13. Dezember 2019

DGPPN 2019

SSRI und ihre (angeblichen) Nebenwirkungen

SSRI, so wird spekuliert, schützen vor Demenz, verursachen dafür aber Osteoporose und Krebs. Die Libido hingegen kehrt nach Therapieende stets zurück, oder? Antworten auf diese Fragen gab es beim DGPPN-Kongress in Berlin. 1

Lesedauer: 4 Minuten

Dieser Artikel basiert auf dem Symposium “SSRI-Freund oder Feind?” auf dem DGPPN-Kongress 2019, zusammengefasst von Dr. med. Laura Cabrera. 1

  • Dr. Claudia Bartels, leitende Psychologin in der Universitätsklinik Göttingen, sprach über den Effekt von SSRI auf die Entwicklung einer Demenz. Die Hypothese: SSRI können aus bislang noch unklaren Gründen das Vollbild einer Demenz hinauszögern. Die Vermutung fußt auf der mehrfach replizierten Beobachtung, dass Depressionen das Risiko für eine spätere Demenz bedeutend erhöhen.

    Während präklinische Studien am Mausmodell dafür sprechen, sind die Ergebnisse epidemiologischer Analysen und randomisierter Studien widersprüchlich. In ihrer Untersuchung, die 2018 veröffentlicht wurde, analysierten Dr. Bartels und ihre Kollegen Daten der US-amerikanischen Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative und werteten 755 Patienten aus.

    Patienten, die im Laufe ihres Lebens aufgrund von Depressionen mindestens vier Jahre lang SSRI eingenommen haben, hatten einen deutlichen Vorteil: Bei ihnen konnte das Voranschreiten eines Mild Cognitive Impairment hin zum Vollbild der Alzheimer Demenz um durchschnittlich drei Jahre hinausgezögert werden. Der Effekt blieb auch gegenüber Patienten bestehen, die keine Depressions-Anamnese hatten. Eine kürzer dauernde SSRI-Einnahme oder andere Antidepressiva konnten diese Wirkung nicht erzeugen. Die Liquor-Biomarker hingegen unterschieden sich nicht.2

    Derzeit ist der Effekt besonders für Citalopram und Escitalopram untersucht. Neue Daten für verschiedene Wirkstoffe stehen noch vor der Veröffentlichung.

    Fazit: Anscheinend können Citalopram und Escitalopram bei Patienten mit Depressionen das Vollbild einer Alzheimer-Demenz herauszögern.

  • Bis zu 70% der an Depressionen Erkrankten leiden unter sexuellen Funktionsstörungen, doch nur rund 10% reden ungefragt mit ihrem Arzt oder Therapeuten darüber. Auslöser kann die Depression selbst sein, doch auch Antidepressiva dämpfen bei 70% der Patienten die Libido.3

    Durch ihren Eingriff in die zentrale Signalübertragung verändern Psychopharmaka auch das Gleichgewicht aus sexueller Inhibition und Exzitation, das einer ständigen und komplexen Feinjustierung unterliegt, erklärt Prof. Tillmann Krüger von der Medizinischen Hochschule Hannover.

    SSRIs dämpfen die sexuelle Appetenz und Sensibilität, da fast alle Serotonin-Rezeptoren eine inhibierende Wirkung auf die sexuelle Erregung vermitteln, während lediglich der Subrezeptor 5-HT1A eine prosexuelle Funktion hat. Sertralin hat am häufigsten einen negativen Einfluss auf die Sexualität, dicht gefolgt von Venlafaxin, Citalopram und Paroxetin. Moclobemid, Agomelatin und Bupropion zeigen diese Effekte nur sehr selten. Für die Therapie besteht eine Warnhinweispflicht auf die sexuellen Funktionsstörungen.

    Dabei häufte sich die Literatur über anhaltende sexuelle Dysfunktion (Post-SSRI sexual dysfunction), die auch noch Jahre nach Absetzen der Medikation besteht, ohne dass eine erneute Depression vorliegt. Die Betroffenen leiden unter einer verminderten Sensitivität der Genitalien, verminderter Intensität des Orgasmus, erektiler Dysfunktion sowie Ejaculatio praecox. Meist haben die Betroffenen zuvor ein SSRI eingenommen, doch auch SNRI können diese Probleme auslösen. Die Forschung zu dieser anhaltenden Störung steckt noch in den Kinderschuhen.

    Sehr selten ist die oft im Bezug zu serotoninergen Substanzen stehende persistierende genitale Erregung (Persistent Genital Arousal Disorder, PGAD), die in der Regel bei Frauen auftritt. Die Patientinnen erleben dabei eine andauernde Erregung der Genitalien, jedoch ohne dabei sexuelles Verlangen zu haben. Das Syndrom ist extrem belastend, auch hier weiß die Medizin nur sehr wenig über Ursachen und Therapiemöglichkeiten.

    Fazit: SSRI können die Sexualität noch Jahre nach dem Absetzen stark beeinträchtigen.

  • Etwa jeder dritte Krebspatient leidet ebenfalls unter einer affektiven Erkrankung, meist an einer Depression.4 Ist diese mindestens mittelschwer, ist auch bei diesen Betroffenen ein SSRI leitliniengerecht das Pharmakon der Wahl. 

