30. Dezember 2020

Können Online-Trainings wirklich bei psychischen Problemen helfen?

Ein Psychotherapieplatz in Deutschland ist nicht leicht zu bekommen. Meist vergehen zwischen der hausärztlichen Sprechstunde, in der zum ersten Mal eine psychische Beeinträchtigung angesprochen wird, und der ersten Therapiestunde bei einem Psychologen oder Psychiater mehrere Wochen bis Monate.

Lesedauer: 3 Minuten

Symptome bewältigen mit Online-Trainings

Viele Patienten können bereits mit gezielten Bewältigungsstrategien sowie der Reflexion ihrer Denk- und Verhaltensmuster eine Besserung ihrer Symptome erreichen. Solche Interventionen gibt es auch als internetbasierte Programme und Apps. Allerdings ist nur bei sehr wenigen Angeboten eine Wirksamkeit mit wissenschaftlichen Methoden belegt.

33 randomisiert-kontrollierte Studien

Wie man die Wirksamkeit eines digitalen Selbsthilfe-Programms nachweisen kann, zeigen Psychologen aus Deutschland, die mit „HelloBetter“ begleitete Online-Trainings mit psychotherapeutischen Inhalten entwickelt haben. Die Trainings-Programme können bei der Bewältigung von Stress, Depressionen, Schlafstörungen, chronischen Schmerzen und weiteren psychischen Beschwerden helfen. Dass diese Programme wirksam sind, konnten  33 randomisiert-kontrollierte klinische Studien zeigen.

„Der Bereich der digitalen Gesundheitsanwendungen für die Bewältigung psychischer Belastungen ist nach wie vor sehr unübersichtlich und es ist für Betroffene schwierig, ein verlässliches Angebot zu finden,” erklärt Dr. Elena Heber, Diplom-Psychologin und Mitgründerin von HelloBetter. „Unser Ziel ist es, Betroffenen einen direkten Zugang zu Maßnahmen zu bieten, mit denen sie ihre psychischen Beschwerden selbstständig und nachgewiesenermaßen wirkungsvoll reduzieren können.”

Ergebnisse veröffentlicht u.a. im JAMA

Eines der Programme von HelloBetter zur Prävention einer Depression, das von der Barmer-Krankenkasse erstattet wird, wurde in einer randomisierten kontrollierten Studie an 406 Probanden untersucht. 

Im Zuge der Studie, deren Ergebnisse 2015 und 2016 in führenden medizinischen Zeitschriften (JAMA und Psychotherapy and Psychosomatics) publiziert wurden, nahmen 202 Teilnehmer an dem begleiteten Online-Selbsthilfe-Training mit Inhalten aus der kognitiv-behavioralen Therapie teil. Das Programm besteht aus einer Trainingssitzung die Woche mit insgesamt sechs Übungseinheiten, ein voller Durchlauf dauert somit sechs Wochen. 1,2

204 Teilnehmer erhielten als aktive Kontrollgruppe eine internetbasierte Psychoedukation. Die  Probanden wurden zur Baseline sowie 6 und 12 Monate später mit einem strukturierten klinischen diagnostischen Interview (SKID) per Telefon evaluiert.

  • Zwischen März 2013 und März 2014 wurden Erwachsene eingeschlossen, die

    • unter depressiven Symptomen litten (mindestens 16 Punkte auf der Allgemeinen Depressionsskala),
    • zu Beginn der Studie bis mindestens 6 Monate zuvor keine schwere depressive Episode (nach DSM-IV-Kriterien) aufwiesen,
    • weder im Verlauf der Studie, noch 6 Monate zuvor eine Psychotherapie machten und auch nicht auf den Beginn einer solchen warteten,
    • nicht suizidal waren und
    • sich nicht in der Auf- oder Ausdosierungsphase eines Psychopharmakons befanden (stabile Dosis seit mindestens 4 Wochen).

