26. September 2019

Ambulante Zystoskopie: Ein juristisches Risiko?

Auch in der urologischen Arztpraxis lauern juristische Fallstricke. So kann aus einer Routinezystoskopie durchaus ein veritabler Haftungsfall werden. Ein lehrreiches, fiktives Beispiel wurde auf dem aktuellen Urologenkongress in Hamburg präsentiert.

Lesedauer: 1 Minute

Dieser Artikel beruht auf dem Vortrag von Rolf Eichenauer und Helmut Haas auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU). Redaktion: Dr. med. Horst Gross

Notfallzystoskopie

Ein 79-jähriger Patient stellte sich mit einer plötzlich aufgetretenen, schmerzlosen Makrohämaturie in der Praxis vor. Bis auf eine geringgradige Balanitis, einen Diabetes mellitus und eine arterielle Hypertonie war er klinisch unauffällig. Große Sorgen  bereitete ihm allerdings der Urinbefund. Zurecht, denn in der Sonografie zeigte sich ein tumorverdächtiger Befund. Um die Ungewissheit zu beenden, entschließt sich der Urologe zu einer sofortigen Zystoskopie. Zudem hatte der Patient die stationäre Abklärung strikt abgelehnt. Wie erwartet, wird ein Tumor als Blutungsquelle identifiziert und eine Histologieprobe genommen. Soweit lief alles im Rahmen der üblichen Routine. Doch dann nahm die Geschichte Fahrt auf.

Urosepsis

Nach vier Tagen stellte sich der Patient  in stark reduziertem Allgemeinzustand und mit hohem Fieber erneut vor. Die Laborwerte waren beunruhigend und sprachen für eine Urosepsis, eine seltene Komplikation der Zystoskopie. Die nun dringend indizierte Krankenhausaufnahme lehnte der Patient wiederum ab. Alternativ wurde ambulant eine Breitbandantibiose durchgeführt, die sich schnell als suffizient erwies. Nach wenigen Tagen war der Spuk vorbei. Die anschließend stationär durchgeführte Tumorresektion verlief komplikationslos.

Klage angedroht

Doch dann folgt die böse Überraschung: ein Brief vom Rechtsanwalt des Patienten. Die Urosepsis sei Schuld des Urologen. Die Zystoskopie sei kein Notfalleingriff gewesen, die Aufklärung am gleichen Tag somit unwirksam. Außerdem wird das Hygienemanagement der Praxis frontal angegriffen. Der Anwalt behauptet, dass das Zystoskop unsteril war.

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Neue Therapien im Bereich der Uroonkologie, Inkontinenz und Urolithiasis; die Sinnhaftigkeit des PSA-Tests zur Früherkennung von Prostatakarzinom oder die Reform der Notfallversorgung – hier finden Sie alle wichtigen urologischen Themen mit Expertenmeinungen und praxisrelevanter Einschätzung der coliquio-Mitglieder.

Juristische Achillesferse

Als simulierte Gerichtsverhandlung diskutierte das Panel die Konstellation. Und tatsächlich, der Patient hat einiges in der Hand. Zwar war die Formularaufklärung korrekt, aber sie ging nicht auf die  Balanitis ein, die eventuell ein relevanter Risikofaktor für eine infektiöse Komplikation ist. Strittig war auch, ob ein Notfall vorlag. Denn nur dann darf sofort nach der Aufklärung gehandelt werden. Außerdem kritisierte das „Gericht”, dass die Desinfektionstechnik nicht dokumentiert wurde. Der pauschale Vorwurf, in der Praxis bestünden gravierende Hygienemängel, ließ sich dagegen schnell abschmettern. Der betroffene Urologe achtet penibel auf die Dokumentation der Hygiene- und Sterilisationsmaßnahmen und bewahrt Sterilisationsaufkleber patientenbezogen auf. Urteile werden in diesem Forum jedoch bewusst nicht gefällt.

Vertrauensverlust

Ein Fall, der im Plenum einen bitteren Beigeschmack zurücklässt. Denn irgendeine juristische Lücke findet sich immer, wenn Patienten klagen wollen und das tun sie immer häufiger. Im Grunde geht es hier auch nicht um Haftungsprobleme. Die eigentliche Ursache sei das zunehmend zerrüttete Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, so die einhellige Meinung des Plenums. Schließlich stellen manche Kollegen auch die Notwendigkeit einer detaillierten Dokumentation der Zystoskopie infrage.

  1. 71. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), 2019, Veranstaltung: Fälle vor Gericht – Wie hätten Sie entschieden? Referat: „Harnwegsinfektion nach Zystoskopie – alles unterschrieben und sauber“? Eichenauer, R.H., Hamburg Haas, H., Heppenheim

Bildquelle: © Getty Images/BCFC

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