30. September 2019

DGU 2019

Hodentumoren: Wie praxistauglich ist die neue S3-Leitlinie?

Die aktuelle S3-Leitlinie zur operativen Therapie von Hodentumoren empfiehlt, beim Seminom vermehrt auf organerhaltende Optionen zu setzen. Doch die am Schnellschnitt orientierte OP-Strategie scheitert offenbar in der Praxis.

Lesedauer: 2 Minuten

Keim-Zell-Tumor des Hodens unter Mikroskopie © Getty Images/jxfzsy
Keim-Zell-Tumor des Hodens unter Mikroskopie © Getty Images/jxfzsy

Dieser Artikel beruht auf dem Vortrag von Professor Dr. Peter Albers auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU). 1 Redaktion: Dr. med. Horst Gross

Zurückhaltende Operationsindikation

Professor Dr. Peter Albers (Uniklinikum Düsseldorf) weist auf die, nach seiner Meinung zunehmende Inzidenz der Leydigzell-Sertoli-Tumore hin. Trotzdem rät er zu einer umsichtigen Herangehensweise. Initial ist nach seiner Meinung keine Therapie notwendig, wenn im Ultraschall nur ein geringes Volumen (< 30 % Hodenvolumen) vorliegt und die Marker nur minimal erhöht sind. „Eine Therapie nur aufgrund des Ultraschallbildes und der Marker zu initiieren, das wäre sicher nicht richtig“, so seine Einschätzung.

Sakraler Zugang

Entschließt man sich zu einem Eingriff, sollte der inguinal-sakrale oder besser der sakrale Zugang dominieren. Die Kritikpunkte für diesen Zugangsweg (Beeinflussung des Lymphabflusses), lässt er nicht gelten. Der Aspekt wird nur bei malignen Formen des Teratoms relevant, wie die Literatur zeigt. Der Herniotomie steht Albers kritisch gegenüber. „So etwas bei einem Patienten zu machen, nur um zu wissen, was im Hoden ist, ist eine unsinnige Entscheidung“, gibt er zu bedenken. Für obsolet hält er auch Operationstechniken, in denen der Hoden abgeklemmt wird (Ischämie).

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Insuffiziente Schnellschnitte

Im Weiteren verweis er auf seine schlechten Erfahrungen mit dem intraoperativen Schnellschnitt. Der Düsseldorfer Urologe sieht sich deshalb zu einer modifizierten Operationsstrategie veranlasst. „In den meisten Fällen sind die Schnellschnitte nicht so zuverlässig, dass ich mich für oder gegen eine Ablation entscheiden kann”, berichtet er aus seiner Praxis. Seminome würden zwar in der Praxis vom Pathologen immer korrekt beurteilt. „Aber wenn sie einzelne spindelzellartige Elemente haben, dann sind das eben zu häufig Stromatumore“ und die Ablation wäre dann nicht indiziert.

Histologie abwarten

Aus den Problemen mit dem Schnellschnitt hat der Düsseldorfer Urologe für sich Konsequenzen gezogen: „Wir nehmen den Befund heraus und lassen ihn in aller Ruhe untersuchen. Wenn ich dann weiß, dass es sich um einen malignen Hodentumor handelt, dann wird eine sekundäre Ablation durchgeführt”. Für den Patienten sei das manchmal schwer verständlich, aber nach seiner Erfahrung müssen mit dieser Strategie eben 80 % der Patienten nur einmal operiert werden.

Lokale Seminomtherapie

Bewegung kommt auch in die Therapie des Seminoms. Ein Tumor, der kaum noch im Stadium I therapiert wird, berichtet Albers. Die Konsequenz hieraus: Wir entdecken unter der aktiven Beobachtung sehr viel mehr Frührezidive. Eine aktuelle Studie prüft nun, ob eine zurückhaltende therapeutische Strategie in dieser Situation sinnvoll ist. Hierbei wird das entdeckte Frührezidiv nur lokal, operativ angegangen. Das ist möglich, da dieser Tumortyp primär nicht streut.

Erste Zwischenergebnisse der Studie (1,5 Jahre) sind ermutigend: Ca. 70 % der Seminompatienten mit kleinen Metastasen sind durch die lokale Therapie in den Griff zu bekommen. Da die Rezidivrate unter dem definierten Cut-Off-Wert von 30 % bleibt, wird diese Strategie weiter experimentell verfolgt. Damit zeigt sich, so Albers, dass das Seminom an sich keine deletäre Erkrankung darstellt.

1. 71. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), 2019, Veranstaltung: HODENTUMORNEUE LEITLINIEN Referat: Operative Aspekte, Albers, P., Düsseldorf

Bildquelle: © Getty Images/jxfzsy

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