    Seit wenigen Jahren ist jedoch bekannt, dass es zwischen der Einnahme von SSRI und einem schlechteren Verlauf der Tumorerkrankung einen Zusammenhang gibt. So zeigten John Busby und Kollegen, dass Patientinnen mit Mamma-Karzinom, die ein SSRI nahmen, eine um 30% höhere Sterberate hatten als solche die kein SSRI einnahmen.5 Außerdem fanden Desiré Christensen et al. heraus, dass Frauen, die an einem Ovarialkarzinom erkrankt waren, unter SSRI eine signifikant verkürzte progressionsfreie Zeit hatten (time to disease progression).6

    Theoretisch können SSRI kanzerogen sein, da sie bei Bindung an 5-HT-Rezeptoren, die es nunmal auch auf Tumorzellen gibt, für eine verstärkte Glucoseaufnahme in die Zelle sorgen, abhängig von der Dosis. Tumorzellen könnten dadurch einen metabolischen Vorteil erlangen.

    Dr. Kahl von der Medizinischen Hochschule Hannover und sein Team untersuchten daraufhin fünf humane Brustkrebs- und vier humane Ovarialkrebszelllinien im Hinblick auf Veränderungen der Proliferationsrate unter dem Einfluss von Fluoxetin, Sertralin und Citalopram in unterschiedlichen Konzentrationen. Keine der Zelllinien zeigte eine Zunahme der Zellteilungsrate, auch nicht unter reiner Serotonin-Stimulation.7

    Aktuell wird spekuliert, dass der Zusammenhang nicht durch die SSRI, sondern durch einen schlechteren Lebensstil und ähnliche, durch die psychische Komorbidität bedingte Faktoren bedingt ist. Belastbare Evidenz dafür oder dagegen gibt es derzeit jedoch nicht.

    Fazit: Eine potentielle kanzerogene Wirkung von SSRIs erscheint unwahrscheinlich, ist aber noch nicht ausgeschlossen.

  • Prof. Ulrich Schweiger vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und seine Kollegen veröffentlichten 2016 eine Metaanalyse über den Zusammenhang von Veränderungen der Knochendichte bei Patienten mit Depressionen. Darin stellten sie fest, dass das Skelettsystem von Depressions-Patienten um 5-10 Jahre vorgealter war. Ohne prospektive Studien dazu ist der Grund schwer zu finden, denn die Zusammenhänge sind vielseitig.8

    Antidepressiva, zum Beispiel Sertralin, haben im Tierexperiment einen ungünstigen Einfluss auf den Knochenstoffwechsel gezeigt. Beim Menschen konnte ein Zusammenhang zwischen SSRI und der Knochendichte jedoch nicht hergestellt werden.

    Die wenigen Studien, die es dazu gibt, sind methodisch nicht besonders stark, da die Effekte oft nicht dosisabhängig untersucht wurden und die Gruppen deshalb heterogen waren. Zwar sind SSRI mit einer erhöhten Frakturrate assoziiert, hier scheinen jedoch das Alter, Komorbiditäten und Polypharmazie eine Rolle zu spielen.9

    Fazit: Eine Auswirkung von SSRI auf die Knochendichte ist bisher noch unzureichend untersucht.

  1. DGPPN 2019: Symposium “SSRI-Freund oder Feind?” 27.11.2019
  2. Bartels C et al.: Impact of SSRI Therapy on Risk of Conversion From Mild Cognitive Impairment to Alzheimer’s Dementia in Individuals With Previous Depression. Am J Psychiatry, 175 (3), 232-241
  3. Serretti A & Chiesa A: Treatment-emergent Sexual Dysfunction Related to Antidepressants: A Meta-Analysis. J Clin Psychopharmacol , 29 (3), 259-66, 2009
  4. Singer S et al: Prevalence of Mental Health Conditions in Cancer Patients in Acute Care—A Meta-Analysis. 2010;21(5):925–930.
  5. Busby J et al: Selective serotonin reuptake inhibitor use and breast cancer survival: a population-based cohort study. Breast Cancer Res. 2018;20(1):4. Published 2018 Jan 19. doi:10.1186/s13058-017-0928-0
  6. Christensen DK et al. SSRI use and clinical outcomes in epithelial ovarian cancer. Oncotarget. 2016;7(22):33179–33191. doi:10.18632/oncotarget.8891
  7. Britta Stapel et al.: Einfluss der SSRI-Exposition auf Proliferationsrate und Glukoseaufnahme in Brust- und Eierstockkrebszelllinien. Poster im Rahmen des DGPPN 2019.
  8. Schweiger JU et al.: Bone density and depressive disorder: a meta-analysis. Brain Behav. 2016;6(8):e00489. Published 2016 May 18. doi:10.1002/brb3.489
  9. Bruun SB et al.: Selective serotonin reuptake inhibitor use in hip fracture patients: a Danish nationwide prevalence study. Acta Orthop. 2019;90(1):33–39. doi:10.1080/17453674.2018.1543842

Titelbild: © Getty Images/Lobro78

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