13. August 2021

Strafanzeige gegen berühmten Kinderpsychiater: Der Fall Winterhoff

Um seinen Jahresbestseller „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden“ entbrannten 2008 heftige Diskussionen, Fachkollegen kritisierten ihn als Vorreiter einer „kalten Disziplinpädagogik“. Dennoch war er häufig in Talkshows zu Gast, Anlaufstelle verunsicherter Eltern und hielt gut besuchte Vorträge: Jetzt wurde der bekannte Bonner Kinderpsychiater Dr. Michael Winterhoff wegen Körperverletzung angezeigt.

Lesedauer: 7 Minuten

Redaktion: Ute Eppinger.

Bestsellerautor von „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden“

Ehemalige Patienten erheben schwere Vorwürfe gegen ihn. Winterhoff soll ihnen – zum Teil ohne Diagnose – stark sedierende Neuroleptika verschrieben haben, in einigen Fällen über Jahre hinweg. Dabei soll seine bevorzugte Diagnose „frühkindlicher Narzissmus“ gelautet haben. Nun ist bei der Staatsanwalt Bonn die erste Anzeige gegen den Kinderpsychiater eingegangen, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Es bestehe „der Anfangsverdacht der Körperverletzung und der schweren Körperverletzung, des Abrechnungsbetrugs“ und möglicherweise weiterer Straftatbestände.

Die Anzeige kommt vom Siegburger Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, der schon im NSU-Prozess in München Opfer vertreten hatte. Daimagüler teilt dazu via fb mit: „Mein Kollege Jost von Wistinghausen und ich haben heute bei der Staatsanwaltschaft Bonn Strafanzeige gegen Dr. Michael Winterhoff erstattet, weil wir den Anfangsverdacht einer ganzen Reihe von Straftatbeständen zu Lasten der behandelten Kinder als gegeben annehmen.”

Filmemacherin hatte Hinweise von Mitarbeitern bekommen

Ins Rollen gebracht hat das Ganze wohl die WDR-Dokumentation „Warum Kinder keine Tyrannen sind“. Die erstmals am 9. August ausgestrahlte Doku der Journalistin Nicole Rosenbach hatte eine außergewöhnlich hohe Resonanz hervorgerufen.

Wie Rosenbach berichtet, hatte sie 2015 2 Filme über die Jugendhilfe gedreht und aus dieser Zeit viele Kontakte. „So bekam ich immer wieder Hinweise darauf, dass Heimkinder von Dr. Michael Winterhoff sehr fragwürdig behandelt würden“, erzählt sie. Ein Jahr lang habe sie für den Film recherchiert. Eine nicht einfache Recherche.

„Das begann schon damit, dass der betroffene Kinderpsychiater fast nichts Schriftliches an seine Patienten gegeben hat. Ich musste jede Anschuldigung der Betroffenen aber belegen können. Also habe ich die entsprechenden Ämter gebeten, mir Akten herauszugeben, was aber recht viel Zeit in Anspruch nahm. Es war auch nicht so, dass die Behörden besonders entgegenkommend reagiert hätten […] Und es gab leider auch keine Offenheit bezüglich des Themas bei der kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer.“

Vorwurf: Kinder jahrelang mit Pipamperon behandelt

Winterhoff führt seine kinderpsychiatrische Praxis in Bonn, kooperiert mit vielen Jugendhilfe-Einrichtungen und betreut darüber Hunderte von Heimkindern. Einige dieser Kinder und Jugendlichen kommen nun in Rosenbachs Film zu Wort. So erinnert sich der 15-jährige Kevin, der mit 12 Jahren Winterhoff vorgestellt wurde: „Es hieß, dass ich den Entwicklungsstand eines Dreijährigen habe.“ Nach 1, 2 Gesprächen habe seine Mutter direkt ein Rezept für Pipamperon erhalten, berichtet er. Wie seine Mutter berichtet, waren die Nebenwirkungen massiv: Kevin verschlief mehrfach Doppelstunden in der Schule.

Die Mutter berichtet, sie habe den Kinderpsychiater auf die Nebenwirkungen des Neuroleptikums angesprochen. Der aber habe ihr gesagt, dass das Mittel keine Nebenwirkungen habe und unproblematisch sei, erzählt sie. In den 2 Jahren, in denen ihr Sohn das Mittel genommen habe, habe es keine Untersuchung gegeben, keinen Bluttest, kein EEG. Sie habe das Mittel eigenständig dosieren und ihren Sohn dann beobachten sollen.

