26. August 2020

Neue Daten zu Antidepressiva & angeborenen Fehlbildungen

Eine US-amerikanische Fall-Kontroll-Studie an über 30.000 betroffenen Müttern untersuchte den Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antidepressiva in der Schwangerschaft und angeborenen Fehlbildungen. Die Ergebnisse, die in JAMA Psychiatry veröffentlicht wurden, machen Venlafaxin zum neuen Sorgenkind.1

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Über 30.000 Frauen mit von Fehlbildungen betroffenen Neugeborenen

Die Forscher um Kayla Anderson vom Center for Disease Control in Atlanta, Georgia untersuchten die Daten aus telefonischen Interviews mit 30.630 Müttern, deren Kinder mit einer Fehlbildung geboren wurden, und verglichen diese mit 11.478 Kontrollprobandinnen, die in räumlicher und zeitlicher Nähe ein gesundes Kind zur Welt brachten. Die Kinder wurden in einem Zeitraum von 14 Jahren (1997-2011) geboren, die Mütter waren zwischen 12 und 53 Jahre alt.

Interview etwa ein Jahr nach Geburtstermin

Die computergestützten Telefoninterviews fanden in der Fall-Gruppe im Median 11 Monate nach dem errechneten Geburtstermin statt, nach 9 Monaten bei der Kontroll-Gruppe. Eine Frau galt als exponiert, wenn sie während der Schwangerschaft oder bereits einen Monat vor Empfängnis ein Antidepressivum eingenommen hatte. Mütter von Kindern mit Gendefekten wurden ausgeschlossen. Ein erhöhtes Risiko galt als bedeutsam, wenn die adjustierte Odds Ratio bei mindestens 2,0 und der untere Rand des 95%-Konfidenzintervalls bei mindestens 0,8 lag.

Antidepressiva im 1. Trimenon vs. keine Antidepressiva

Von Müttern aus der Fall-Gruppe hatten 1562 (5%) Antidepressiva eingenommen, bei den Kontroll-Teilnehmerinnen waren es 467 (4%). In einem ersten Vergleich zwischen Müttern, die im ersten Trimester exponiert waren und solchen, die zu keinem Zeitpunkt Antidepressiva eingenommen hatten, zeigten sich viele der untersuchten Fehlbildungen mit Venlafaxin assoziiert.

Unter den SSRI waren Fehlbildungen am häufigsten unter Paroxetin- oder Fluoxetin-Einnahme in der frühen Schwangerschaft, darauf folgten Citalopram und Sertralin. Diese erste Analyse erfolgte unter Einbezug demographischer Faktoren, Bildungsniveau, BMI, Alkohol- und Tabakkonsum.

Überraschender Effekt im Vergleich zwischen früher und später Exposition

Interessanterweise schwächten sich die Risiken für die meisten Fehlbildungen deutlich ab, sobald man werdende Mütter mit Exposition in der frühen Schwangerschaft verglich mit Schwangeren, die erst ab dem zweiten Trimester Antidepressiva einnahmen.

So sank zum Beispiel die adjustierte Odds Ratio für das Auftreten einer Lungenvenenfehlmündung unter Einfluss von Fluoxetin von 2,6 (95% KI 1,1-5,9) auf 1,9 (95% KI 0,6-6,4). In anderen Worten: Bereits durch die Grunderkrankung der Mütter scheint ein Fehlbildungsrisiko zu entstehen. Während der Telefoninterviews wurden die Frauen jedoch nicht bezüglich Angststörungen oder Depressionen befragt.

Nach dieser Korrektur blieben folgende Risiken bestehen:

  • Fluoxetin und Aortenisthmusstenose sowie Ösophagusatresie
  • Citalopram und atrioventrikulärer Septumdefekt sowie Zwerchfellhernien
  • Sertralin und Zwerchfellhernien
  • Paroxetin und Neuralrohrdefekte sowie Gastroschisis
  • Bupropion und Zwerchfellhernien

Für Escitalopram fand sich kein erhöhtes Risiko, weder für kardiale noch andere Fehlbildungen.
Bei der Erhebung der Daten wurde die Einnahme von Folsäure um den Zeitpunkt der Empfängnis zwar erfragt, jedoch findet sich keine Erwähnung im Paper, ob dahingehend statistische Korrekturen durchgeführt wurden.

Bei Venlafaxin bleibt das Risiko statistisch bestehen

Venlafaxin zeigte erhöhte Odds Ratios über die meisten untersuchten Fehlbildungen, darunter kardiale Fehlbildungen, Neuralrohrdefekte, Gastroschisis sowie Lippen-Gaumen-Spalten. Auffallend war hier, dass die Korrelation auch im Vergleich mit den Müttern, die erst in der späteren Schwangerschaft exponiert waren, bestehen blieben oder sogar stärker wurden.

Die Autoren folgern daraus, dass weitere Studien diesen Zusammenhang untersuchen sollten, da es nur begrenzte Evidenz zur Anwendung von Venlafaxin in der Schwangerschaft gibt. Bis dato galt Venlafaxin in der frühen Schwangerschaft als relativ sicher. Laut Embryotox (Stand: 25.08.2020) besteht ein sehr hoher Erfahrungsschatz mit dem SNRI bei werdenden Müttern. An mehr als 3000 ausgewerteten Schwangerschaftsverläufen haben sich laut der Informationsseite keine Hinweise auf erhöhte Fehlbildungsrisiken ergeben.2

Deutliche Limitationen der Studie

Leider weist diese groß angelegte Studie, die in den englischsprachigen Medien viel Aufmerksamkeit bekommt, einige Limitationen auf, die auch das begleitende Editorial betont.3 Wie bereits erwähnt, wurden die interviewten Mütter nicht explizit um die Angabe ihrer psychiatrischen Diagnose gebeten. Dies wäre von Vorteil gewesen, um den Effekt, den die Erkrankung selbst auf die Fehlbildungen zu haben scheint, zu interpretieren.

Einige mögliche Confounder wurden nicht in die Risikoberechnung mit einbezogen. Zudem wurde ein Großteil der Teilnehmerinnen etwa ein Jahr nach dem zu untersuchenden Zeitraum befragt, was ebenso zu Verzerrungen führen kann.

  1. Anderson KN, Lind JN, Simeone RM, et al. Maternal Use of Specific Antidepressant Medications During Early Pregnancy and the Risk of Selected Birth Defects. JAMA Psychiatry. Published online August 05, 2020. doi:10.1001/jamapsychiatry.2020.2453
  2. Embryotox.de: Venlafaxin (abgerufen am 25.08.2020)
  3. Wisner KL, Oberlander TF, Huybrechts KF. The Association Between Antidepressant Exposure and Birth Defects—Are We There Yet? JAMA Psychiatry. Published online August 05, 2020. doi:10.1001/jamapsychiatry.2020.1512

Titelbild: © Getty Images/millann

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