Berühmte Personen mit Tourette-Syndrom
Das Tourette-Syndrom und Tics können für die Betroffenen im Alltag belastend sein. Wenn berühmte Persönlichkeiten über ihre Erkrankung sprechen, kann dies zu einem besseren Verständnis in der Öffentlichkeit beitragen. Ein Blick auf prominente Patientinnen und Patienten.1
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung des Beitrages Berühmte Personen mit Tourette-Syndrom von Kirsten R. Müller-Vahl. | Redaktion: Nathalie Haidlauf
Von nicht wenigen Musikern und Komponisten ist bekannt, dass bei ihnen ein Tourette-Syndrom vorliegt. Dies führte immer wieder zu Spekulationen, ob Menschen mit Tourette-Syndrom besondere künstlerische und musikalische Begabungen haben. Auch wird von vielen Künstlern, aber auch zahlreichen Patienten berichtet, dass das Spielen eines Instruments oder Singen zu einer deutlichen Reduktion der Tics führe.
In einer kleinen Studie konnte tatsächlich nachgewiesen werden, dass das (passive) Hören von Musik und viel mehr noch das (aktive) Musizieren zu einer Tic-Verminderung führt (Bodeck et al. 2015). Offen bleibt derzeit aber die Frage, ob es sich hierbei um einen spezifischen Effekt infolge des Musizierens handelt oder „lediglich“ die Konzentration auf eine Tätigkeit entscheidend ist, wie es auch von anderen Tätigkeiten bekannt ist, die ein hohes Maß an Konzentration erfordern.
Bekannte Musiker mit Tourette-Syndrom
Der bekannte amerikanische Jazzpianist und Komponist Michael Wolff (Jahrgang 1954) machte seine Tourette-Erkrankung unter anderem dadurch der Öffentlichkeit bekannt, dass er viele Jahre dem Vorstand der amerikanischen Tourette-Gesellschaft (TAA) angehörte und sich um Kinder mit Tourette-Syndrom kümmerte. Wolff arbeitete als Bandleader, musikalischer Leiter verschiedener Shows (The Arsenio Hall Show, The Naked Brothers Band) und Komponist von Filmmusiken. So schrieb er auch die Filmmusik zu dem Film The Tic Code, der von der Freundschaft zweier Musiker mit Tourette-Syndrom erzählt und an seine eigene Biografie angelehnt ist.
Der 1967 in London geborene britische Klassik-Pianist Nick van Bloss legte wegen seines Tourette-Syndroms vom 26. bis 41. Lebensjahr eine Konzertpause ein, obwohl er in Fachkreisen zuvor bereits als Jahrhundertgenie gefeiert wurde. Bereits im Alter von 15 Jahren war er als Juniorstudent am Londoner Royal College of Music eingeschrieben.
Die Diagnose eines Tourette- Syndroms wurde allerdings erst im Alter von 21 Jahren gestellt, 14 Jahre nach Symptombeginn. Im Jahre 2006 veröffentlichte van Bloss ein autobiographisches Buch (Busy Body – My Life With Tourette's Syndrome), in dem er sein Leben mit dem Tourette-Syndrom beschreibt. Mittlerweile sagt er von sich, dass er gelernt habe, ein Leben mit dem Tourette-Syndrom anzunehmen.
Die aktuell weltweit sicherlich bekannteste Künstlerin mit Tourette-Syndrom ist die amerikanische Singer-Songwriterin Billie Eilish (Jahrgang 2001). Sie zählte 2019 zu den meistgestreamten weiblichen Künstlerinnen auf der Plattform Spotify und gewann 2020 alle vier Hauptkategorien bei den Grammy Awards. Erst 2018 sprach sie offen darüber, dass bei ihr in der Kindheit die Diagnose Tourette-Syndrom gestellt worden war. Zuvor hatte sie dies vermieden, um nicht auf ihre Erkrankung reduziert zu werden.
Die Hypothese, dass zumindest manche der sonderbaren Verhaltensweisen des Genies Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) durch ein Tourette- Syndrom erklärt werden könnten, wurde erstmals von dem dänischen Neurologen und Psychiater Rasmus Fog formuliert (Fog u. Regeur 1983, Fog 1995). Seither haben sich verschiedene Biographen und Medizinhistoriker mit dieser Frage befasst. Mehr dazu lesen Sie hier >>
TV-Persönlichkeiten mit Tourette-Syndrom
Harald Schmidt (Jahrgang 1957) wurde in Deutschland durch seine von 1995 bis 2014 im TV ausgestrahlten Late-Night-Shows einem Millionenpublikum bekannt. Schmidt war aber nicht nur Entertainer und Kabarettist, sondern arbeitete auch als Schauspieler, Kolumnist, Schriftsteller und Fernsehmoderator. Verfolgt man die zahllosen Fernsehauftritte, so kann man zweifelsohne immer wieder eindeutige motorische und vokale Tics beobachten, die Schmidt oft aber gekonnt überspielte.
