04. März 2020

Tippen statt Reden: Wenn die Angst vor dem Telefonat zur Phobie wird

Manche können fast alles – nur nicht telefonieren. Dabei macht auch hier Übung den Meister, sagen Experten. Und wer andere zum Telefonieren vorschickt, handelt alles andere als clever.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Alles, nur nicht telefonieren

Stephanie Cao hat auf Youtube mehr als 3000 Abonnenten. Die 23-jährige Berliner Studentin hat keine Hemmungen, im Internet ein mehrminütiges Video von sich einzustellen. Aber sie hat Angst, einen Arzttermin telefonisch zu vereinbaren. Wie andere auch tippt sie lieber ins Smartphone oder nimmt lange Wege zur Terminvereinbarung auf sich. Hauptsache nicht telefonieren.

Neue Ausprägung der Sozialphobie?

Vieles spricht dafür, dass das Phänomen der „Telefonphobie” Zukunft hat. Telefonphobie wird für sich alleine bislang klinisch nicht erfasst. Sie könnte aber durchaus zu einer neuen Ausprägung der Sozialphobie werden, meint Nadine D. Wolf, auf Phobien spezialisierte Oberärztin der psychiatrischen Klinik am Uni-Klinikum Heidelberg. Grund ist das veränderte Kommunikationsverhalten.

Philippe Wampfler, Medienpädagoge und Dozent an der Uni Zürich, meint dazu: „Ich denke, Menschen hatten auch früher Hemmungen, jemanden anzurufen. Aber nach der Schulzeit oder dem Studium und im Job haben sie gelernt, zu telefonieren. Einfach, weil sie es mussten. Das geht heute angenehmer.“

Wenn Telefonphobie zunimmt, liegt das nach seiner Meinung an der sogenannten Affordanz, dem Angebotscharakter der neuen Medien. Das muss nicht zum Problem werden, aber es kann. Das Internet ist voll von Berichten Betroffener, Blogs zum Thema und von guten Tipps gegen die Telefonangst.

Eine Vielzahl junger Menschen könnte betroffen sein

Stephanie Caos Video, in dem sie beschreibt, warum sie Telefonieren hasst, spricht offenbar vielen aus dem Herzen: „OMG – Ich bin so erleichtert“, schreibt eine junge Frau. Sie dachte, sie sei die einzige mit dem Problem. Selbst wenn ihr Freund mit ihr telefonieren will, vertröstet sie ihn und sagt, „dass es zurzeit nicht geht“.

Auch eine Karlsruher Studentin, die ansonsten vor großem Publikum problemlos Solos singt, bekennt: „Ich hatte eine Zeit lang so sehr Angst vor dem Telefonieren, dass ich eine Freundin überredet habe, für mich irgendwo anzurufen. Mittlerweile geht es.“ Sie ärgert sich, dass sie sich manchmal so in die Angst hineinsteigert: „Weil man weiß, dass es total bescheuert ist, dass man einfach nicht anrufen kann.“

Angst vor Ablehnung und fehlende Übung

Für die Heidelberger Psychiaterin Wolf gibt es eine Reihe von Gründen, warum jemand Hemmungen vor dem Telefonieren hat: „Angst, abgelehnt zu werden, Angst davor, sich am Telefon peinlich oder erniedrigend zu verhalten, oder einfach auch davor, dass man am Telefon ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit steht und mit unbekannten Personen spricht.“

Telefonphobie kommt nach Beobachtung von Medienpädagoge Wampfler vor allem im beruflichen und administrativen Bereich oder bei Fremden vor. Doch was macht Telefonieren so schwer? „Hemmungen und Ängste in Bezug auf Telefonieren werden größer, weil die Übung mit dem Umgang der Technik des Telefonierens verloren geht“, vermutet er.

Hinzu kommt nach Angaben von Psychiaterin Wolf: „Bei der schriftlichen Kommunikation sind mehr als 90 Prozent der Kommunikationsmuster wie Mimik, Gestik oder Betonung von Aussagen ausgeblendet.“ Man ist nicht sichtbar – und so weniger angreifbar. Beim Telefonat muss dagegen flexibel und spontan reagiert werden. „Das ist eng geknüpft an Sozialkompetenz.“

Das Vermeiden durchbrechen

Ihr zufolge ist es zunächst wichtig, dass Betroffene den Teufelskreis durchbrechen, der durch eine ständige Vermeidungsstrategie entstehen kann. Sie empfiehlt, der Angst entgegenzutreten und das Telefonieren bewusst zu üben. „Dazu kann man sich zum Beispiel Stichwörter notieren oder sich einen einleitenden Satz aufschreiben. Und ganz wichtig: Lächeln hilft!“

  1. dpa, Februar 2020.

Bildquelle: © gettyImages/RapidEye

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