26. November 2019

Psychosomatik und Zahnmedizin

Okklusale Dysästhesie – Kaum erforscht, meist frustrierend

Die Berührungspunkte von Zahnmedizin und Psychotherapie begrenzen sich für gewöhnlich auf die Behandlung der Zahnarzt-Phobie. Dabei ist die okklusale Dysästhesie (OD) eine noch zu wenig erforschte, aber hochrelevante somatoforme Störung, deren kompliziertes Management die Kooperation beider Fächer benötigt. 1,2

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Kürzlich erschien die erste deutsche Leitlinie zur Diagnose „Okklusale Dysästhesie“. Sie umfasst, ohne die Literaturangaben zu berücksichtigen, gerade einmal 14 Seiten, obwohl viele Zahnmediziner bereits über frustrierende Erlebnisse mit dieser Erkrankung berichten können. Nicht selten sind Rechtsanwälte Teil dieser Erfahrungen. Dies zeigt, dass aktuell noch zu wenig über diese Störung bekannt ist.

Die klinische Präsentation

Patienten mit okklusaler Dysästhesie stellen sich in der zahnmedizinischen Praxis vor und berichten über Missempfindungen bis hin zu Schmerzen wegen empfundenen ungünstigen Zahnkontakten. Häufig begannen die Missempfindungen nach einer zahnmedizinischen Prozedur, die für die Betroffenen als Auslöser ihrer starken, die Lebensqualität beeinträchtigenden Beschwerden gilt.

Dabei kommt es oft vor, dass die Patienten sehr genau und auch mit medizinischen Fachbegriffen erklären können, welche Korrektur idealerweise durchgeführt werden sollte, um den „idealen Biss“ zu erzielen. Der Vorbehandler sei laut Patient inkompetent gewesen, während nun alle Hoffnung auf den Fähigkeiten der jetzigen Zahnärztin liege.

Kriterien der okklusalen Dysästhesie

  • Subjektiv störende Zahnkontakte
  • Fehlkontakte sind klinisch nicht objektivierbar
  • Der klinische Befund steht in Missverhältnis zu der geschilderten Intensität der Beschwerden
  • Kein Zusammenhang mit anderen Erkrankungen
  • Änderung der okklusalen Kontakte führen nicht zu einer dauerhaften Symptomlinderung
  • Beschwerdebild besteht seit mindestens sechs Monaten
  • Die Patienten sind psychosozial stark belastet

Diese findet bei der Untersuchung jedoch keine Hinweise auf eine Okklusopathie, und falls ungünstige Zahnkontakte auffindbar sind, erklären sie jedoch nicht die Intensität des berichteten Beschwerdebildes. Die Betroffenen bestehen jedoch auf eine korrigierende Prozedur, die nur kurzfristig eine Linderung schaffen kann.

Nach wenigen Wochen hingegen ist der Patient wieder da, weil der Biss doch nicht so ist, wie er sein sollte. Irgendwann bricht der Patient die Behandlung frustriert ab und sucht einen anderen Zahnarzt auf. Die bemühte Zahnärztin wird dort mit großer Wahrscheinlichkeit wieder als inkompetent dargestellt, während der Kollege idealisiert wird.

Eine somatoforme Störung auf dem Zahnarztstuhl

Die okklusale Dysästhesie entspricht damit einer somatoformen Störung, wie Psychosomatiker sie aus ihrer täglichen Arbeit kennen. Statt Tinnitus oder Schwindel manifestiert sich diese Erkrankung jedoch in einer starken emotionalen Besetzung des Biss-Empfindens. Laut Literatur, die in der Leitlinie zitiert wird, weisen Patienten eine verstärkte Propriozeption der Zahnkontakte auf. Hinzu kommt eine starke emotionale, oft ängstliche Besetzung dieser Wahrnehmung.

Die Betroffenen beschäftigen sich exzessiv mit ihrem Biss, recherchieren Symptome, Fachbegriffe und Prozeduren im Internet. Oft entwickeln sie, gestützt durch unseriöse Informationen im Netz, die manchmal abstrus wirkende Überzeugung, dass andere körperliche Beschwerden mit ihrer Okklusion zusammenhängen, ohne dass ein medizinischer Zusammenhang besteht.

Häufig fand der initiale zahnmedizinische Eingriff, der für die Patienten der Beginn ihrer Probleme darstellt, in einer psychisch und sozial für die Patienten anstrengenden Lebensphase statt. In der Regel bestehen Komorbiditäten wie Depressionen, Zwangs-, Angst- und Persönlichkeitsstörungen oder andere psychische Erkrankungen.

