27. Mai 2021

Erhöhtes Suizidrisiko nach Intensivstation bei jungen Menschen

Eine bestimmte Patientengruppe hat noch Jahre nach dem Überstehen einer lebensbedrohlichen Erkrankung ein erhöhtes Risiko, Suizid zu begehen. Besonders junge Menschen sind davon betroffen.1

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Artikel basiert auf der Arbeit von Fernando SM et al. (2021) aus dem British Medical Journal. Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Das „Post-Intensiv-Care-Syndrom“

Wer eine lebensbedrohliche Erkrankung überlebt, kann im Nachgang noch Symptome erleben wie generelle Müdigkeit, Muskelschwäche, kognitive Einschränkungen und Schmerzen. Dieses „Post-Intensive-Care-Syndrom“ ist nicht selten und wird tendenziell eher bei älteren Menschen mit körperlichen Vorerkrankungen beobachtet.

Vermehrt psychische Erkrankungen nach Intensivbehandlung

Bereits in der Vergangenheit konnten Forscher zeigen, dass Personen, die eine intensivmedizinische Behandlung überstanden haben, danach vermehrt unter psychischen Erkrankungen leiden. Nun gingen Wissenschaftler aus Kanada mithilfe von Registerdaten die Frage an, ob es bei den Betroffenen auch vermehrt Suizide und selbstverletzendes Verhalten gibt.

Vergleich von Intensivpatienten mit Patienten auf Normalstation

Im Zeitraum von Januar 2009 bis Dezember 2017, also noch vor der Pandemie, wurden in Ontario in Kanada insgesamt 423.060 Patienten von der Intensivstation entlassen und im genannten Zeitraum nachbeobachtet. Die Vergleichsgruppe bestand aus 3.081.111 Patienten, die im selben Zeitfenster zwar im Krankenhaus, nicht aber auf der Intensivstation behandelt wurden.

In die Auswertung miteinbezogen wurden:

- der Wohnort, von dem auf das Einkommen zurückgeschlossen wurde,
- Ausmaß der Komorbidität (Charlson comorbidity index),
- Länge der Behandlung,
- Beatmungsart (ohne, invasiv, nicht-invasiv),
- Dialyse,
- Entlassung nach Hause mit oder ohne Betreuung oder in eine Anschlussbehandlung und
- Psychiatrische Vorerkrankungen sowie Anzahl der Arztkontakte in diesem Zusammenhang vor der intensivmedizinischen Behandlung.

Bei der Auswertung des primären Endpunktes wurden vollendete Suizide sowie Selbstschädigungen, die zu einer stationären Behandlung führten, ermittelt. Suizidversuche im engeren Sinne wurden nicht gesondert im Artikel erwähnt.

Intensivpatienten eher älter und psychisch vorerkrankt

Das mittlere Alter der ehemaligen Intensivpatienten betrug 61.7 Jahre (Standardabweichung 16.5), knapp 40% waren Frauen. Die Kontrollgruppe wies ein mittleres Alter von 53.6 Jahren (Standardabweichung 20.9) und einen Frauenanteil von 64,5% auf.

Intensivpatienten litten häufiger unter einer vorbestehenden psychischen Erkrankung. Leider konnten die Autoren nicht erheben, weshalb die Patienten im Krankenhaus bzw. auf der Intensivstation behandelt wurden. Welche Rolle Suizidversuche bereits bei der Intensivbehandlung spielten, bleibt somit unklar.

Deutlich mehr Suizide und mehr Selbstschädigung bei Intensivpatienten

Bei den ehemaligen Intensivpatienten kam es zu insgesamt 750 vollendeten Suiziden, was 0.2% der Gruppe entspricht. In der Vergleichsgruppe kam es zu 2427 Suiziden, was 0.1% der Gruppe entspricht.

Suizide kurz nach Entlassung besonders häufig

Auf 100.000 Patientenjahre gerechnet käme es zu ca. 41 Suiziden bei ehemaligen Intensivpatienten. Innerhalb eines Jahres nach Entlassung läge diese Zahl bei 64, das bedeutet die Suizidrate unmittelbar nach Entlassung ist nochmals höher als in den Folgejahren. Demgegenüber stehen knapp 17 Suizide pro 100.000 Personenjahre bei Patienten von Normalstation, 24 im ersten Jahr nach Entlassung.

Selbstverletzendes Verhalten, das zu einem Krankenhausaufenthalt führte, zeigten 1.3% der Intensivpatienten und 0.8% der Kontrollgruppe. Das entspricht bei 100.000 Patientenjahren 328 bzw. 177 Personen.

Betroffene sind tendenziell jünger und körperlich fitter

Unter Einbezug möglicher Moderatorvariablen berechneten die Autoren, welche Eigenschaften diejenigen Patienten aufwiesen, die nach einer intensivmedizinischen Behandlung Suizid begingen oder sich selbst schwer verletzten.

Die Betroffenen waren tendenziell jünger, körperlich fitter, lebten eher in einkommensschwachen Gegenden und wurden ohne Betreuung nach Hause entlassen. Sie hatten eher psychische Vorerkrankungen – besonders Depressionen, Angststörungen oder eine posttraumatische Belastungsstörung, bipolare Störungen und Psychosen. Weiterhin wurden sie eher invasiv beatmet und erhielten eine Dialyse. Besonders häufig kamen Suizide und Selbstverletzung bei Personen zwischen 18 und 34 Jahren vor.

Dahingegen sank das Risiko mit steigendem Alter und steigendem Einkommen. Auch die Entlassung in eine betreute Situation oder Rehabilitation senkte das Risiko für Selbstverletzung und Selbsttötung.

Risikopatienten identifizieren und Hilfe anbieten

Nicht nur körperlich vorerkrankte, ältere Patienten brauchen nach einer schweren Erkrankung medizinische und psychologische Hilfe. Die vorliegende Studie identifiziert zum ersten Mal eine Gruppe von jungen, selbstständigen Menschen mit psychischen Vorerkrankungen, die im Nachgang an eine intensivmedizinische Behandlung nicht vom Radar der behandelnden Hausärzte, Psychotherapeuten und Psychiater verschwinden sollten. Die Autoren empfehlen Folgeuntersuchungen mit Blick auf die psychische Gesundheit bereits frühzeitig nach Entlassung.

  1. Fernando SM et al. Suicide and self-harm in adult survivors of critical illness: population based cohort study. BMJ 2021;373:n973.

Bildquelle: © Getty Images/Tempura

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