlen – die ein Risiko postulieren. Der grundsätzliche Tenor der International Society for Sexual Medicine (ISSM) ist jedoch, dass es mehr Publikationen gibt, die auf einen protektiven Charakter der Testosterontherapie hindeuten (Link). Es ist zudem bekannt, dass Männer mit Prostatakarzinom, die unter einer Antihormontherapie sind, ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben. Aus meiner Sicht deutet dies darauf hin, dass wir Hypogonadismus – auch in Hinblick auf kardiovaskuläre Risiken – auf jeden Fall vermeiden sollten.

Jedes Individuum ist jedoch unterschiedlich, ich möchte deswegen auch bei dieser Frage noch einmal betonen, dass wir die Patienten über alle möglichen Risiken und Nebenwirkungen aufklären müssen.

Zuletzt haben US-Forscher vor einem erhöhten Thromboserisiko in Bezug auf Testosterontherapie gewarnt. Was halten Sie von diesen Studienergebnissen (Link)?

Prof. Sommer: Grundsätzlich ist dieses Thema ernst zu nehmen. In der Studie wurde vor allem die Kurzzeittherapie mit Testosteron (ca. 3-6 Monate) mit einem erhöhten Thromboserisiko assoziiert. Besonders deutlich wurde dabei das erhöhte VTE-Risiko bei Männern unter 65 Jahren festgestellt. Man sollte alle Patienten grundsätzlich darüber aufklären, dass eine Hormonsubstitutionstherapie mit einem höheren Thromboserisiko einhergehen kann. Gleichzeitig möchte ich aber betonen, dass diese Studienergebnisse keine vehementen Gesundheitsgefahren ans Licht gebracht haben (Anm. der Red.: 2,3- Fach erhöhtes adjustiertes VTE-Risiko bei Männern mit Hypogonadismus unter 3-6-monatiger Testosterontherapie). Ähnliche Ergebnisse zeigten auch Studien mit Frauen unter oralen Kontrazeptiva. Die Aufklärung über diese Risiken ist aus meiner Sicht sehr wichtig, sodass die Entscheidung für oder gegen eine Testosterontherapie von gut aufgeklärten Patienten getroffen wird.

Einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass Phthalaten oder Bisphenol-A (BPA) zu einer Reduktion des Testosteronwerts führen können. Wie bewerten Sie die aktuelle Studienlage hierzu?

Prof. Sommer: Bisphenol A (BPA) und Phthalaten haben das wissenschaftliche Interesse aus reproduktionsmedizinischer Sicht schon seit längerem geweckt. Obwohl diese Substanzen eine kurze Halbwertszeit aufweisen, sind sie weit verbreitet und können daher kontinuierlich einen negativen Effekt auf den Körper haben. Die meisten wissenschaftlichen Daten stammen aus dem Tiermodell. Hier konnte man erkennen, dass es ein erhöhtes Risiko von urogenitalen Abnormalitäten bei der Exposition der Schwangeren für das Neugeborene gibt. Nach der Geburt hat eine solche Exposition einen negativen Effekt auf die Hypothalamus-Hypophyse-Gonadale Achse. Und damit wird diesen Substanzen auch ein negativer Effekt auf die Testosteronproduktion zugestanden.

Auch der Stellenwert unterschiedlicher Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine zur Steigerung des Testosteronwertes ist immer wieder Diskussionsthema. Wie gehen Sie bei der Beratung Ihrer Patienten vor?

Prof. Sommer: Eine ausgewogene Ernährung ist ein wichtiger Bestandteil meines Therapiekonzepts zur Normalisierung des Testosteronwertes. Um ein paar konkrete Lebensmittel zu nennen, finde ich Nüsse sehr sinnvoll (15-60 g pro Tag). Dabei können es Walnüsse oder Paranüsse sein, die letzteren haben laut Studien positive Einflüsse auf das kardiovaskuläre System. Auch Haselnüsse, Mandeln oder Erdnüsse, die viel L-Arginin enthalten, sind empfehlenswert.

Patientenberatung: In diesem Interview erläutert Prof. Sommer die gängigsten Risikofaktoren für erektile Dysfunktion, den Nutzen natürlicher Potenzmittel und gibt einfache Ernährungstipps, um den häufigsten Potenzproblemen rechtzeitig vorzubeugen (die Seite ist auch für Patienten frei zugänglich). Zum Interview >>

Außerdem empfehle ich Lebensmittel, die viel Flavonoide enthalten, wie z. B. Äpfel, Birnen, Erdbeeren, Heidelbeeren und Trauben. Um die Testosteronproduktion anzukurbeln, rate ich meinen Patienten auch zu den sogenannten „Kreuzblütlern“, wie Blumenkohl, Brokkoli oder Weißkohl. Die darin enthaltenen Carbinole sorgen für ein ausgeglichenes Testosteron-Östrogen-Verhältnis. Auch Haferflocken sind empfehlenswert, weil sie Avenacoside enthalten. Diese natürlichen Steroidsaponine heben den Testosteronspiegel an.

Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine:  Die meisten Peer-Review-Publikationen sprechen sich weitestgehend gegen Nahrungsergänzungsmittel aus. Zu erwähnen ist hier allerdings Tribulus terrestris, ein Mittel, das vor allem bei Sportlern beliebt ist. Einige Studien deuten darauf hin, dass es das LH (Interstitialzellen stimulierenden Hormones = ICSH) stimuliert, das die Produktion von Androgenen in den Hoden steuert und so die Testosteronproduktion ankurbelt. Eine kürzlich veröffentlichte Metaanalyse gibt einen guten Überblick über häufige Erektion- und Potenzmittel sowie ihre Evidenz.

Einige Studien haben zudem gezeigt, dass Vitamin D einen positiven Effekt auf die Testosteronproduktion haben könnte.

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