Langzeit-Auswirkungen einer COVID-AKI
Eine Infektion mit COVID-19 geht in vielen Fällen mit einer akuten Nierenschädigung (AKI) einher, die in den folgenden Monaten zu einem schnellen Verlust der Nierenfunktion führen kann. Eine aktuelle Studie hat untersucht, wie solche COVID-19-AKIs sich langfristig auswirken.1
Lesedauer: ca. 6 Minuten

Autor: Matthias Steigerwald
COVID-19-Infektionen gehen häufig mit akuten Nierenschädigungen (acute kidney injury, AKI) einher, die in den darauffolgenden Monaten zu einem schnellen Nachlassen der Nierenfunktion führen können. Wie sich die Komplikation langfristig auf die Nieren und die Mortalität betroffener Personen auswirkt, ist jedoch nicht ausreichend untersucht. Eine retrospektive, longitudinale, multizentrische Kohortenstudie hat sich dieser Fragestellung nun mithilfe elektronischer Akten von Patientinnen und Patienten angenommen. Die Ergebnisse sind kürzlich in JAMA Internal Medicine veröffentlicht worden.¹
Studiendesign
Die US-amerikanische Studie berücksichtigte Daten von insgesamt 9.624 Personen, die mit einer AKI hospitalisiert worden waren; das mittlere Alter betrug 69 Jahre und 51,5 % waren weiblich. AKI wurde dabei gemäß den KDIGO (Kidney Disease Improving Global Outcomes)-Kriterien als Anstieg der Kreatinin-Konzentration um 0,3 mg/dl innerhalb von 48 Stunden oder als relativer Anstieg um 50 % oder mehr innerhalb von 7 Tagen definiert.
Von den berücksichtigten Personen hatten 987 zwischen März 2020 und Juni 2022 eine Coronainfektion (COVID-Gruppe), die mithilfe einer Polymerasekettenreaktion (PCR)-Untersuchung nachgewiesen wurde. Als Kontrollgruppen dienten 276 Teilnehmende mit einer Influenza-A- oder -B-Infektion in den 5 Jahren vor Beginn der Corona-Pandemie (Influenza-Gruppe) und 8.361 Personen, bei denen eine andere Erkrankung für die AKI verantwortlich gemacht wurde (Andere-AKI-Gruppe). Personen in der COVID- und Andere-AKI-Gruppe wurden negativ auf andere respiratorische Viruserkrankungen getestet.
Als primärer Endpunkt diente ein Kompositum für schwerwiegende Nierenkomplikationen (major adverse kidney events, MAKE). Dieses berücksichtigte
- Todesfälle und
- eine verschlechterte Nierenfunktion, definiert als eine Reduktion der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR, estimated glomerular filtration rate) um mehr als 25 % gegenüber dem Wert bei Entlassung aus dem Krankenhaus.
Zu den sekundären Endpunkten zählten u. a. die individuellen Komponenten der MAKE-Analyse sowie die jährlichen eGFR-Veränderungen im Vergleich zum Wert bei Entlassung aus dem Krankenhaus über einen Beobachtungszeitraum von 2 Jahren.
Weniger schwere Nierenkomplikationen bei Personen mit COVID-AKI
Menschen aus der COVID-AKI-Gruppe hatten ein geringeres Risiko für schwerwiegende Nierenkomplikationen (major adverse kidney events, MAKE) als die Kontrollpersonen aus der Andere-AKI-Gruppe (adjustierte Hazard Ratio [aHR] 0,67; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,59–0,75; p < 0,001). Das lag hauptsächlich an einer geringeren Mortalität in der COVID-Gruppe. Die MAKE-Ergebnisse unterschieden sich ohne Korrektur auf mögliche Störfaktoren nicht zwischen der Andere-AKI-Gruppe und der historischen Influenza-AKI-Gruppe. Nach entsprechender Korrektur war das Risiko für MAKE in der Influenza-AKI-Gruppe allerdings ebenfalls niedriger als in der Andere-AKI-Gruppe (aHR 0,81; 95 %-KI 0,68–0,96; p = 0,02).
In einer Subgruppenanalysen war in der COVID-AKI-Gruppe im Vergleich zur Andere-AKI-Gruppe in allen untersuchten Subgruppen (Alter, Geschlecht, Ethnizität, chronische Nierenerkrankung, Diabetes mellitus [DM], Hypertonie, Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit, AKI-Stadium, Impfstatus) das Risiko für MAKE konsistent geringer. Auch der Vergleich zwischen COVID-AKI- und Influenza-AKI-Gruppe ergab für alle Subgruppen ein signifikant niedrigeres Risiko für MAKE – mit Ausnahme der Personen ohne DM, für die kein Unterschied im Risiko für MAKE zwischen COVID-AKI und Influenza-AKI bestand. Teilnehmende mit DM, die COVID-AKI überlebten, hatten dagegen ein niedrigeres Risiko für MAKE als die Kontrollpersonen aus der Influenza-AKI-Gruppe.