Winterhoff teilt hingegen mit, er habe auf Wunsch der Mutter Pipamperon verschrieben und sie darüber aufgeklärt, das Blutbild beim Hausarzt kontrollieren zu lassen. Die Mutter habe das Medikament falsch dosiert – trotz Aufklärung. Behandelt habe er – Winterhoff – die Symbiose zwischen Mutter und Sohn. Mit der Krankenkasse allerdings, berichtet Kevins Mutter, sei die Diagnose ADHS abgerechnet worden, und nicht die der Mutter mitgeteilte Diagnose „Entwicklungsretardierung mit Fixierung im frühkindlichen Narzissmus“.

Winterhoff kritisiert: Fachliche Stellungnahme unzureichend berücksichtigt

Kevins Fall ist nur einer von vielen. So klagen Eltern und Vormunde, sie seien nicht hinreichend über die Medikamente aufgeklärt worden. In mindestens einem Fall wurden die Erziehungsberechtigten offenbar überhaupt nicht informiert. Laut Winterhoff handelte es sich um ein Missverständnis.

Auf Nachfragen der Filmemacher reagiert Winterhoff mit anwaltlichen Schreiben. In seiner auf seiner Praxisseite veröffentlichten Stellungnahme teilt er mit: „Meine umfassende fachliche Stellungnahme sowie ein aktuelles Gutachten zu den wenigen im Beitrag vorgestellten Fällen sind – aus vordergründig dramaturgischen Gründen – leider nur unzureichend in die Berichterstattung des WDR eingeflossen. Mit der abweichenden Meinung einiger Fachkollegen wurde ich vorab nicht konfrontiert. Eine weitere Auswalzung der jeweiligen Krankenakten verbietet sich meiner Ansicht nach dennoch.“

Medikamentöse Behandlung ohne Einwilligung?

Fachleute bewerten das Vorgehen Winterhoffs kritisch. „Jede medikamentöse Behandlung ohne Einwilligung sowohl der Kinder als auch der Sorgeberechtigten ist strafbar“, erklärt der Kinderpsychiater Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Marzipanfabrik in Hamburg in der WDR-Doku. Winterhoff teilt den Filmemachern dazu mit, er habe die medikamentöse Behandlung nicht wissentlich ohne Einwilligung der Sorgeberechtigten vorgenommen.

Die Autoren des Films haben mit mehr als 20 ehemaligen Patienten gesprochen. Diese berichten, sie hätten die Diagnose „Entwicklungsretardierung mit Fixierung im frühkindlichen Narzissmus“ sowie „Eltern-Kind-Symbiose“ erhalten. Das Krankheitsbild beschreibt Winterhoff auch in seinen Büchern und es steht im Fokus seiner Vorträge: Solche Persönlichkeiten seien nicht in der Lage arbeiten zu gehen, sich an Regeln zu halten. Das gelte es abzuwenden, so Winterhoff in einem seiner Vorträge, dessen Ausschnitte in der WDR-Doku gezeigt werden.

Notfallmedikament ohne Indikation für eine Langzeitbehandlung

Wie ist die langjährige Gabe von Pipamperon einzuschätzen? Laut Schulte-Markwort handelt es sich um ein Notfall-Medikament das eingesetzt wird „wenn ein Kind in einem psychomotorischen Erregungszustand ist“. Es wirkt sedierend, appetitsteigernd und löse – zu hoch dosiert – das Gefühl aus, nicht mehr richtig in der Welt zu stehen.

„Dieses Medikament geben wir nie dauerhaft, Pipamperon hat aus meiner Sicht keine Indikation für eine Langzeitbehandlung“, erklärt Schulte-Markwort. Seiner Einschätzung nach sind die Betroffenen durch die Medikation „sekundär geschädigt“ worden: „Solche Kinder fühlen sich zu Recht beschädigt und haben das Gefühl, etwas mit ihnen geschehen ist, was völlig ungerechtfertigt ist.“

Auch Mattern-Ott nennt es in der Dokumentation „sehr befremdlich, dass man das bei Kindern einsetzt, die eigentlich keine schwere psychiatrische Störung haben“. In seiner Stellungnahme verweist Winterhoff darauf, dass Pipamperon seit Jahrzehnten bei Stimmungslabilität und Verwirrtheit eingesetzt werde, für Kinder mit psychomotorischen Erregungszuständen zugelassen sei und „laut unabhängigen Gutachten auch im darüberhinausgehenden Off-Label-Use verwendbar“.

Winterhoff schreibt in seiner Stellungnahme auch, dass das Ziel des Einsatzes von Pipamperon „bewusst keine Sedierung“ sei. Darüber finde eine umfassende Aufklärung statt. „Grundsätzlich verordne ich keine Medikamente ohne Zustimmung der Eltern oder des Vormundes. Wenn ich ein Rezept ausstelle, dann nur nach einer ausführlichen diagnostischen Einschätzung und verbunden mit einer guten Einstellung des Medikaments, die ich den Eltern schriftlich mitteile.”

