11. Mai 2021

Der kleine, große Unterschied

Wie Ärzte Harnwegsinfekte bei Männern und Frauen unterschiedlich behandeln sollten

Sind Harnwegsinfekte in erster Linie Frauenleiden? Betrachtet man die Studienlage, könnte dieser Eindruck entstehen. Etliche Untersuchungen schließen Frauen ein, und manche Antibiotika sind für Männer aufgrund fehlender Daten nicht zugelassen. Studien mit Männern zu nicht-antibiotischen Therapeutika gibt es erst gar nicht.1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Autorin: Ute Eppinger

Sind Harnwegsinfekte in erster Linie Frauenleiden? Betrachtet man die Studienlage, könnte dieser Eindruck entstehen. Etliche Untersuchungen schließen Frauen ein, und manche Antibiotika sind für Männer aufgrund fehlender Daten nicht zugelassen. Studien mit Männern zu nicht-antibiotischen Therapeutika gibt es erst gar nicht.

Wegen der deutlich kürzeren Harnröhre und wegen altersbedingter Veränderungen im Östrogenspiegel kommen Harnwegsinfekte bei Frauen häufiger vor als bei Männern. 60% von ihnen erkranken mindestens einmal im Leben an einem symptomatischen Harnwegsinfekt. Doch auch 40% aller Männer seien betroffen, sagte Dr. Falitsa Mandraka, Infektiologin beim Labor Dr. Wisplinghoff in Köln, auf dem Onlinekongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Ein Umdenken hält die Referentin für überfällig: „Auch heute noch ist in vielen Köpfen drin, dass die Harnwegsinfektion eine Erkrankung der Frau ist, noch dazu speziell der jungen Frau.” Doch das sei nicht so.

Urosepsis tritt bei Männern häufiger auf

Geschlechtsverkehr spielt hier eine zentrale Rolle. Bei Frauen erhöhen eine verstärkte sexuelle Aktivität, Stichwort Honeymoon-Zystitis, und bestimmte Kontrazeptiva wie das Diaphragma das Risiko von Harnwegsinfekten. Ob die Pille schütze oder Harnwegsinfekte eher begünstige, sei noch nicht abschließend geklärt; die Studienlage dazu sei jedenfalls heterogen, so Mandraka.

Bei Männern beeinflusst die Häufigkeit von Analverkehr das Risiko. Beschneidungen scheinen ebenfalls eine Rolle zu spielen. Schon länger ist bekannt, dass Zirkumzisionen eine präventive Maßnahme gegen die Übertragung von HIV sein können. Möglicherweise gilt das auch bei anderen Erregern.

Zum Vergleich: Während in der Altersgruppe zwischen 20 bis 50 Frauen 13-mal so häufig wie Männer von Harnwegsinfekten betroffen sind (Männer: 64/10.000, Frauen: 861/10.000), verringert sich der Unterschied im Alter. Über 70 Jahren erkranken 1.990/10.000 Frauen, verglichen mit 816/10.000 Männern.

Frauen wiederum leiden zwischen 20 und 29 Jahren sowie zwischen 70 und 89 Jahren oft an Harnwegsinfekten; der 2. Gipfel ist etwa 30% höher als der 1.

Bei Männern beginnt das Risiko mit 60 Jahren anzusteigen, jedoch weniger stark als bei Frauen gleichen Alters. „Er“ leidet wiederum öfter an einer Urosepsis als „sie“. Das liegt vor allem an pathologischen Unterschieden. 80% der Patienten weisen eine Urosepsis durch Obstruktion auf; da spielen die Prostatavergrößerungen und auch die bei Männern häufiger vorkommenden Nierensteine eine Rolle.

Unkomplizierte Harnwegsinfekte – selten bei jungen Männern

Der unkomplizierte Harnwegsinfekt wird zu 76% von Escherichia coli verursacht. 20% gehen auf Enterokokken und 5% auf andere Bakterien (Proteus mirabilis 5%, Klebsiellen 3%). Bei jungen Frauen lässt sich in 10% bis 15% der Fälle auf Staphylococcus saprophyticus zurückführen. Wichtig ist dies, weil eines der First-Line-Medikamente – nämlich Fosfomycin – dagegen nicht wirkt. Bei Männern mit Harnwegsinfekten kommt Staphylococcus saprophyticus praktisch nicht vor.

