30. August 2019

5 unerwartete Fakten über Psychopathen

Psychopathen erfreuen sich nicht nur in den Medien, sondern auch in der Forschung großer Beliebtheit. Erfahren Sie hier, welche Eigenschaften Ärzte mit Psychopathen gemeinsam haben und was Gähnen damit zu tun hat.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

  • Die Psychopathie ist ein Konstrukt, das der amerikanische Psychologe Robert D. Hare in seiner heutigen Form erforschte. Dabei ist die Psychopathie nicht gleichzusetzen mit der dissozialen Persönlichkeitsstörung, sondern stellt eine spezielle Untergruppe dieser Patienten dar. Ca. 1% der Gesamtbevölkerung erfüllen die Kriterien, d.h. sie empfinden keine Empathie, keine Reue, sowie eher oberflächliche Gefühle. Die von Hare entwickelte Psychopathy Checklist,1 in ihrer revidierten Version, umfasst 20 Items (PCL-R).

Psychopathen sind schreckresistent…

Eine der zentralen Eigenschaften der Betroffenen ist ihre verringerte Fähigkeit, Angst zu empfinden. Deshalb neigen Psychopathen zwar dazu, größere Risiken einzugehen, sie besitzen aber auch die Fähigkeit, in höchst stressvollen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und rationale Entscheidungen zu treffen.

Dies lässt sich auch bei der mangelnden Schreck-Reaktion von Psychopathen beobachten. In einem Versuchsaufbau zeigt man hierzu Probanden abwechselnd angenehme (u.a. Erotika), neutrale (z.B. einen Kochlöffel) und aversive Bilder (z.B. schwere Verstümmelungen) und erschreckt sie zu bestimmten Zeiten mit einem plötzlich einsetzenden Geräusch („Startle Paradigm“).

Angestellte forensischer Psychiatrien aber auch

Die Reaktion der Psychopathen, gemessen am Augenblinzeln, fällt dabei deutlich schwächer aus als in der Normalbevölkerung. Loomans und Kollegen2 zeigten in ihrer Untersuchung, dass hier ein Unterschied zwischen Psychopathen und Patienten mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung vorliegt: Während letztere nämlich bei aversiven Bildern und spät einsetzenden Tönen dann doch schreckhafter wurden, blieben die Psychopathen kühl. Genau wie das forensisch-psychiatrische Krankenhauspersonal, das die Forscher als Kontrollgruppe mitgetestet haben. Die Autoren schreiben dazu: „Man kann eine adaptive Reaktion der Angestellten auf ihre tägliche Arbeitsumgebung nicht ausschließen…“. Hinweise für vermehrt psychopathische Eigenschaften gab es zwar, aber die Stichprobe war zu klein, um Rückschlüsse daraus zu ziehen.

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Weibliche Psychopathen oft übersehen

Untersucht man die Inhaftierten von Frauengefängnissen, so zeigt sich die Prävalenz für Psychopathie bei 11-17 %. Im Gegensatz dazu erfüllt etwa ein Drittel der männlichen Insassen die Kriterien.3 Allerdings argumentieren viele Experten, dass diese Zahlen einer geschlechtsspezifischen Verzerrung unterliegen. Denn die Symptomatik, zu der Wutausbrüche, impulsives Verhalten, Manipulation und Promiskuität gehören, ist ebenso mit der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung assoziiert.

Auch scheint sich die Art, wie die Betroffenen Gewalt ausüben, zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden: Während Männer eher zu körperlicher Gewalt neigen, üben sich Frauen eher in verbaler und emotionaler Aggression, wie z.B. Mobbing.

Kulturelle Erwartungen an die Geschlechter spielen dabei eine bedeutende Rolle: Während es für Frauen als akzeptabel gilt, finanziell von ihrem Partner abhängig zu sein, wird das Gleiche bei Männern eher als „parasitärer Lebensstil“ angesehen. Nicht zuletzt wurde die PCL-R-Skala an männlichen forensischen Probanden entwickelt, weshalb die Validität für nicht-forensische weibliche Betroffene zu hinterfragen ist.

Unter Ärzten verbreitet

Die Untersuchung des Royal College of Surgeons aus dem Jahr 20154 ergab, dass gerade unter Ärzten psychopathische Eigenschaften stärker verbreitet sind als in der Normalbevölkerung: Klinikärzte füllten eine Online-Version des Tests Psychopathic Personality Inventory (PPI–SF) aus, dessen niedrigster Wert bei 56 Punkten, der höchstmögliche Wert bei 224 Punkten liegt.

Die Normalbevölkerung erreicht im Schnitt 119 Punkte. Die insgesamt 172 teilnehmenden Ärzte erreichten im Mittel einen Wert von 131 (SD: 21.2, range: 87-187).

Höhere Durchschnittswerte erreichten Ärzte aus akademischen Krankenhäusern (136 Punkte) im Vergleich zu Nicht-Lehrkrankenhäusern (128 Punkte). Unter den Fachrichtungen hatten Chirurgen (138 Punkte) sowie Pädiater (148 Punkte) besonders hohe Werte. Beide Fachrichtungen schienen dabei besonders stressresistent und angstfrei zu sein. Jedoch nahmen nur zehn Pädiater an der Befragung teil.

Sie lassen sich nicht von Gähnen anstecken…

Mangelnde Empathie lässt sich auch an kleinen Dingen ablesen. Ein Forschungsteam um Brian K. Rundle (USA) fand heraus, dass Menschen, die nach dem Test Psychopathic Personality Inventory-Revised als besonders kaltherzig eingestuft wurden, sich besonders selten vom Gähnen ihrer Mitmenschen anstecken lassen.5 Außerdem wandten die Forscher das zuvor beschriebene „Startle Paradigma“ an. Wer kaum zu erschrecken war, hat auch mit niedriger Wahrscheinlichkeit mitgegähnt. Beide Ergebnisse waren statistisch signifikant.

… und arbeiten am liebsten Nachts

Zusätzlich sind Eigenschaften der „Dunklen Triade“ (Psychopathie, Machiavellismus und Narzissmus) assoziiert mit einer Vorliebe für nächtliche Aktivität.6 Dies hat ein britisch-australisches Forscherteam herausgefunden. Den Grund für diese Korrelation sehen die Wissenschaftler in einer evolutionären Anpassungsreaktion: Im Dunkeln ist das Entdeckungsrisiko niedriger und es ist von Vorteil, kognitiv fit zu sein, während die Opfer, mutmaßliche Tagmenschen, müde sind oder schlafen.

  1. Hare RD et al.: „The revised Psychopathy Checklist: Reliability and factor structure.“ Psychological Assessment; Vol 2(3), Sep 1990, 338-341
  2. Loomans et al.: „The startle paradigm in a forensic psychiatric setting: elucidating psychopathy.“ Criminal Behaviour and Mental Health Vol 25 (1), Feb 2015 42-53
  3. Wynn R et al.: „Psychopathy in women: theoretical and clinical perspectives“ International Journal of Women’s Health, 01. Juni 2012
  4. Pegrum J et al.: „A stressful job: are surgeons psychopaths?“ The Royal College of Surgeons of England, Bulletin, 30. August 2015
  5. Rundle BK et al.: „Contagious yawning and psychopathy“ Personality and Individual Differences, Vol 86, p. 33-37, Nov 2015
  6. Jonason PK et al.: „Creatures of the night: Chronotypes and the Dark Triad traits“ Personality and Individual Differences, Vol 55 (5), p. 538-541, Sep 2013

Titelbild: © Getty Images/ AleksandarNakic

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