Vormündin suchte Zweitmeinung

Die WDR-Doku greift auch den Fall Alina auf. Karin S. ist Vormund von Alina, die in ihrer Jugendhilfeeinrichtung seit 5 Jahren mit Pipamperon behandelt wird. Auf Ihre Nachfragen wird entgegnet, Alina erhalte das Mittel aufgrund ihrer Wutanfälle. Im vergangenen Jahr, berichtet S., sei sie von Alinas Schulleitung auf das Medikament angesprochen worden: „Die Schule hatte den Eindruck, dass mein Mündel sediert wirkt.“ Sie habe aufgrund dessen angekündigt, sich eine Zweitmeinung zur Notwendigkeit der Medikation einzuholen.

Laut WDR-Recherchen soll Kinderpsychiater Winterhoff eine Anwaltskanzlei eingeschaltet und diese dann Meldungen an Amtsgericht und Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdung durch den Vormund verschickt haben. Darin hieß es, S. solle mit sofortiger Wirkung als Vormund entpflichtet werden. S. aber bekommt Rückendeckung von Amtsgericht und Jugendamt und stellt Alina zur Begutachtung in der DRK Fachklinik in Bad Neuenahr vor.

PD Dr. Kristian Holtkamp, Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Alina begutachtet hatte, stellt gegenüber dem WDR klar: „Wir haben keine schwerwiegende psychiatrische Störung feststellen können. Eine Medikation über 5 Jahre zu geben, wenn keine Gründe erkennbar sind überhaupt ein Medikament zu geben – das ist sicherlich nicht das was ein Kinder- und Jugendpsychiater macht, der nach einem wissenschaftlich begründbaren Standard arbeitet.“

Kritik am Neuroleptikum: Mutter verliert Sorgerecht

In einem weiteren in der WDR-Dokumentation berichteten Fall soll Winterhoff dem Amtsgericht und dem Jugendamt empfohlen haben, einer Mutter, die sich gegen die Pipamperon-Dauermedikation ihrer beiden Kinder zur Wehr gesetzt hatte, das Sorgerecht zu entziehen. Rechtsanwalt Patric Peters, der die Mutter der beiden Kinder vertreten hatte, erinnert sich: „Misstrauen wegen eines möglichen Zusammenspiels der Jugendhilfeeinrichtung und Herrn Dr. Winterhoffs hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Los ging das Ganze erst dann als die Mutter gesagt hat nein, ich bin mit diesem Medikament nicht einverstanden.”

Laut WDR-Recherchen ließ Winterhoff dem zuständigen Jugendamt offenbar einen vertraulichen Arztbericht zukommen und empfahl: „Da die Mutter hiermit nicht einverstanden ist, ohne überhaupt bereit zu sein, sich hier fachärztlich beraten zu lassen, empfehle ich den Entzug der elterlichen Sorge (…) und die Übertragung des Sorgerechts (…) auf einen Vormund.“

Es kommt zu einem familiengerichtlichen Verfahren am Amtsgericht in dessen Verlauf der Kinderpsychiater als Zeuge erklärt, dass ohne Pipamperon die Störungen beider Kinder nicht behebbar seien. Alternative Behandlungsmethoden kämen aus seiner fachärztlichen Sicht nicht infrage. Das Gericht, so Peters, folgte der Einschätzung Winterhoffs und das Sorgerecht ging an den Vater über, der der Medikation zugestimmt hatte. Auch das Oberlandesgericht bestätigte später diese Einschätzung.

Peters: „Ich finde es erschreckend, wie ein einzelner Arzt mit einer Auffassung, die ich in keinem anderen Fall bestätigt gefunden habe, ein ganzes System überzeugen kann. Er konnte das Jugendamt überzeugen, er konnte das Heim überzeugen und er konnte letztlich auch das Familiengericht überzeugen. Und niemand hat sich mal die Mühe gemacht, das wirklich zu hinterfragen, warum man so ein Beruhigungsmittel, ein Neuroleptikum, bei kleinen Kindern einsetzen kann und das über Jahre hinweg.“

Nach Informationen von WDR und Süddeutscher Zeitung planen noch weitere Betroffene gerichtlich gegen Winterhoff vorzugehen. Entsprechende Strafanzeigen seien in Vorbereitung und würden in den nächsten Tagen bei der Staatsanwaltschaft eingereicht.

Dieser Artikel erschien im Original auf Medscape.de.

Titelbild: © Getty Images/seb_ra

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