24. September 2019

DGU 2019

Gesundheitspolitik: das Ende der Rettungsstellen?

Die Politik plant, die Notfallversorgung komplett umzukrempeln. Einige Krankenhäuser bekommen integrierte Notfallzentren. Die Patientenflut in die Notaufnahmen soll durch verbindliche Vorabtelefonate in geordnete Bahnen gelenkt werden.

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Artikel beruht auf dem Vortrag von Dr. Matthias Gruhl auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU). 1 Redaktion: Dr. med. Horst Gross.

Zu viele Rettungsstellen

„Mittlerweile verzeichnen wir in Deutschland jährlich 250 Erste-Hilfe-Kontakte pro 1000 Einwohner“, beschreibt der hamburgische Staatsrat Dr. Matthias Gruhl das Problem zu Beginn seines Kongressvortrags. Immer mehr Menschen gehen mit ihren akuten gesundheitlichen Problemen lieber gleich ins Krankenhaus. Das Resultat: Seit ca. zwei Jahren nehmen die elektiven Krankenhauseinweisungen rapide ab.

Patientenakquirierung

Gleichzeitig sind die Rettungsstellen zu einem Instrument der Patientenakquirierung geworden, so Gruhl. Denn jeder zweite Ambulanzpatient wird anschließend stationär aufgenommen. Notfallpatienten bilden das finanzielle Rückgrat gerade kleinerer Kliniken.

Hinzu kommt, dass die meisten der 1455 Plankrankenhäuser in Deutschland über eine Rettungsstelle verfügen. „Das sind viel zu viele“, gibt der Hamburger Staatsrat für Gesundheit und Verbraucherschutz zu bedenken. Im internationalen Maßstab reicht eine gut ausgestattete Notfallambulanz für 250.000 Einwohner aus. Rein rechnerisch müssten demnach drei Viertel der deutschen Kliniken ihre Ambulanz schließen. So weit werde die Politik sicher nicht gehen, vermutet Gruhl.

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Vorab telefonieren

Das geplante Gesetz umfasst zwei Eckpunkte: Zum einen entscheidet nicht mehr der Patient, wo seine akuten medizinischen Probleme  behandelt werden. Am Anfang steht immer der Anruf bei der zentralen Leitstelle, egal, ob Verkehrsunfall oder Erkältung. Ein Leitstellenarzt legt fest, wann der Rettungswagen kommt, wer ein Krankenhaus aufsuchen darf oder ob es ein Fall für den Hausarzt ist. 2

Integrierte Notfallzentren

Zum anderen wird die klassische Rettungsstelle durch neu zu schaffende integrierte Notfallzentren (INZ) ersetzt. Klinikärzte und ambulante Kollegen behandeln hier je nach Sachlage. Wie viele dieser Zentren eingerichtet werden, ist noch offen. Klar ist aber jetzt schon: Kliniken, die ihre Ambulanz verlieren, müssen mit massiven finanziellen Einbußen rechnen. Das sei politisch durchaus gewollt, räumt Gruhl ein.

Politische Verantwortungslosigkeit

An diesem Punkt setzte auch die Publikumskritik ein: Wieder einmal drücke sich die Gesundheitspolitik um die Verantwortung für Klinikschließungen. Stattdessen nutzt man die Reduzierung der Rettungsstellen, um die unliebsamen kleineren Kliniken in die Pleite zu treiben. Den schwarzen Peter schiebt die Politik bei diesem Manöver den Ärzten in den Leitstellen zu. Die müssen dann am Telefon über das Schicksal der Patienten entscheiden und für Fehleinschätzungen haften.

Beispiel Kopenhagen

Ein Argument, das der Hamburger Gesundheitspolitiker Gruhl nicht gelten lässt. In Kopenhagen würden jährlich zwei Millionen ambulante, medizinische Notlagen obligat telefonisch gemanagt. Nur drei gravierende Fehlentscheidungen pro Jahr seien dort zu verzeichnen. Das Konzept sei demnach längst praxistauglich.

  1. Quelle: 71. Jahreskongress der Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), 2019 Veranstaltung:  Berufspolitik – Notfallversorgung – geänderte Strukturen – Auswirkungen auf Qualität und Wirtschaftlichkeit, Staatsrat Matthias Gruhl (Senat Hamburg)
  2. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesens: Gutachten 2018 – Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung

Titelbild: © dpa Picture-Alliance GmbH/Christian Ohde

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