Nur in wenigen Interviews äußerte er sich offen über die bei ihm bestehenden Tics, derentwegen er in der Jugend von seinen Eltern in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgestellt worden sei. In der 1.018. Folge der „Harald Schmidt Show“ im TV-Sender SAT1 vom 19.12.2001 spricht er ausführlich über seine Tics, lässt aber offen, ob diese bis heute bei ihm bestehen.
Der kanadische Schauspieler, Drehbuchautor, Sänger und Komiker Dan Aykroyd (Jahrgang 1952) berichtet, dass bei ihm in der Jugend ein mildes Tourette-Syndrom sowie zusätzlich ein Asperger-Syndrom diagnostiziert worden seien. Etwa mit 14 Jahren seien die Tics bei ihm vollständig zurückgegangen.
Erfolgreiche Sportler mit Tourette-Syndrom
Im Jahre 1994 wurde durch einen Bericht in der Sendung Der Sportspiegel im deutschen Fernsehen der amerikanische Basketballprofi Mahmoud Abdul-Raouf auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt. Trotz eines deutlich ausgeprägten Tourette- Syndroms spielte er von 1990–1998 sehr erfolgreich in der amerikanischen Basketballliga NBA.
In dem Fernsehbeitrag wurden seinerzeit die Einschränkungen des Sportmillionärs durch das Tourette-Syndrom dargestellt, aber auch positive Folgen der Erkrankung beschrieben: Abdul-Raouf kam oft zu spät zum Training, da er wieder und wieder die Autotür kontrollieren oder seine Schnürsenkel zubinden musste, bis sich ein Genau-richtig-Gefühl einstellte. Andererseits führte sein Zwang, den Ball beim Training so lange durch den Basketballkorb zuwerfen, bis sich eben dieses Genau-richtig-Gefühl einstellte und der Ball mit der richtigen Geschwindigkeit, der richtigen Flugbahn und dem richtigen Geräusch durch den Korb flog, dazu, dass er seinerzeit der treffsicherste Freiwurfschütze der NBA war mit einer Trefferquote von 96%.
James Michael (Jim) Eisenreich, geboren 1959,spielte in den Jahren von 1982–1984 und 1987–1998 trotz seines Tourette-Syndroms überaus erfolgreich als Profi in der ersten amerikanischen Baseball-Liga, der Major League Baseball. Im Anschluss an seine Sportlerkarriere gründete Eisenreich die Jim Eisenreich Foundation for Children with Tourette’s Syndrome, die sich für Kinder mit Tourette-Syndrom einsetzt.
Auch in der 1. Bundesliga in Deutschland spielte mit Lars Ricken (Jahrgang 1976) über viele Jahre erfolgreich ein Fußballspieler, der sich während seiner aktiven Zeit auf seiner Homepage offen zu seinem Tourette-Syndrom bekannte. Ricken spielte von 1993–2007 als Profi bei Borussia Dortmund und stand sechzehnmal im Team der Deutschen Nationalmannschaft.
Tourette-Syndrom in den sozialen Netzwerken
In jüngster Zeit hat die Zahl der Videos in den sozialen Medien, die sich mit dem Tourette-Syndrom beschäftigen, sprunghaft zugenommen. Einer der wenigen gelungenen Beiträge wurde 2015 von der belgischen Tourette-Selbsthilfegruppe Iktic Tourettevereniging België – Jetique association Tourette anlässlich des Europäischen Tourette Syndrome Awareness Day am 7. Juni produziert.
Die überwiegende Mehrzahl der aktuell auf sozialen Medien wie YouTube, TikTok und Instagram zu findenden Videos ist dadurch gekennzeichnet, dass die Personen, die dort über das bei ihnen vermeintlich bestehende Tourette-Syndrom berichten, für jeden Experten eindeutig ersichtlich gar nicht am Tourette-Syndrom erkrankt sind oder zumindest die meisten der dargebotenen Symptome nicht dieser Erkrankung zuzuordnen sind.
Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


