14. Oktober 2020

Pharmakovigilanz

Sicherheit von Psychopharmaka bei Kindern & Jugendlichen

Die Auswahl an zugelassenen Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter ist begrenzt, weshalb häufig ein Off-Label-Gebrauch auf Grundlage klinischer Erfahrung erfolgt. Eine multizentrische, naturalistische Studie hat das Auftreten von Nebenwirkungen im Behandlungsverlauf von insgesamt 1212 Kindern und Jugendlichen untersucht. 1

Lesedauer: 4 Minuten

Dieser Artikel basiert auf der Publikation von Egberts et al. im Bulletin zur Arzneimittelsicherheit (September 2020)1. Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera.

Naturalistisches Design

Insgesamt waren 19 Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz am Pharmakovigilanzprojekt TDM-VIGIL beteiligt, das vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gefördert wurde. Eingeschlossen wurden minderjährige Patienten ab dem 6. Lebensjahr. Die Studie nahm dabei keinen Einfluss auf die Therapieentscheidungen der behandelnden Ärzte. Im Gegensatz zu den meisten Zulassungsstudien, in denen nur eine sehr ausgewählte Patientengruppe untersucht wird, gab es hier nur sehr wenige Ein- und Ausschlusskriterien. So wurden u.a. auch Patienten eingeschlossen, die bei Eintritt suizidal waren oder mehr als eine Medikation bekamen.

Beobachtung des Behandlungsverlaufs

Der Verlauf der Behandlung wurde über mindestens 6 Monate beobachtet. Zu 5 Erhebungszeitpunkten wurden die klinischen Effekte und unerwünschten Wirkungen mit standardisierten Skalen erhoben, ebenso wie die Blutkonzentration der Medikamente.

Zweigeteilte Untersuchung

Die Publikation im Bulletin zur Arzneimittelsicherheit berichtet über eine zweigeteilte Untersuchung:

  • Teil 1 – Sicherheit von Antidepressiva und Antipsychotika: Bei Teil 1 handelte es sich um eine offene, klinische Phase IIIb-Studie mit dem Ziel, Erkenntnisse über Wirksamkeit und Sicherheit von Antidepressiva und Antipsychotika, auch im Off-Label-Bereich, bei Kindern und Jugendlichen zu gewinnen. In diesem Teil der Untersuchung wurden insgesamt 710 Patienten ausgewertet, die zwischen Oktober 2014 und Dezember 2018 eingeschlossen wurden.
  • Teil 2 – Risiken von Psychostimulanzien bei Aufmerksamkeitsstörung: Bei Teil 2 handelte es sich um eine Beobachtungsstudie zu arzneimittelbedingten Risiken von Psychostimulanzien für Kinder und Jugendliche mit einer Aufmerksamkeitsstörung. Hier wurden insgesamt 502 Patienten ausgewertet, die zwischen Mai 2013 und November 2018 in die Studie aufgenommen wurden.

Ein Viertel war bei Einschluss akut suizidal

Im Teilprojekt 1, in dem Antidepressiva und Antipsychotika untersucht wurden, waren 66% der Teilnehmer weiblich, das mittlere Alter lag bei 14,6 Jahren (SD 2,2 Jahre), während 91% der Teilnehmer in dieser Gruppe älter waren als 12 Jahre. 77% der Patienten befanden sich zu Beginn in stationärer Behandlung, knapp 15% waren teilstationär, der Rest wurde ambulant behandelt. Ein Viertel der Teilnehmer waren bei Einschluss in die Studie akut suizidal.

Die häufigste Diagnose war mit fast 42% die mittlere depressive Episode, gefolgt von Anorexia nervosa (16%) und der schweren depressiven Episode (13%).

Die am meisten verordneten Antidepressiva waren Fluoxetin, Sertralin, Mirtazapin und Escitalopram. Von den Antipsychotika wurden am häufigsten Aripiprazol, Quetiapin, Olanzapin und Risperidon verwendet. Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen erhielten Medikamente aus beiden Substanzklassen, 40% nahmen mehr als ein Psychopharmakon, während zwei Drittel der dokumentierten Verordnungen im Off-Label-Gebrauch waren.

