27. Mai 2021

Magic Mushrooms zeigen (noch) keinen Vorteil bei Depression

Ausgezaubert? Der Wirkstoff aus sog. “Magic Mushrooms”, Psilocybin, zeigt im ersten Direktvergleich mit SSRI bei Depression nicht den erhofften Erfolg. Allerdings ist die Studie noch zu klein, um sich darauf zu verlassen.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Autorin: Antje Sieb

In einer 6-wöchigen randomisiert-kontrollierten Doppelblind-Studie an 59 Teilnehmern konnte Psilocybin die chronischen Depressionen der behandelten Patienten nicht stark genug verbessern, um eine statistische Überlegenheit gegenüber dem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Escitalopram nachzuweisen.

Das schreiben Dr. Robin Carhart-Harris und seine Kollegen vom Centre of Psychedelic Research am Imperial College London in einem Artikel im New England Journal of Medicine 1. Allerdings tendierten die sekundären Studienergebnisse in Richtung einer Überlegenheit des Halluzinogens, schreiben die Forscher.

Der Psychiater und Psychotherapeut Prof. Dr. Gerhard Gründer, der selbst am ZI Mannheim zu Psilocybin forscht, sieht bei der Studie deshalb ein grundsätzliches Problem: „Die Studie war under-powered. Die Fallzahl war zu klein.“

Psilocybin versus Escitalopram

Die Londoner Wissenschaftler hatten ihre seit längerem moderat bis stark depressiven Patienten für die Behandlung in 2 Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erhielt im Abstand von 3 Wochen jeweils 25 mg Psilocybin sowie täglich Placebo. Die andere Gruppe bekam mit 1 mg nur eine sehr geringe Psilocybin-Dosis sowie täglich erst 10 mg, später 20 mg des Serotonin-Wiederaufnahmehemmers Escitalopram.

Psilocybin ist bekanntlich ein natürlicherweise in bestimmten Pilzen („Magic Mushrooms“) vorkommendes Alkaloid, das Rauschzustände oder psychedelische Erfahrungen hervorrufen kann.

Die Microdosis des Halluzinogens sollte die Patienten motivieren, erklärt Gründer: „Das haben die Autoren deshalb so geplant, damit sie allen Patienten sagen konnten, sie bekommen auf jeden Fall Psilocybin, wir sagen ihnen aber nicht die Dosis.“ Denn die hohen Erwartungen an die Behandlung seien ein grundsätzliches methodisches Problem bei Studien mit Halluzinogenen.

Auch die Verblindung sei wegen der klar erkennbaren Wirkung problematisch. So erklärt Gründer auch die Beobachtung, dass auch Escitalopram in der vorliegenden Studie eine vergleichsweise schlechte Wirkung entfaltet habe. „Das liegt möglicherweise daran, dass die Patienten, die sich zu so einer Studie melden, Psilocybin haben wollen. Dann merken sie, sie haben keine psychedelische Erfahrung, sind deshalb enttäuscht, und das bedeutet, dass die Vergleichssubstanz schlechter wirkt.“

Die Londoner Wissenschaftler hatten die Wirkung der Therapie anhand des 16-teiligen Fragebogens QUIDS-SR-16 (Quick Inventory of Depressive Symptomatology – Self Report) beurteilt, der die Schwere der Depression anhand eines Zahlenwertes zwischen 0 und 27 abschätzt. Höhere Werte bedeuten dabei schwerere Depressionen.

Psilocybin wirkte besser, aber nicht signifikant

Die Therapie mit Psilocybin hatte die Ausgangswerte dabei im Schnitt um 8 Punkte gesenkt, die Escitalopram-Behandlung um 6 Punkte. Der Unterschied von 2 Punkten zwischen den Gruppen war dabei statistisch allerdings nicht signifikant.

Als sekundäre Endpunkte betrachteten die Autoren unter anderem, bei wie vielen Patienten die Therapie überhaupt gewirkt hatte. Das war unter Psilocybin bei 70% der Behandelten der Fall, unter Escitalopram bei 48%, wobei auch dieser Unterschied keine statistische Relevanz erreichte. In Remission waren nach der Behandlung 57% der Patienten aus der Psilocybin-Gruppe und 28% der Patienten aus der Escitalopram-Gruppe.

Studie in Deutschland beginnt

Gründer beginnt in Mannheim und Berlin gerade selbst eine Studie zur Wirkung von Psilocybin bei behandlungsresistenten Depressionen. Das Problem der enttäuschten Erwartungen in der Placebogruppe wollen die Wissenschaftler dabei folgendermaßen lösen: „Wir sagen den Patienten, dass wir sie auf jeden Fall später mit Psilocybin behandeln.“ Denn für die anfängliche Placebogruppe ist eine versetzte Behandlung mit dem Wirkstoff geplant.

Die Gabe des Halluzinogens wird dabei gezielt vor- und nachbereitet, und während der mehrstündigen Wirkphase des Mittels sind die Patienten permanent in der Begleitung zweier Therapeuten.

Wirkmechanismus noch unklar

Wie genau die Magic Mushrooms bzw. ihr Inhaltsstoff Psilocybin ihre Wirkung bei Depressionspatienten entfalten, sei immer noch ein Stück weit unklar, erläutert Gründer: „Die molekulare Wirkung ist bekannt, aber von der molekularen Wirkung bis zur antidepressiven Wirkung ist es ein langer Weg, da gibt es eine Verständnislücke. Aber das gilt für die klassischen Antidepressiva ganz genauso.“ Gründer selbst ist der Meinung, dass die psychodelische Erfahrung dabei eine wichtige Rolle spielt.

Allerdings erhoffen sich die Befürworter der Halluzinogene eine Behandlung, die im Gegensatz zu klassischen Depressionsmedikamenten nur in größeren Abständen notwendig sein könnte. Aus bisherigen Studien lasse sich vermuten, dass Psilocybin eine langanhaltende Wirkung haben könnte, sagt Gründer. Auffrischungen seien vermutlich regelmäßig nötig. „Aber es ist definitiv etwas ganz anderes als eine Dauertherapie mit einem klassischen Antidepressivum.“

Allerdings ist die Wirksamkeit der Substanz wissenschaftlich eben noch nicht erwiesen. Darauf weist auch der US-Psychiater Prof. Dr. Jeffrey A. Lieberman in seinem Editorial in NEJM hin. Wegen der bewegten Geschichte solcher Substanzen und der großen Erwartungen, die sich an sie knüpfen, müsse die Entwicklung „mithilfe der aufgeklärtesten Wissenschaft und äußerster methodischer Sorgfalt“ erfolgen, warnt der Kommentator.

Dieser Artikel ist im Original auf Medscape.de erschienen.

Titelbild: © Getty Images/ Alexander_Volkov

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