Besseres Befinden direkt nach dem Training…

Direkt nach dem Training zeigten Teilnehmer der Interventionsgruppe signifikant niedrigere Depressionssymptome (Cohen’s d = 0.69), eine deutlich bessere psychische Lebensqualität (Cohen’s d = 0.57), geringere Schlafprobleme (Cohen’s d = 0.26) und auch geringere Angstwerte (Cohen’s d = 0.52) als die aktive Kontrollgruppe.

… und noch ein Jahr später

Im 1-Jahres Follow-Up konnte auch die langfristige Wirksamkeit bestätigt werden: 84 Teilnehmer (41%) der aktiven Kontrollgruppe entwickelten eine klinische Depression, während dies in der Interventionsgruppe bei nur 55 (27%) Personen der Fall war. Die kumulative Inzidenz einer depressiven Episode lag mit der Trainingsintervention bei 32% (95% KI 25-39%), bei der reinen Psychoedukation bei 47% (95% KI 40%-55%).

Weitere Informationen und Test-Zugang zu HelloBetter

Hier finden Sie weitere Informationen zur Evidenz von HelloBetter-Online-Interventionen, können Kontakt aufnehmen und ein Test-Konto anlegen.

Risiko für klinische Depression sank um 40%

Das Verhältnis der Inzidenzraten lag bei 0,6 (95% KI 0,42-0,84, p=0,003), was einer 40%igen Reduktion des Risikos für die Entwicklung einer klinischen Depression entspricht. Ausführlichere Daten zur Durchführung der Studie und weiteren Endpunkten finden Sie im frei zugänglichen Originalartikel bei JAMA sowie in Psychotherapy and Psychosomatics. Die positiven Ergebnisse wurden in mehreren Folgestudien repliziert.

Dr. Elena Heber zieht folgendes Fazit: „Wir konnten weltweit erstmals zeigen, dass es möglich ist, bei Betroffenen, die erste depressive Symptome haben, mithilfe eines Online-Trainings der Verschlimmerung einer Depression langfristig wirksam vorzubeugen und auch die Lebensqualität der Teilnehmer deutlich zu steigern. Im Rahmen des Digitale- Versorgung-Gesetzes wird es Ärzten und Psychotherapeuten ermöglicht, nachweislich wirksame Online-Trainings zur Reduktion psychischer Beschwerden zu verschreiben, um ihren Patienten so eine zeitnah verfügbare und verlässliche Unterstützung an die Hand geben zu können.“

  • Nicht nur für Depression, sondern auch für die Behandlung der Insomnie steht ein Trainingsprogramm bei HelloBetter zur Verfügung, das seine Wirksamkeit in Studien beweisen konnte.
    Zusammen mit renommierten Schlafforschern der Universität Freiburg im Breisgau sollen die Vorteile der von HelloBetter entwickelten, internetbasierten Intervention nun die flächendeckende Versorgung von Insomniepatienten erleichtern: An dem vom Innovationsfond des G-BA geförderten GET Sleep-Projekt können Betroffene mit Insomnie bundesweit teilnehmen. Patienten aus Bayern und Baden-Württemberg können über ihren Hausarzt zugewiesen werden. Für Interessierte aus andere Gebieten ist die Zuweisung über einen telemedizinischen Arztkontakt möglich.

    Das Projekt bietet den teilnehmenden Ärzten die Möglichkeit, die leitliniengerechte Versorgung von Insomniepatienten auf eine effiziente und ökonomische Weise in ihren Praxisalltag zu integrieren, während Betroffene Zugang erhalten zu einem mehrstufigen, evidenzbasierten Behandlungssystem auf psychoedukativer und –therapeutischer Basis. Mehr Informationen finden Sie hier.

Dr. Elena Heber hat im Jahr 2016 ihre Promotion in Psychologie im Rahmen des GET.ON -Forschungsprojekts  an der Leuphana Universität Lüneburg zu digitalen Gesundheitsinterventionen in den Bereichen Stress und Depression abgeschlossen und wurde hierfür mit dem dortigen Transferpreis ausgezeichnet. Dr. Heber verantwortet die Entwicklung und Evaluation der digitalen Gesundheitsanwendungen von HelloBetter.

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