05. Februar 2021

US-Urologe berichtet

6 bekannte Wirkstoffklassen, die Potenz & Orgasmus stören

Ein Viertel aller Rezepte wird nicht eingelöst. Dabei werden die Nebenwirkungen, die sich auf das sexuelle Leben auswirken, als häufiger Grund für die mangelnde Compliance genannt. Dr. Henry Rosevear, niedergelassener Urologe aus den USA, berichtet hier über 6 Wirkstoffklassen, die das Sexualleben beeinflussen können.

Lesedauer: 3 Minuten

Autor: Dr. Henry Rosevear, niedergelassener Urologe in Colorado Springs, Colorado (USA). Dieser Artikel wurde von Markus Vieten übersetzt und adaptiert.

1. Herz-Kreislauf: Antihypertensiva

Wir gehen automatisch davon aus, dass einem Patienten mit kardiovaskulären Problemen seine Gesundheit wichtiger ist als seine Erektionsfähigkeit. In der realen Welt ist das jedoch nicht immer der Fall.

Die Erektion ist eine vaskuläre Funktion. Daher führt alles, was die Blutzufuhr zum Penis beeinträchtigt, zu einer erektilen Dysfunktion. Aus diesem Grund sind Antihypertensiva (z.B. Spironolacton oder alle Thiazide) berüchtigt, weil sie sich negativ auf die Erektionsfähigkeit auswirken.

Da während der sexuellen Stimulation der Puls einer Person ansteigt, gehören Betablocker wie Metoprolol, die zu allem Überfluss eben diesen Anstieg der Herzfrequenz begrenzen sollen, mit Blick auf die Sexualität zu den schlimmsten Vertretern dieser Medikamentengruppe.

2. Prostata: Alphablocker

Ich verschreibe täglich Alphablocker als First-Line-Therapie gegen die benigne Prostatahyperplasie. Sie sind billig, generisch und wirken wirklich gut. Leider können sie das Sexualleben eines Mannes in zweierlei Weise negativ beeinflussen.

Erstens senken die Medikamente der 1. Generation (z.B. Terazosin und Prazosin) auch den Blutdruck und bringen daher das gleiche Problem wie alle Blutdrucksenker mit sich: Sie verringern den Blutfluss zum Penis und verstärken daher eine erektile Dysfunktion.

Die 2. Nebenwirkung, die auch bei den neueren Generationen von Alphablockern (z.B. Tamsulosin oder Silodosin) häufig gesehen wird, ist die retrograde Ejakulation. Seien wir ehrlich: Für manche Männer fühlt sich Sex ohne Ejakulation nicht „richtig“ an.

Alphablocker entspannen die Muskeln im Blasenhals, sodass das Ejakulat in die Blase statt aus dem Penis gelangt. Diese Nebenwirkung ist sehr patienten- und medikamentenspezifisch, sodass ein Wechsel des Alphablockers das Problem nicht immer löst.

3. Depressionen: SSRI

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind eine der zahlreichen Medikamentenklassen, die zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden. Vertreter wie Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin, Citalopram und Escitalopram haben alle eine sexuelle Nebenwirkung, die sowohl für Männer als auch für Frauen sehr beeinträchtigend sein kann. Sie verzögern nämlich die Ejakulation bzw. den Orgasmus.

Diese Nebenwirkung ist so häufig, dass ich umgekehrt sogar niedrig dosiertes Paroxetin bevorzugt bei Männern gegen vorzeitige Ejakulation einsetze.

4. Andere Antidepressiva

Fast alle Antidepressiva können die Libido negativ beeinflussen, etwa trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Doxepin, Imipramin, Nortriptylin), Monoaminoxidase(MAO)-Hemmer (Phenelzin, Tranylcypromin) und antipsychotische Wirkstoffe (Thioridazin, Thiothixen, Haloperidol).

Einige Antidepressiva, wie z.B. Citalopram (siehe oben unter Punkt 3), können die Spermienzahl dramatisch senken oder sogar eine Azoospermie verursachen.

Ich möchte keinesfalls vorschlagen, Depressionen aufgrund dieser Nebenwirkungen nicht medikamentös zu behandeln. Doch sollten die Patienten über die Nebenwirkungen aufgeklärt werden, damit sie und ihre Angehörigen wissen, was sie zu erwarten haben.

5. Krebs: Medikamente beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom

Bis vor einigen Jahren noch beschränkten sich die therapeutischen Möglichkeiten bei Patienten mit einem fortgeschrittenen Prostatakarzinom auf die chemische Kastration. Heute gibt es eine Reihe von guten Wirkstoffen, die sowohl das Überleben der Betroffenen verlängern als auch ihre Lebensqualität deutlich erhöhen.

Leider spielt es keine Rolle, ob der Patient eine Hormontherapie der 1. Generation (Leuprolid) oder eines der Medikamente der neueren Generation (Darolutamid, Enzalutamid, Apalutamid oder Abirateron) erhält.

Sie alle vermindern die Libido drastisch, indem sie den Testosteron-Spiegel senken. Da das zugrunde liegende Karzinom hormonsensitiv ist, gibt es keine geeignete Möglichkeit, den Serum-Testosteron-Spiegel zu erhöhen, ohne dabei das Risiko einzugehen, dass das Krebswachstum zunimmt.

6. Potenz: PDE5-Hemmer (Phosphodiesterase-5-Hemmer)

Ja, mir ist klar, dass PDE5-Hemmer (Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil und Avanafil) eingesetzt werden, um Männern zu Erektionen zu verhelfen. Daher mag es seltsam erscheinen, diese Mittel in eine Diskussion über Medikamente einzubeziehen, die das Sexualleben eines Patienten beeinträchtigen können.

Aber diese Medikamente haben, wie alle wirksamen Medikamente auch Nebenwirkungen. Nach der Einnahme dieser Substanzen können sich Kopfschmerzen, eine verstopfte Nase, Gesichtsrötung und Sodbrennen einstellen und den Spaß verderben.

Raten Sie Ihren Patienten, vor der Einnahme dieser Wirkstoffe nichts zu essen, Alkohol zu meiden, ausreichend zu trinken, die Nebenwirkungen mit rezeptfreien Medikamenten wie Paracetamol oder Ibuprofen zu bekämpfen und sich die schönen Momente nicht verderben zu lassen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf medscape.de, 03.02.2021

Bildquelle: © GettyImages/Chinnapong

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653