Positive Verläufe sind selten

Kelleher und Kollegen stellen in ihrer Fallserie, die Einzug in die Leitlinien gefunden hat, zwölf Patientinnen und Patienten mit OD vor, die von den Autoren mitbehandelt wurden.2 Die meisten Patienten lehnten eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung ab.

Zwei der Betroffenen begingen einen Suizidversuch. Zwei begannen nach der Diagnosestellung, die Zahnärzte derart zu belästigen, dass juristische Schritte eingeleitet werden mussten. Diese Beispiele veranschaulichen die vulnerable psychische Situation der Patienten.

Wie man’s macht…

Zahnmedizinische Behandlungen, mögen sie noch so sorgfältig durchgeführt werden, führen bei diesen Patienten nicht zur Heilung. Jeder Eingriff, so der Expertentenor, bestätigt die Patienten noch in ihrer pathologischen Wahrnehmung. Dabei ist es schwierig, den Behandlungswunsch abzuschlagen, besonders wenn man vom Patienten (zu Beginn) noch idealisiert wird. Weil aber jede Behandlung zum Scheitern verurteilt ist, wird die Stimmung des Patienten bald umschlagen in Unzufriedenheit, Frust oder Wut.

Nicht selten entschließen sich die Betroffenen dafür, den Zahnarzt zu verklagen. Dann muss der Behandler darlegen, warum trotz fehlender medizinischer Indikation ein Eingriff durchgeführt wurde. Gerichtliche Gutachten konzentrieren sich dabei in der Hälfte der Fälle auf die Okklusion selbst. Ob die psychischen Zusammenhänge Beachtung finden, ist fraglich.

  • Die Autoren der Leitlinie empfehlen bei Verdacht auf eine OD keine Eingriffe zur Veränderung der Okklusion durchzuführen, da dies die pathologische Wahrnehmung des Patienten bestätigt. Stattdessen sollte der Patient darüber aufgeklärt werden, dass nicht der Biss das Problem ist, wohl aber die Wahrnehmung, und dass eine psychotherapeutische Behandlung angezeigt ist. Dafür braucht man viel Zeit und Engangement. Man muss jedoch darauf gefasst sein, dass die Betroffenen diese Empfehlung oft nicht annehmen können und an ihrem rein somatischen Erklärungsmodell festhalten.

    Wenn die Empfehlung jedoch angenommen wird, muss der Hausarzt eingeschaltet werden, um die Betroffenen in eine psychotherapeutische Behandlung zu überweisen, da eine direkte Überweisung von der gesetzlichen Krankenkasse nicht akzeptiert wird. Der kollegiale Austausch bei Zuweisung und im Verlauf ist dabei für die Behandlung wichtig. Die Autoren der Leitlinie empfehlen, dem Patienten einen Arztbrief für den ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten mitzugeben.

  • Aufgrund der spärlichen Literatur gibt es keine gesicherte Evidenz zur Behandlung der okklusalen Dysästhesie. Die Leitlinien empfehlen vor allem die kognitive Verhaltenstherapie zur Bearbeitung der Wahrnehmung und Bewertung der Zahnkontakte. Selbstverständlich sollte eine komorbide psychische Erkrankung mitbehandelt werden.

    Für den Einsatz von Medikamenten existieren ebenfalls keine belastbaren Daten. Antidepressiva kommen je nach Komorbidität in Betracht, alternativ könne man, so die Autoren der Leitlinie, sich auch an den Empfehlungen zur Behandlung chronischer Schmerzen orientieren. Bei Patienten ohne Komorbiditäten könnten Amitriptylin, Mirtazapin oder Aripiprazol hilfreich sein, allerdings basieren diese Empfehlungen auf einer retrospektiven Aktenstudie und betrafen 40 Patienten.

  1. S1-Leitlinie “Okklusale Dysästhesie – Diagnostik und Management“ Stand Juli 2019
  2. Kelleher M, Rasaratnam L, Djemal S (2017) The paradoxes of phantom bite syndrome or occlusal dysaesthesia (‘dysesthesia’). Dent Update 44:8-32
  3. Watanabe M, Umezaki Y, Suzuki S, Miura A, Shinohara Y, Yoshikawa T, Sakuma T, Shitano C, Katagiri A, Sato Y, Takenoshita M, Toyofuku A (2015) Psychiatric comorbidities and psychopharmacological outcomes of phantom bite syndrome. J Psychosom Res 78:255-259

Bildquelle: © Getty Images/Aja Koska

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