Müdigkeit als führende Nebenwirkung

Mehr als die Hälfte der Teilnehmer hatten im Verlauf mindestens eine unerwünschte Wirkung, die wahrscheinlich mit der verordneten Medikation zusammenhing. Am häufigsten traten auf:

  • Müdigkeit (10-13%)
  • Gewichtszunahme (5-10%)
  • Gesteigerter Appetit (5-8%)
  • Hypersomnie (4-8%)
  • Schwindel (4-5%)
  • Motorische Unruhe und Kopfschmerzen (jeweils ca. 4%)

Von allen unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) wurde etwa die Hälfte als mild eingeschätzt, 44% als mittelschwer, 4% als schwerwiegend und der Rest als äußerst schwerwiegend.

Insgesamt gab es in Teilprojekt 1 bei 8,3% der Teilnehmer schwerwiegende UAW, vorwiegend auf der „Kognitions- und Verhaltensebene“. Im Off-Label-Gebrauch kam es dabei nicht häufiger zu schwerwiegenden UAWs.

Teilnehmer, die bei Einschluss in die Studie akut suizidal waren, hatten ein höheres Risiko, eine schwerwiegende UAW zu erleben. Eine detailliertere Auflistung zu diesem Sachverhalt bietet die Publikation nicht. Während des gesamten Studienverlaufs wurden allerdings keine Ereignisse mit bleibenden Schäden oder tödlichem Verlauf aufgezeichnet.

Verminderter Appetit

In Teilprojekt 2 war die erwartungsgemäß häufigste Medikation Methylphenidat in 87% der Fälle, gefolgt von Lisdexamfetamin mit knapp 17%.

Die häufigste UAW war verminderter Appetit, der im zeitlichen Verlauf häufiger wurde und nach einem halben Jahr bei 38% der Teilnehmer auftrat. Daneben traten auf:

  • Gewichtsverlust (9-13%)
  • Insomnie (5-7%)
  • Müdigkeit (4-6%)
  • Kopfschmerzen (3-6%)
  • Bauchschmerzen (2-5%)

Bei der Hälfte der Teilnehmer ergab die Erhebung mit der Clinical Global Impression Scale keine UAW im Gesamtverlauf. Bei lediglich 5 der 502 Teilnehmer zeigten sich schwerwiegende unerwünschte Ereignisse; drei davon waren psychiatrischer Natur, zwei somatischer. Alle Ereignisse blieben, soweit beurteilbar, ohne Langzeitfolgen.

Innerhalb der sechs Monate, in denen die Kinder und Jugendlichen beobachtet wurden, fanden die Forscher keine signifikanten Effekte auf Längenwachstum, Gewicht, systolischen oder diastolischen Blutdruck. Als Referenz galten die Werte der deutschen Normpopulation aus der KiGGS-Studie (2013).

Häufiger UAWs als bisher bekannt, meist aber mild

Im Vergleich zu bisher veröffentlichten, epidemiologischen Sekundärdaten z.B. von Krankenkassen wurden in dieser Untersuchung häufiger UAWs gefunden. Einen Grund dafür sehen die Autoren in den semistrukturierten Interviews, die die Forscher mit den Teilnehmern geführt haben. Dabei verlief der Großteil der UAW mild.

Fazit

  • Etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen zeigten keine unerwünschten Arzneimittelwirkungen in einem 6-monatigen Behandlungszeitraum.
  • Bei denjenigen, die UAWs erlebten, fielen diese in der Mehrheit mild aus und nur selten schwerwiegend (8,3% der Patienten mit Antidepressiva oder Antipsychotika, 1% der Patienten mit Stimulanzien).
  • Akut suizidale Patienten hatten ein höheres Risiko, schwerwiegende UAW zu entwickeln. Es gab keine Ereignisse mit Todesfolge oder (soweit einschätzbar) bleibenden Schäden.
  • Dabei traten im Off-Label-Gebrauch gleich häufig UAW auf wie bei zugelassenen Präparaten.

Während der Untersuchung wurden Daten zur therapeutischen Konzentration häufiger Wirkstoffe bei Kindern und Jugendlichen erhoben, die sich derzeit im Publikationsprozess befinden.

  1. Egberts et al. “Sicherheit von Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen in der klinischen Praxis – Erkenntnisse einer prospektiven Studie”. Bulletin zur Arzneimittelsicherheit (Ausgabe 3, September 2020)

© Bildquelle: Getty Images/ Rawpixel

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