12. Mai 2022

Umgebungslärm – Gewöhnung und Entrinnen leider nicht möglich

Verkehrslärm und Luftverschmutzung durch Feinstaub gehen nicht nur mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen einher, auch die psychische Gesundheit kann möglicherweise Schaden nehmen. Davor warnt die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie.1

Lesedauer: 4 Minuten

Autor: Dr. med Thomas Kron

Kernbotschaften

Verkehrslärm und Luftverschmutzung durch Feinstaub gehen nicht nur mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen einher; auch das Risiko für Depressionen und Angststörungen ist Studiendaten zufolge womöglich erhöht. Jetzt seien unbedingt hochwertige Studien notwendig, um die Zusammenhänge genauer zu erforschen und gegebenenfalls Präventionsmaßnahmen im Sinne des Konzepts „Gesunde Stadt“ ableiten zu können, betont die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). 

Dank Lärm in Alarmbereitschaft

Die Evolution hat den menschlichen Organismus so programmiert, dass er Geräusche als Hinweis auf mögliche Gefahrenquellen wahrnimmt – sogar im Schlaf. „Lärm versetzt den Körper in Alarmbereitschaft“, erklärt Professor Dr. med. Dipl. Psych. Manfred Beutel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz. In der Folge aktiviere das autonome Nervensystem Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol, so dass Herzfrequenz und Blutdruck stiegen. Werde Lärm zum Dauerzustand, könnten so chronische Erkrankungen entstehen, erinnert die Fachgesellschaft in einer Mitteilung. „Tatsächlich haben Beobachtungs – und experimentelle Studien gezeigt, dass anhaltende Lärmbelästigung das Auftreten von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie von Diabetes Typ 2 begünstigt“, so Beutel. Die Weltgesundheitsorganisation gehe davon aus, „dass Umgebungslärm – vor allem Verkehrslärm – jährlich in Westeuropa für den Verlust von mehr als einer Million gesunder Lebensjahre durch Einschränkungen oder vorzeitige Sterblichkeit verantwortlich ist“.

Bereits 50 Dezibel in der Nacht ein Risiko

Gesundheitsschädlich kann Lärm schon bei Dezibel-Werten sein, die deutlich unter jenen 85 Dezibel liegen, ab denen mit einem Gehörschaden rechnen ist. „Außerhalb der Arbeitswelt und für andere Erkrankungen jenseits des Gehörs reichen deutlich geringere Lautstärken aus, um über einen längeren Zeitraum chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verursachen“, so der Lärm-Forscher Professor André Fiebig von der TU Berlin in einem aktuellen Interview im „Spiegel“. Gesundheitsschädlicher Lärm, etwa Verkehrslärm, berge tagsüber schon bei 55 Dezibel und nachts um die 50 Dezibel gesundheitliche Risiken, so der Spezialist für Psychoakustik. Das Risiko hänge nicht nur von der Lautstärke ab, sondern auch von der jeweiligen Geräuschquelle. Leider können wir uns nicht an Lärm gewöhnen. Fiebig: „Einen Gewöhnungseffekt, der dazu führt, dass wir gewisse Lärmwirkungen ausschließen können, gibt es nicht. Wir hören immer und die entsprechenden körperlichen Reaktionen werden auch immer wieder ausgelöst, selbst wenn wir das bewusst gar nicht so stark wahrnehmen”.

Lärmbelästigung verdoppelt das Risiko für Depression

Zu den negativen Auswirkungen von Lärmbelästigung gehörten auch psychische Erkrankungen, wie immer deutlicher werde. „Lärmbelästigung stört tägliche Aktivitäten, stört Gefühle und Gedanken, den Schlaf und die Erholung“, erklärt der Mainzer Wissenschaftler. Die Unterbrechungen lösetn negative emotionale Reaktionen wie Ärger, Distress, Erschöpfung, Fluchtimpulse und Stresssymptome aus. „Solche Zustände fördern auf Dauer die Entstehung von Depressionen“, erklärt Beutel. Dies bestätigt die groß angelegte Gutenberg-Gesundheitsstudie am Beispiel der Mainzer Bevölkerung, die zu einem großen Teil unter Lärmbelästigung durch den nahen Frankfurter Flughafen leidet. „Mit zunehmender Lärmbelästigung stiegen die Raten von Depressionen und Angststörungen kontinuierlich an, bis sich die Risiken bei extremer Belästigung schließlich verdoppelten“, berichtet Studienautor Beutel. Andere Untersuchungen weisen in dieselbe Richtung. So fand eine Metaanalyse eine Steigerung des Risikos für Depressionen um zwölf Prozent pro Lärmzunahme um 10 Dezibel (5). Eine weitere Untersuchung stellte einen Zusammenhang zwischen nächtlicher Lärmbelästigung und der Einnahme von Antidepressiva fest.

