04. September 2020

Covid-19

Doch keine Häufung psychischer Erkrankungen laut Mannheimer Forschern

Die Annahme, psychische Erkrankungen hätten als Folge des Lockdowns zugenommen, kann ein Forscherteam am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim nicht bestätigen. Ausprägungen und Häufigkeiten psychischer Erkrankungszeichen zur Zeit des Covid-19-bedingten Lockdowns im April 2020 unterscheiden sich im Vergleich zu 2018 nicht. Das ergab eine Studie, die aktuell in der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2020) zu lesen ist, und sich auf eine Umfrage unter der Mannheimer Bevölkerung bezieht.1

Lesedauer: 2 Minuten

Direkter Vergleich durch identisches Studiendesign

Forscherinnen und Forscher des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) haben in einer Mannheimer Bevölkerungsstichprobe das psychische Befinden während des Lockdowns im April 2020 mit dem im Jahr 2018 verglichen. Beiden Umfragen liegt ein identisches Studiendesign zugrunde. Das ermöglicht einen direkten Vergleich des psychischen Befindens im Hinblick darauf, ob sich der Anteil relevanter psychischer Beeinträchtigungen im Kontext der Lockdown-Maßnahmen verändert hat.

Für die Studie wurden 2000 Fragebögen an Frauen und Männer aus Mannheim versandt. Alle Teilnehmer hatten die deutsche Staatsbürgerschaft und waren im Alter von 18 bis 65 Jahren.

721 verwertbare Fragebögen kamen zurück. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmer lag bei 41,8 Jahren (Standardabweichung 14,2). 66,5% hatten mindestens (Fach-)Abitur als höchsten Bildungsabschluss.2

Keine statistisch signifikante Zunahme an psychischen Erkrankungen

Es ergaben sich zwischen 2018 und 2020 keine statistisch signifikanten Unterschiede bezogen auf die psychische Befindlichkeit, die die Forscher nach dem „WHO-5-Wohlbefindens-Index“ gemessen haben. Die Befragten können hier angeben, ob sie in den vergangenen drei Wochen guter Laune waren, sie sich ruhig und entspannt gefühlt und sich als aktiv und an bestimmten Dingen interessiert erlebt haben. Die sechsstufige Bewertungsskala reicht von null (zu keinem Zeitpunkt) bis zu fünf (die ganze Zeit). Auch bei der Auswertung des „Gesundheitsfragebogens für PatientInnen“ (PHD-Q), mit denen Depression und Angststörungen sowie der Verdacht auf Essstörungen und Alkoholmissbrauch diagnostiziert werden, konnten die Experten keine statistisch signifikante Zunahme während des Lockdowns feststellen.

Medienberichte, die eine globale und dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen durch die Lockdown-Maßnahmen beschreiben, können durch diese Untersuchung demnach nicht bestätigt werden. Allerdings zeigt eine differenzierte Analyse der Studienergebnisse, dass ältere Menschen und solche mit höherem Bildungsabschluss sowie Personen, die sich gut über die Covid-19-Pandemie informiert fühlten, ein besseres psychisches Wohlbefinden zeigten. Zudem haben individuelle psychische Risiko- und Resilienzfaktoren große Bedeutung für das psychische Befinden während der Krise.

Dennoch zeigte sich in den Rückmeldungen ein erhöhter Alkoholkonsum bei 19% der Teilnehmer und vermehrter Konsum psychotroper Substanzen bei 8,6%.2

Differenzierte Prävention nötig

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die Notwendigkeit differenzierter Präventions- und Interventionsstrategien. Neben einem verstärkten Informationsangebot für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen müssen sich Hilfsangebote gezielt an Personen richten, die unter den Folgen der Covid-19-Pandemie, zum Beispiel durch finanzielle Einbußen oder Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung, besonders leiden und an solche, die in der Krise generell psychisch stärker belastet sind.

Die Originalarbeit ist frei zugänglich.2

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