Anhaltend geringere Mortalität bei COVID-AKI
Auch im Hinblick auf die sekundären Endpunkte schnitt die COVID-AKI-Gruppe besser ab. Beispielsweise war die Mortalität in der COVID-AKI-Gruppe nach 1 Jahr niedriger als in den beiden Vergleichsgruppen:
- COVID-AKI: 5,4 %
- Andere-AKI: 9,8 %
- Influenza-AKI: 9,0 %
Dieser Effekt war auch nach 2 Jahren noch zu beobachten:
- COVID-AKI: 7,4 %
- Andere-AKI: 13,9 %
- Influenza-AKI: 16,7 %
Die Hazard Ratio (HR) war bei den COVID-Patientinnen und -Patienten schon ohne Korrektur geringer (HR 0,51; 95 % KI 0,4–0,65; P < 0,001), korrigiert zeigten sich sogar noch niedrigere Werte (aHR 0,31; 95 % KI 0,24–0,39; P < 0,001). Die Influenza-Gruppe unterschied sich diesbezüglich nicht signifikant von der Andere-AKI Gruppe (HR 1,19; 95 % KI 0,89–1,59; P = 0,25; aHR 0,79; 95 % KI 0,59–1,08; P = 0,14).
Geringeres Risiko für Nierenfunktionsverschlechterung
Die Inzidenz für eine verschlechterte Nierenfunktion (worsened kidney function, WKF) war in der Influenza-Gruppe innerhalb von 6 Monaten am höchsten (22,4 % gegenüber 19,5 % in der COVID- und 19,9 % in der Andere-AKI-Gruppe. Nach 1 Jahr lag die Inzidenz in allen 3 Gruppen bei etwa 28 %, bevor sich nach 2 Jahren wieder ähnliche Verhältnisse wie nach 6 Monaten ergaben (33 % in der COVID-, 34 % in der Andere- und 42 % in der Influenza-AKI-Gruppe). Eine multivariable Cox-Analyse nach Korrektur ergab, dass Personen mit COVID-AKI ein geringeres Risiko für eine WKF hatten als diejenigen aus der Andere-AKI-Gruppe (aHR 0,78; 95 % KI 0,69–0,88; P < 0.001).
Bei Personen mit COVID-AKI nahm die eGFR während des Beobachtungszeitraums um -6,86 ml/min/1,73m² pro Jahr ab, in der Influenza-Gruppe um -5,24 ml/min/1,73m² und in der Andere-AKI-Gruppe um -2,5 ml/min/1,73m². Die eGFR ging in den COVID-AKI- (P < 0,001) und Influenza-Gruppen (P < 0,003) signifikant stärker zurück als in der Andere-AKI-Gruppe.
Dieses Ergebnis scheint im Widerspruch zum geringeren Risiko für eine WKF in der COVID-Gruppe zu stehen. Die Autorinnen und Autoren begründen dies unter anderem damit, dass die eGFR-Ausgangswerte in der COVID-Gruppe höher waren als in den beiden anderen Gruppen. Dadurch könnte der eGFR-Verlust den WKF-Cutoff-Wert von -25-Prozent trotz eines höheren absoluten Verlusts verfehlt haben. Außerdem ging die Nierenfunktion in der COVID-Gruppe insbesondere während der ersten 6 Monate stark zurück, die Verschlechterungsrate verlangsamte sich danach erheblich.
Limitierungen der Studie
Obwohl die Analysen zahlreiche Einflussfaktoren berücksichtigten und für sie korrigiert wurden, gibt es wahrscheinlich weitere unberücksichtigte Faktoren, die den zeitlichen Verlauf der eGFR beeinflusst haben könnten. Da es sich um eine retrospektive Studie handelt, gab es außerdem kein standardisiertes Follow-up oder Erfassung von Einflussfaktoren, denen die betroffenen Personen nach Verlassen des Krankenhauses ausgesetzt waren und die die Nierenfunktion beeinflussen könnten.
Fortschritte in der Behandlung chronischer Nierenerkrankungen könnten außerdem die Ergebnisse der historischen Influenza-Gruppe gegenüber der aktuelleren COVID-Gruppe beeinflusst haben. Es ist weiterhin möglich, dass sich die Schätzung der eGFR über den Kreatininwert auf die Resultate ausgewirkt hat. Menschen mit COVID-19 waren länger bettlägerig und im Krankenhaus, was möglicherweise ihre Muskelmasse und damit den Kreatininwert beeinflusst hat. Nach der Entlassung aus der stationären Behandlung könnte eine etwaige Zunahme an Körpergewicht und Muskelmasse den rapiden Abfall der eGFR bei diesen Patientinnen und Patienten zumindest teilweise erklären.
Fazit
Die Autorinnen und Autoren der Studie schätzen die Ergebnisse ihrer multizentrischen Kohortenstudie als einigermaßen beruhigend ein. COVID-19-assoziierte AKIs sind zwar recht häufig und die Nierenfunktion lässt bei betroffenen Personen im Vergleich mit Influenza- oder anderen Erkrankungen schnell nach. Der Verlust der Nierenfunktion verlangsamt sich jedoch früh und das Voranschreiten der Nierenerkrankung ging innerhalb von 2 Jahren insgesamt langsamer vonstatten als in den beiden Vergleichsgruppen. Auch die Mortalität und das Risiko für schwere Nierenfunktionsstörungen waren unter den Patientinnen und Patienten mit COVID-19 geringer. Nach Ansicht der Forschenden sollten jedoch weitere, größere Untersuchungen durchgeführt werden, um die Ergebnisse zu erhärten und die Auswirkungen anderer Nierenfunktionsmarker (z. B. Proteinurie) und COVID-19-spezifischer Therapeutika zu untersuchen.