Auch Feinstaub unter Verdacht

Der Gutenberg-Studie zufolge empfinden Menschen Lärmbelästigung durch Fluglärm als am ausgeprägtesten, gefolgt von Straßen-, Nachbarschafts-, Industrie- und Bahnlärm. Dabei tritt Lärm am häufigsten in Ballungsgebieten auf, die auch Luftverschmutzung produzieren – etwa Feinstaub. „Feinstaub steht ebenfalls unter Verdacht, Ängste und Depressionen zu fördern“, so Beutel. „Denn die kleinen Feinstaubpartikel können in die Blutbahn gelangen und dort Entzündungsprozesse auslösen, die wiederum mit Depressionen in enger Wechselwirkung stehen.“

Die Zusammenhänge zwischen Lärm, Luftverschmutzung und psychischen Störungen sollten daher weiter erforscht werden, betont der Wissenschaftler. „Bisher verfügen wir ausschließlich über Querschnittsstudien, also Momentaufnahmen, die nur eine begrenzte Aussagekraft besitzen“, so Beutel. „Wir benötigen unbedingt hochwertige Längsschnittstudien, um gegebenenfalls Präventionsmaßnahmen ableiten zu können.“ Sie könnten in das WHO-Konzept der „Gesunden Stadt“ einfließen, dem sich bereits viele Kommunen in Deutschland angeschlossen haben.

Mainzer Kardiologen fordern radikales Umdenken

Um die Gesundheit der Bevölkerung vor Schäden durch Feinstaub und Lärm zu schützen, sollte mehr Geld in Maßnahmen zur Verbesserung unserer Städte investiert werden. Das haben erst kürzlich auch Mainzer Kardiologen um Professor Thomas Münzel in einem aktuellen Aufsatz gefordert. Die erfolgreiche Umsetzung solcher Bemühungen, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zu reduzieren und eine gesunde und nachhaltige Zukunft zu schaffen, erfordert den Autoren zufolge „ein radikales Umdenken darüber, wie wir die zukünftige Art und Weise unseres Zusammenlebens organisieren, um die menschliche und planetarische Gesundheit zu schützen“. Dies sei „nur durch die Einbeziehung des Einzelnen und der Gemeinschaft und durch groß angelegte langfristige Makro-Interventionen erreichbar, die wirtschaftliche Investitionen in intelligente Städte, die Transformation der Energieerzeugung und die Abschaffung fossiler Brennstoffe umfassen“. 

In ihrem Beitrag gehen die Herzkreislauf-Forscher im Wesentlichen auf die möglichen kardiovaskulären Folgen der Belastung mit Feinstaub und Lärm ein. Ein weiterer Umweltfaktor, der womöglich Einfluss auf die Gesundheit hat, sei auch die so genannte „Lichtverschmutzung“. Schätzungen zufolge sind über 80 Prozent der Weltbevölkerung in der Nacht einem „lichtverschmutzten“ Himmel ausgesetzt, was ebenfalls mit einem höheren Krebsrisiko, Übergewicht, erhöhtem Blutdruck, Depressionen, Schlaflosigkeit und dem vermehrten Auftreten einer KHK in Verbindung gebracht werde. 

Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.

1. Manfred Beutel und Tobias Möhler: Lärm und Luftverschmutzung: Ihr Einfluss auf psychische Erkrankungen; Aktuelle Kardiologie 2021; 10(06): 526-530.
2. Thomas Münzel, Omar Hahad, Andreas Daiber: Herzgesunde Städte – die Gene laden das Gewehr, die Umwelt zieht den Abzug; Aktuelle Kardiologie 2021; 10: 543–547.
Bildquelle: © gettyImages/shunli zhao

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Jeremy Schneider, Blake DeSimone
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653