19. Dezember 2019

DGPPN 2019

Bei Psychedelika kochen die Emotionen hoch

Spätestens seit Esketamin zur Behandlung resistenter Depressionen von der FDA zugelassen wurde, erlebt die Diskussion um den therapeutischen Einsatz ein Wiederaufleben. In der Pro-Contra-Debatte auf dem diesjährigen DGPPN-Kongress kamen sowohl sachliche als auch emotionale Argumente auf. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Artikel basiert auf der Pro-Con-Debatte “Psychedelika in der Psychotherapie” auf dem DGPPN-Kongress 2019, zusammengefasst von Dr. med. Laura Cabrera.

Reserve für resistente Verläufe?

Psychedelika sollen helfen, wo nichts anderes bisher gewirkt hat – vor diesem Hintergrund finden die Debatten über den Einsatz von Ketamin, Psilocybin und Co. in der Psychotherapie statt. Während die universitäre Forschung immer mehr Erkenntnisse über die Wirkmechanismen gewinnt, steht stets die Frage im Raum, ob es wirklich vertretbar ist, psychisch Kranken halluzinogene Drogen zu verabreichen.

Prof. Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim wies auf den Umstand hin, dass legale Substanzen wie Alkohol und Tabak bedeutende volkswirtschaftliche und soziale Schäden anrichten, während illegale Substanzen, die unter medizinischer Aufsicht therapeutisch wirksam sein können, weiterhin einer Tabuisierung unterliegen.

Was wir bereits wissen

Vieles ist über die Wirkweise von klassischen Psychedelika wie LSD, Psilocybin etc. bereits bekannt, erklärte Prof. Ursula Havemann-Reinecke vom Referat für Abhängigkeitserkrankungen der DGPPN. Ein Hauptmechanismus der halluzinogenen Wirkung liegt in der Stimulation des 5-HT2A-Rezeptors. Dadurch wird die Filterfunktion des Thalamus beeinträchtigt, sodass Reize von außen wie von innen verändert wahrgenommen werden. Derselbe Rezeptor kann bei Schizophrenie-Erkrankten hypersensibel sein, wie eine post-mortem-Untersuchung gezeigt hat.

Eine weitere Rolle spielt der Sigma-1-Rezeptor, der die Aktivität des NMDA-Rezeptors verstärkt und damit auch einen Einfluss auf die Ausschüttung von Acetylcholin, Dopamin und Serotonin hat. Der Rauschzustand ist neurologisch hochkomplex und, so folgert Prof. Havemann-Reinecke, noch zu wenig verstanden, um Psychedelika als psychiatrische Therapie zu etablieren.

Der Dreh- und Angelpunkt der therapeutischen Wirkung ist die Auflösung der Ich-Grenzen, die im besten Fall als euphorisch-positiv erlebt wird, im schlechtesten Fall als Horror-Trip. Dem sollen eine angenehme Umgebung und eine Begleitung durch die Therapeuten während der Sitzung entgegenwirken. Im Erfolgsfall entwickelt sich ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen, das nachhaltig die Fähigkeit zur Empathie verbessert und die Stimmung hebt. Eingefahrene, ungünstige Denkmuster, wie sie z.B. bei anhalten Depressionen bestehen, können so durchbrochen werden.

Strenge Indikationsstellung

Die größte Befürchtung und ein regelmäßig angeführtes Argument gegen Psychedelika ist das mögliche Auslösen einer psychotischen Erkrankung des Patienten. Dies sei in den vielen untersuchten Fällen jedoch nie vorgekommen, erklärt Gründer, da die Auswahlkriterien für geeignete Teilnehmer sehr streng sind: Menschen, die selbst unter einer Psychose leiden oder die dahingehend familiär vorbelastet sind, werden kategorisch ausgeschlossen.

Ebenfalls kommen nur Patienten infrage, die älter als 25 Jahre sind, um nicht in die Entwicklung des jungen Gehirns einzugreifen. In der medizinischen Praxis werden zudem klar definierte und saubere Substanzen mit bekannter und kontrollierter Dosis verwendet. Eine Suchtentwicklung sei bei Psychedelika nicht zu befürchten, so Prof. Gründer auf Nachfrage aus dem Publikum.

Gegner und Befürworter

In der Publikumsdiskussion offenbarte sich, wie kontrovers das Thema aufgenommen wird: Manche argumentierten sehr emotional dafür, da schwer kranken Patienten mit Psychedelika geholfen werden könnte. Das Kontra-Lager hingegen empfindet es als unvertretbar, diese potentiell schädlichen Substanzen an psychisch vulnerablen Menschen anzuwenden.

„Würden Sie Ihre Patienten mit einem Psychedelikum behandeln?“ lautete die Frage, die am Ende der Forumsdiskussion an die Zuschauer gerichtet wird. Der Großteil des Auditoriums hebt die Hand, sobald die Antwort lautete: „Ich würde es bei bestimmten Patienten in Erwägung ziehen.“

  1. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, Pro-Contra-Debatte „Psychedelika in der Psychotherapie“ am 28.11.2019

Bildquelle: Titelbild © Getty Images/ sequential5
Artikelbild © Getty Images/ juriskraulis

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