28. Oktober 2021

Studie bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen

Intranasales Oxytocin zeigt keine Wirkung

Das Neuropeptid Oxytocin könnte eine mögliche Therapieoption zur Besserung des Sozialverhaltens bei Autismus-Spektrum-Störungen sein.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Off-label-Einsatz noch gerechtfertigt?

Auch wenn die Ergebnisse bisheriger Studien uneinheitlich sind, wird Oxytocin heute bereits bei vielen betroffenen Kindern off-label eingesetzt. Eine Phase-II-Studie mit intranasalem Oxytocin stellt dieses Vorgehen jetzt wieder in Frage.

Einiges spricht für die Anwendung von Oxytocin bei Autismus-Spektrum-Störungen: In Tierversuchen verbesserts Oxytocin Sozialverhalten und soziales Gedächtnis – beides ist bei autistischen Störungen gestört. Bei Menschen mit bekannten Entwicklungs- oder psychiatrischen Störungen führte die Anwendung von Oxytocin-Nasenspray zur Verbesserung von sozialem Zugehörigkeitsgefühl, sozialem Gedächtnis und Empathie.

Zudem wurde in einigen Studie verminderte Oxytocin-Spiegel bei Kindern mit autistischen Störungen nachgewiesen – wenn auch nicht in allen. In einigen Autopsie-Studien wurde auch eine verminderte Dichte von Oxytocin-Rezeptoren im Gehirn gezeigt.

Studie mit knapp 300 Patienten

Die Arbeitsgruppe von Linmarie Sikich von der Duke University Durham, USA, haben jetzt in einer Phase-2-Studie die Wirksamkeit von intranasalem Oxytocin bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen untersucht. 290 überwiegend männliche Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 17 Jahren wurde eingeschlossen. 25 % waren zwischen 3 und 6 Jahren, 39 % zwischen 7 und 11 und 36 % zwischen 12 und 17.

Sie erhielten über 24 Wochen randomisiert und doppelblind entweder intranasales Oxytocin (flexible Dosierung mit einer Zieldosis von 48 IU/d) oder Placebo. Primärer Endpunkt war die Besserung in der Aberrant Behavior Checklist Social Withdrawal subscale (ABCmSW) – sekundäre Endpunkte Verbesserungen in weiteren Tests zum Sozialverhalten und Veränderung des IQs.

Kein Unterschied im Sozialverhalten nachweisbar

In der Entwicklung der ABCmSW zeigte sich keinerlei Unterschied zwischen den beiden Gruppen (Oxytocin -3,7 vs. -3,5 unter Placebo) – egal ob die Kinder flüssig sprechen konnten oder nicht. Auch alle anderen Untersuchungen des Sozialverhaltens und des IQs ergaben keinen Vorteil für Oxytocin. Die Rate an Nebenwirkungen. war in beiden Gruppen gleich (82 vs. 83 %). Unter Oxytocin gaben die Kinder häufiger Appetitsteigerung, verstärkte Energie, Ruhelosigkeit, subjektiven Gewichtsverlust, vermehrten Durst, Unaufmerksamkeit und Myalgien an.

Warum diese Studie anders als kleinere Voruntersuchungen keinen positiven Effekt hatte, kann verschiedene Ursachen haben, heißt es in einem Editorial von Daniel H. Geschwind von der University of California, USA. Möglicherweise gibt es ein kritisches Zeitfenster für die Wirksamkeit von Oxytocin, was bei dem breiten Altersspektrum nicht berücksichtigt wurde.. Aufgrund der kurzen Halbwertzeit von Oxytocin im Gehirn, reichte eventuell auch die zweimal tägliche Applikation des Sprays nicht aus.

Zudem ist die soziale Dysfunktion bei Autismus-Spektrum-Störungen sehr heterogen und menschliches Sozialverhalten hat zahlreiche Komponenten, die durch die Tests möglicherweise nicht vollständig erfasst werden. Auch die genetische Variabilität der Autismus-Spektrum-Störungen ist hoch. Bevor man das Therapieprinzip also vorschnall ganz ad acta legt, sollte geprüft werden, ob nicht Subgruppen von Patienten doch profizieren könnten, schreibt der Autor.

  1. Linmarie Sikich et al; Intranasal Oxytocin in Children and Adolescents with Autism Spectrum Disorder; N Engl J Med (2021); 385: 1462-1473; DOI: 10/1056/NEJMoa2103583
  2. Daniel H. Geschwind; Oxytocin for Autism Spectrum Disorder – Down, but not out; N Engl J Med (2021); 385:1524-1525; DOI: 10.1056/NEJMe2110158

Bildquelle: © gettyImages/Alina Buzunova / EyeEm

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