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Urologie-Trends

26. Apr. 2024
Akutes Nierenversagen

Nierenschäden durch haarglättende Produkte?

Die Verwendung von Haarglättungsmitteln, die Glyoxylsäure enthalten, birgt das Risiko eines akuten Nierenversagens infolge der Akkumulation von Kalziumoxalatkristallen in den Nieren, so ein französisches Forschungsteam. Es hatte in Tierversuchen ein Haarglättungsmittel untersucht, das im Verdacht steht, für mehrere Episoden von Nierenschädigungen bei einer jungen Frau verantwortlich zu sein.

Lesedauer: ca. 3 Minuten

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Haarglättende Produkte, die Glyoxylsäure enthalten, schädigen einer französischen Studie zufolge die Nieren. (Foto: Getty Images PeopleImages)

Autor: Vincent Richeux | Übersetzung & Redaktion: Dr. Annukka Aho-Ritter

„Die Ergebnisse an Mäusen sind frappierend“, sagte Studienautor Dr. Emmanuel Letavernier, Nephrologe am Tenon-Krankenhaus in Paris (Frankreich). „Die Tiere entwickeln innerhalb von 24 h nach dem Auftragen der Glättungscreme ein extrem schweres akutes Nierenversagen. Proben zeigen das Vorhandensein von Kalziumoxalatkristallen in allen Nierentubuli.“

Angesichts der potenziellen Nephrotoxizität von Glyoxylsäure bei topischer Anwendung sollten Produkte, die diese Verbindung enthalten, vermieden und idealerweise vom Markt genommen werden, erklärten die Forschenden jüngst in ihrer Schilderung des Falls im New England Journal of Medicine.1 Die zuständigen Abteilungen der französischen Agentur für Lebensmittel, Umwelt und Arbeitsschutz seien alarmiert worden, so Dr. Letavernier weiter.

Vom Frisiersalon ins Krankenhaus

In dem französischen Fall ging es um eine 26-jährige Frau ohne bekannte Vorerkrankungen, bei der es im Abstand von je einem Jahr zu 3 Episoden akuter Nierenschäden gekommen war. Es stellte sich heraus, dass jeder Vorfall kurz nach einer Haarglättung in einem Frisiersalon in Marseille aufgetreten war.

Die Patientin berichtete, dass sie während der Haarbehandlung ein brennendes Gefühl verspürt hatte. Es traten Reizungen der Kopfhaut auf. Danach kam es zu Erbrechen, Durchfall, Fieber und Rückenschmerzen. Analysen ergaben bei jeder Episode hohe Plasmakreatininwerte als Indikator für ein Nierenversagen. Eine CT-Untersuchung ergab keine Anzeichen einer Harnwegsobstruktion. Allerdings hatte die Patientin einen kleinen Nierenstein. Weitere Analysen ergaben, dass der Urin Blut und Leukozyten enthielt. Es lag jedoch keine Proteinurie oder Harnwegsinfektion vor.

Nach jeder Episode verbesserte sich die Nierenfunktion rasch. „Wiederholte Episoden von akutem Nierenversagen sind jedoch ein wichtiger Risikofaktor für die langfristige Entwicklung von chronischem Nierenversagen“, so Letavernier. Das Forschungsteam stellte die Creme sicher, die im Frisiersalon zum Glätten der Haare verwendet wurde. Sie enthielt eine erhebliche Menge an Glyoxylsäure, aber keine Glykolsäure.

Nephrotoxizität im Tierversuch belegt

Um die potenziell nephrotoxische Wirkung zu untersuchen, führten die Forschenden eine Studie an 10 Mäusen durch. Die Tiere wurden in 2 Gruppen aufgeteilt; bei der einen Gruppe wurde das Produkt topisch angewendet, die andere erhielt ein Gel ohne aktives Produkt (Kontrollgruppe).

Die Mäuse, die dem Produkt ausgesetzt waren, hatten im Gegensatz zu den Mäusen der Kontrollgruppe Oxalatkristalle im Urin. Eine Untersuchung bestätigte Kalziumoxalat-Ablagerungen in den Nieren. Die Plasmakreatininwerte stiegen nach der Exposition mit Glyoxylsäure deutlich an.

„Nachdem sie die Epidermis passiert hat, wird Glyoxylsäure im Blut schnell zu Glyoxylat umgewandelt. In der Leber und wahrscheinlich auch in anderen Organen wird Glyoxylat zu Oxalat umgewandelt, das bei Kontakt mit Kalzium im Urin Kalziumoxalatkristalle bildet“, so der Spezialist.

Überschüssige Kalziumoxalatkristalle, die zu Nierenversagen führen, treten bei seltenen Erkrankungen wie der primären Hyperoxalurie auf, einer genetischen Erkrankung, die den Leberstoffwechsel beeinträchtigt, oder der enterischen Hyperoxalurie, die mit einer erhöhten Durchlässigkeit des Darms für Oxalat (einem Anion, das natürlicherweise in bestimmten Pflanzen vorkommt) zusammenhängt.

Ersatz für Formaldehyd, aber nicht ohne Risiken

Glyoxylsäure wird seit kurzem in bestimmten kosmetischen Produkten (z. B. Shampoos, Stylinglotionen und Glättungsprodukten) eingesetzt, oft als Ersatz für Formaldehyd, das reizend und möglicherweise krebserregend ist. Glyoxylsäure wird wegen ihrer glättenden Eigenschaften geschätzt. Es wird jedoch empfohlen, den Kontakt mit der Kopfhaut zu vermeiden.

Bislang könnte unterschätzt worden sein, wie viele Nierenkomplikationen auf das Konto dieser Produkte gehen, so die Forschenden, die deswegen nun eine landesweite Erhebung vorbereiten. Denn: Nierenversagen kann stumm verlaufen. Zu den Anzeichen, die Anlass zur Besorgnis geben sollten, gehören „Kopfhautreizungen, die mit Übelkeit oder Erbrechen nach einem Friseurbesuch einhergehen“, so Dr. Letavernier.

Ist Glykolsäure sicher?

Über ähnliche Fälle wurde in der Literatur bereits berichtet. Ein israelisches Team beschrieb kürzlich 26 Fälle, die wegen akuter Nierenschäden nach dem Glätten von Haaren in Frisiersalons behandelt wurden.2 Bei Biopsien wurden Kalziumoxalatkristalle in den Nieren festgestellt. Das israelische Forschungsteam vermutete als Ursache Glykolsäure, eine weitere Substanz, die in vielen kosmetischen Produkten, einschließlich Glättungsmitteln, enthalten ist. Sie konnten jedoch keine Beweise dafür erbringen.

Durch eine zweite Tierstudie, die demnächst veröffentlicht werden soll, konnten Dr. Letavernier und sein Team diese Hypothese entkräften. „Glykolsäure stellt kein Problem dar. Im Gegensatz zu Glyoxylsäure führt die Anwendung von Glykolsäure auf der Haut von Mäusen weder zur Bildung von Oxalatkristallen in den Nieren noch zu akutem Nierenversagen.“

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

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