15. April 2020

Bauch- und Hodenschmerz

Atypische Präsentation von Covid-19

Mit zunehmender Verbreitung von Covid-19 stößt man auch auf Fälle mit atypischem Verlauf. Jesi Kim und ihre Kollegen von der Harvard Medical School of Boston berichten von einem 42-jährigen Patienten, der sich mit Schmerzen im Abdomen und in den Hoden vorstellte und dann positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde. Dieser Fallbericht wurde kürzlich im American Journal of Emergency Medicine veröffentlicht. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

The Massachusetts General Hospital emergency area during the Covid-19, Corona Virus Pandemic (© Kenneth Martin/<span>ZUMA</span> Wire)
The Massachusetts General Hospital emergency area during the Covid-19, Corona Virus Pandemic (© Kenneth Martin/ZUMA Wire)

Dieser Beitrag basiert auf einem aktuellen Fallbericht, der im American Journal of Emergency Medicine veröffentlicht wurde. In der Originalpublikation können Sie sich auch die dazugehörigen Fallbilder ansehen. 1

Seit 8 Tagen abdominale, testikuläre & lumbale Schmerzen

Als der Patient von seinem Hausarzt in die Notaufnahme des Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston überwiesen wurde, litt er schon seit acht Tagen unter zunehmenden abdominalen, testikulären und lumbalen Schmerzen. Eine Woche vorher hatte er sich bereits mit Verstopfung beim Hausarzt vorgestellt. Der Patient schilderte den konstant vorhandenen Schmerz als stechend und von der Leiste in Abdomen, Flanke, Rücken und Brust ziehend.

Zwei Tage vorher habe er ein Gefühl von Fieber gehabt – Schnupfen, Halsschmerzen, Husten Atemnot oder Übelkeit und Erbrechen lagen nicht vor.

Pneumonie mit Milchglastrübung

Bei Vorstellung in der Notaufnahme war der Patient afebril und hämodynamisch stabil. Die körperliche Untersuchung ergab einen diffusen Druckschmerz im Abdomen. Die Hoden waren palpatorisch unauffällig. Laborwerte einschließlich Leukozytenzahl waren normal, ebenso wie ein Thoraxröntgenbild.

Im CT von Abdomen und Becken fielen aber an der Lungenbasis milchglasartige Eintrübungen auf. Daraufhin wurde eine Pneumonie mit möglicher Colitis diagnostiziert und der Patient wurde nach Start einer Antibiotikatherapie mit Cefpodoxim und Azithromycin in die hausärztliche Betreuung entlassen.

Mögliche Ansteckung mit Covid-19 schon vor zwei Wochen

Zwei Tage später rief der Hausarzt die Notaufnahme an und berichtete, dass der Patient positiv auf Covid-19 getestet worden war. Anlass der Testung war die Teilnahme an einer Biotechnologie-Konferenz vor zwei Wochen, die als Ausgangspunkt der Ausbreitung in Massachusetts galt. Auf der Notaufnahme hatte der Patient zwei Stunden im Warteraum ohne persönliche Schutzausrüstung verbracht. 25 Menschen  – sowohl Patienten als auch medizinisches Personal – wurden im Zusammenhang mit seinem Besuch der Notaufnahme als mögliche ungeschützte Kontaktpersonen identifiziert.

Eigentlich hätten die relativ typischen Befunde im Thorax-CT, die man bei 88 % der Infizierten findet, schon Anlass sein können, an die Möglichkeit von Covid-19 zu denken, schreiben die Autoren. Durch die atypischen Symptome und Lücken in der Kommunikation sei man aber zum damaligen Zeitpunkt am Anfang der Pandemie nicht in der Lage gewesen, die Befunde richtig zu interpretieren.

Schutzmasken für alle Patienten im Warteraum

Da atypische Verläufe mit der weiteren Ausbreitung von Covid-19 noch zunehmen werden, sollte grundsätzlich jeder Patient in der Notaufnahme zumindest eine Atemschutzmaske tragen, fordern die Autoren. Ein weiterer wichtiger Punkt, ist die verbesserte Kommunikation unter allen beteiligten Ärzten. Beides hätte in diesem Fall möglicherweise dutzende von Menschen vor einer Ansteckung bewahren können.

  1. Jesi Kim et al; Abdominal and testiculair pain: An atypical presentation of COVID-19; American Journal of Emergency Medicine (2020); DOI: https://doi.org/10.1016/j.ajem.2020.03.052

Bildquelle: © picture alliance/ZUMA Press

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