Diagnostik und Differentialdiagnostik

Gynäkologische Erkrankungen sind bei Frauen die wichtigsten Differentialdiagnosen. Zur Abklärung reichen wenige Fragen aus:

  • Liegen klassische Symptome vor?
  • Gab es in der Vergangenheit schon Harnwegsinfektionen?
  • Falls ja, fühlen sich die Symptome jetzt ähnlich an?
  • Sind vaginale Beschwerden vorhanden?

Wird die letzte Frage mit Ja beantwortet, sollte eine Vorstellung beim Gynäkologen erfolgen.

Wichtigste Differentialdiagnose bei den Männern ist die Prostatitis. „Das gilt besonders für junge Männer, denn über 90% der jungen Männer weisen bei einem Harnwegsinfekt eine Prostata-Beteiligung auf“, berichtet Mandraka. „Das ist auch der Grund, weshalb bei jungen Männern der Anteil unkomplizierter Harnwegsinfekte extrem gering ist.“

Bei Männern mit Verdacht auf Harnwegsinfekt sei es hilfreich, den Acute Cystitis Symptom Score (ACSS), er kann über die DGU bezogen werden, einzusetzen. Generell gilt: Wenn Symptome vorhanden sind, sollte immer eine Kultur angelegt werden, außer bei Frauen mit unkomplizierter, nicht-rezidivierender Zystitis.

Grundsätzlich sollte nicht jeder Patient auf eine asymptomatische Bakteriurie gescreent werden. Behandelt werden muss diese nur bei Risikoschwangerschaften und bei Schleimhaut-traumatisierenden Eingriffen. Patienten aus den genannten Gruppen sollten deshalb gezielt mittels Urinkultur – nicht mit einem Teststreifen – auf eine asymptomatische Bakteriurie hin untersucht werden.

Oft fehlen Daten von Männern

Fosfomycin-Trometamol, orales Fosfomycin und Nitroxolin sind aufgrund fehlender Daten für Männer zur Therapie unkomplizierter Harnwegsinfekte nicht zugelassen. Was sollten Ärzte beachten?

„Zu Männern mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen gibt es Anwendungsbeobachtungen, die eigentlich sehr ermutigend sind“, weiß Mandraka. „Fosfomycin ist ein Präparat, das gut vertragen wird, hauptsächlich lokal in der Blase verbleibt und damit wenig Interaktionen verursacht.“

Bei Männern sollte man eine längere Therapiedauer wählen, mit oraler Fosfomycin-Applikation an den Tagen 1, 3 und 5. So gebe man dem Präparat Zeit, sich in der Blasenwand anzureichern

„Bei diesen Patienten hat man ein gutes Ansprechen gesehen, d.h. es gibt eine Behandlungsoption, aber sie bleibt natürlich trotzdem ein individueller Heilversuch”, fasst Mandraka zusammen.

Männer müssen länger therapiert werden als Frauen

Single-Shot-Antibiotika (Fosfomycin-Trometamol, Cotrimoxazol) stehen nur für Frauen zur Verfügung. Leitlinien raten nur zu Fosfomycin; Cotrimoxazol wird aufgrund zunehmender Resistenzen nicht empfohlen. Liegt bei Frauen weder eine Urosepsis noch eine Nierenbeckenentzündung vor, beträgt die Dauer der Antibiotikagabe zwischen 1 Tag und 5 Tagen. Männer ohne Urosepsis und ohne Nierenbecken-Entzündung sollten 7 Tage lang mit Antibiotika behandelt werden.

Kein Unterschied in der Dauer der Behandlung besteht, wenn eine Urosepsis oder eine Nierenbeckenentzündung vorliegen: Therapiert wird dann zwischen 10 und 14 Tagen. An rezidivierenden Harnwegsinfekten leiden auch Männer, wenngleich Frauen 4-mal so häufig betroffen sind.

Aus Prophylaxe-Erwägungen heraus länger zu therapieren, sei aber keine gute Idee, betont Mandraka: „Rezidive treten trotzdem auf, dann aber mit resistenteren Erregern und es kommt häufiger zu Nebenwirkungen besonders zu Colitiden, die mit C. difficile assoziiert sind.“ Ihr Fazit: „Damit gilt für Antibiotika auch bei Männern: Mehr bedeutet auch mehr Probleme”.

Dieser Beitrag ist im Original erscheinen auf Medscape.de

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