13. Januar 2022

Prostata reseziert

50.000 Euro Schmerzensgeld für groben Behandlungsfehler

Ein Patient klagt über erschwerte und schmerzhafte Blasenentleerungen. Eine Woche später wurde bei ihm eine transurethrale Resektion der Prostata durchgeführt. Doch was lief in diesem Fall schief?

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag wird vertreten von Alexa Frey, Fachanwältin für Medizinrecht. Redaktion: Marina Urbanietz

Vorstellung in der Klinik

Ein Patient der seit Anfang 2014 unter Prostatabeschwerden in Form von erschwerten und schmerzhaften Blasenentleerungen litt, stellte sich im August 2015 in der Klinik für Urologie des beklagten Klinikums vor. Dort erhielt der Patient bei fehlendem Bestehen von Restharn zunächst ein Antibiotikum für 5 Tage verordnet. Eine stationäre Aufnahme erfolgte nicht.

Drei Tage später stellte sich der Patient notfallmäßig erneut im selben Klinikum vor und wurde mit Verdacht auf eine Prostataentzündung stationär aufgenommen. Es wurde eine Blasenspiegelung und die Anlage eines Bauchdeckenkatheters durchgeführt. Zudem unterzeichnete der Patient einen Aufklärungsbogen für eine Ausschälungsoperation der Prostata. Die transurethrale Resektion der Prostata wurde drei Tage später durchgeführt. 

Die mikroskopische Untersuchung des Gewebes ergab als Zufallsbefund in weniger als 5 % ein wenig aggressives Prostatakarzinom und eine geringgradige chronische Entzündung. Der Patient wurde 5 Tage nach der Operation nach Katheterentfernung bei restharnfreier Blase entlassen.

Knapp eine Woche später kam es zu akuten Nachblutungen und Harnverhalt, was zur erneuten stationären Aufnahme führte. Es wurde eine Nachresektion von Prostatagewebe durchgeführt. Bei dem Patienten zeigten sich im weiteren Verlauf der teils stationären, teils ambulanten Behandlung eine Harnbelastungsinkontinenz 2.-3. Grades, die letztendlich die Implantation eines künstlichen Schließmuskels erforderlich machte. Danach war eine restharnfreie Entleerung möglich.

Medizinischer Sachverständiger kommt zu fehlerhafter Behandlung

Das Landgericht Detmold 1 stellte – beraten durch einen medizinischen Sachverständigen (Facharzt für Urologie) – fest, dass die Operation an der Prostata nicht hätte durchgeführt werden dürfen, während diese noch akut entzündet war. Eine absolute Indikation für die Ausschälungsoperation der Prostata liege laut Sachverständigem nur vor, wenn ein Prostataabszess bestehe.

Laut CT und Ultraschall sei das jedoch gerade nicht der Fall gewesen. Eine relative Indikation habe ebenfalls nicht vorgelegen, da die Harnblase restharnfrei entleert werden konnte und außerdem auch der Bauchdeckenkatheter zur Entleerung der Blase genutzt werden konnte.

Abheilung der Prostatitis erforderlich

Ferner habe während der Operation eine akute Prostatitis bestanden. Da die übliche durchschnittliche Behandlungszeit bei einer akuten Prostatitis zwischen vier und sieben Wochen liege und im Streitfall zwischen Beginn der ambulanten Behandlung (Erstvorstellung) und der Operation lediglich acht Tage lagen, wurde der Facharztstandard  durch die frühe Operation unterschritten.

Bevor die Operation durchgeführt werden durfte, hätte daher erst die Abheilung – oder zumindest die weitere Entwicklung – der akuten Prostatitis abgewartet werden müssen, denn erst danach hätte eine sinnvolle Neubewertung der Wasserlassproblematik erfolgen können, um aufgrund der sodann zu treffenden Feststellungen zu entscheiden, ob die Indikation für die Ausschälungsoperation vorgelegen hat. Zudem habe eine Operation während der bestehenden Prostatitis höhere Risiken für Komplikationen, insbesondere starke Blutungen, Schmerzen und Probleme beim Wasserlassen sowie akutem Harnverhalt.

Ferner hielt es der Sachverständige für wahrscheinlich, dass ein Zusammenhang zwischen der Operation und den folgenden Gesundheitsschäden bestand.  

Einschränkung der Lebensqualität

Bei der Bemessung des Schmerzensgeldes hat das Gericht berücksichtigt, dass sich die Heilung mittlerweile seit sechs Jahren hinziehe, und noch immer nicht alle Folgen beseitigt werden konnten. Die Lebensqualität des Patienten sei fortwährend eingeschränkt, bspw. müsse beim Radfahren ein Kondomurinal benutzt werden, um unfreiwilligen Harnverlust zu vermeiden. Das tägliche Leben müsse stets geplant werden. Es bestünden Schmerzen und Beschwerden. Der künstliche Schließmuskel schränke ebenfalls ein. 

Hinsichtlich der Schadenshöhe hielt das Gericht ein Schmerzensgeld von insgesamt 50.000 Euro für angemessen, die bereits vorprozessual gezahlten 3.000 Euro wurden angerechnet, sodass ein Restbetrag von 47.000 Euro verblieb. Zudem mussten materielle Schäden (Fahrtkosten, Haushaltsführungsschaden, Zuzahlungen, etc.) durch das Klinikum bzw. dessen Haftpflichtversicherer ausgeglichen werden.

Hinweis: Das besprochene Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Stand 13.01.2022

  • Alexa Frey ist selbständige Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht und Fachanwältin für IT-Recht. Sie berät Leistungserbringer im Gesundheitswesen in Fragen des Arzthaftungsrechts, IT-Rechts, Datenschutzes, Vertrags- und Gesellschaftsrechts, Vergütungsrechts und Medizinstrafrechts.
    Kontakt: frey@wws-ulm.de

  1. LG Detmold, Urteil v. 06.05.2021, Az.: 04 O 59/19

Bildquelle: © gettyImages/AndreyPopov

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