Psychische Erkrankungen möglicherweise übertragbar
Wenn in einer Schulklasse Jugendliche unter einer psychischen Erkrankung leiden, haben ihre Klassenkameraden ein deutlich höheres Risiko, im späteren Leben ebenfalls eine psychiatrische Diagnose zu erhalten, selbst wenn die psychische Vorgeschichte der Eltern und andere Faktoren berücksichtigt werden, so die Ergebnisse einer Studie in JAMA Psychiatry1
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Autorin: Alicia Ault | Redaktion: Dr. Nina Mörsch
Die Studie biete neue Evidenzen für die Vorstellung, dass Jugendliche innerhalb eines bestimmten Netzwerks von Gleichaltrigen psychische Störungen wie Depressionen und Angstzustände gewissermaßen auf andere „übertragen“ könnten, meint das Autorenteam um Dr. Jussi Alho, Postdoktorand an der Universität Helsinki, Finnland.
Wer einen Mitschüler oder eine Mitschülerin mit einer psychischen Erkrankung hatte, erhielt mit einem 3 % höheren Risiko später einmal eine psychiatrische Diagnose, so die Forscherinnen und Forscher. Das Risiko war im ersten Jahr des Nachbeobachtungszeitraums mit 13 % am höchsten und betraf am ehesten Stimmungs-, Angst- und Essstörungen.
Die Studie gilt als bisher größte Untersuchung zu diesem Thema und umfasst Daten von mehr als 700.000 Neuntklässlern in Finnland, die bis zu 18 Jahre lang nachbeobachtet wurden.
Die Zahlen fielen höher aus, als es die Forschenden erwartet hatten. Sie wiesen jedoch auch darauf hin, dass die Studie nicht beweise, dass Klassenkameraden mit einer psychischen Erkrankung zu einer späteren psychiatrischen Diagnose bei Gleichaltrigen führen. „Die in der Studie beobachteten Zusammenhänge müssen nicht kausal sein“, sagte der leitende Forscher der Studie Alho gegenüber Medscape. „Die Studie untersuchte nicht die Mechanismen, welche die beobachteten Zusammenhänge erklären könnten.“
Wenige Daten bisher
Frühere Studien haben eine Häufung von psychischen Symptomen, Essstörungen und anderen psychiatrischen Erkrankungen in sozialen Netzwerken von Jugendlichen und Erwachsenen festgestellt. Die meisten Studien beziehen sich jedoch auf selbst gewählte Gruppen von Gleichaltrigen.
„Die Untersuchung der Übertragung von psychischen Störungen ist im Kindes- und Jugendalter besonders wichtig“, so die Autoren. „Trotz einiger Umfragestudien, die darauf hindeuten, dass Jugendliche mehr psychische Symptome zeigen, wenn sie mit Freunden oder Gleichaltrigen mit psychischen Problemen zu tun haben, gibt es keine groß angelegten Studien über den möglichen Einfluss von Gleichaltrigen auf psychische Störungen bei Jugendlichen“, schreiben sie weiter.
Die Gruppe nutzte eine Datenbank mit 713.809 Schülern aus 9. Klassen. Der Anteil von Jungen und Mädchen hielt sich dabei die Waage. Alle waren zwischen dem 1. Januar 1985 und dem 31. Dezember 1997 geboren. Etwa 47.000 wurden ausgeschlossen, weil bei ihnen vor Beginn der Studie bereits eine psychische Störung diagnostiziert worden war.
Etwa 666.000 Schülerinnen und Schüler aus 860 Schulen wurden also ab Klasse 9 bis zur ersten diagnostizierten psychischen Störung, bis zum Tod, bis zum Verlassen der Schule oder bis zum Ende der Studie im Jahr 2019 beobachtet. Die durchschnittliche Nachbeobachtungszeit betrug 11,4 Jahre.
Die Diagnosen wurden den finnischen Registern für stationäre, ambulante und primäre Versorgung entnommen und umfassten ICD-9- und ICD-10-Diagnosen für Substanzmissbrauchs-Störungen, Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis, Stimmungsstörungen, Angststörungen, Essstörungen, emotionale und soziale Funktionsstörungen, hyperkinetische Störungen und Verhaltensstörungen.
Die Autorinnen und Autoren adjustierten die Daten im Hinblick auf Geschlecht, Geburtsjahr, Größe der Schule und der 9. Klasse – sowie für jedes Erhebungsgebiet Urbanisierungsgrad, Morbidität, Bildungsniveau, Beschäftigungsquote, Bildungsniveau der Eltern und psychische Gesundheit der Eltern, mit einem Random Intercept pro Schule.
Dosis-Wirkungs-Beziehung
Insgesamt wurde bei einem Viertel (167.227) der Schüler und Schülerinnen eine psychische Störung diagnostiziert. Das Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln, war über den gesamten Beobachtungszeitraum um 3 % erhöht (Hazard Ratio [HR] 1,03; 95%-Konfidenzintervall [KI] 1,02-1,04). Das Risiko war im ersten Jahr der Nachbeobachtung am höchsten (HR 1,13; 95%-KI 1,08-1,18) und stieg dann in den Jahren 4 und 5 wieder an, als das Risiko bei einem diagnostizierten Mitschüler oder einer Mitschülerin um 5 % und bei mehr als einem um 10% erhöht war.
Das Risiko für Stimmungs-, Angst- und Essstörungen war in jedem Follow-up-Zeitrahmen signifikant erhöht. Die Forschenden stellten auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung fest: Je mehr Klassenkameraden eine psychiatrische Erkrankung aufwiesen, desto höher war das Risiko für eine spätere psychische Erkrankung.
„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass psychische Störungen innerhalb von Peer-Netzwerken in irgendeiner Weise übertragen werden können“, schreiben die Autorinnen und Autoren.
Das Team hat sich dazu entschieden, diese Verbreitung psychischer Störungen unter Gleichaltrigen als „Übertragung“ zu bezeichnen, zum Teil, weil dieser Begriff bereits früher in der Literatur verwendet wurde, so Alho. Die Gruppe sei zudem der Auffassung, dass Übertragung ein präziser Begriff sei, um die möglichen Mechanismen zu beschreiben, durch die sich psychische Störungen ausbreiten können.
Die Autoren stellten die Hypothese auf, dass mehr Schüler diagnostiziert werden könnten, wenn die Störungen weniger stigmatisierend wären, da das Bewusstsein und die Bereitschaft zur Diagnose und Behandlung steigen würden.
Umgekehrt könnte die Rate der Störungen insbesondere im ersten Jahr des Follow-ups angestiegen sein, wenn es im Peer-Netzwerk keine Schüler gab, bei denen eine Diagnose gestellt wurde, denn ohne ein Vorbild würden Betroffene vielleicht auch keine Hilfe suchen.
Die Autoren reichten aber auch einen möglichen Erklärungsmechanismus nach. Es sei „denkbar, dass eine langfristige Exposition gegenüber einer depressiven Person durch die bekannten neuronalen Mechanismen der Gefühlsansteckung zu einer allmählichen Entwicklung depressiver Symptome führen könnte“.
"Eine langfristige Exposition gegenüber einer depressiven Person durch die bekannten neuronalen Mechanismen der Gefühlsansteckung könnte zu einer allmählichen Entwicklung depressiver Symptome führen."
Dr. Jussi Alho und Kollegen
Neue Behandlungsansätze?
Für Dr. Madhukar H. Trivedi von der Betty Jo Hay Distinguished Chair in Mental Health an der UT Southwestern Medical School in Dallas, der die Ergebnisse für Medscape kommentierte, hat die Theorie, wonach Schülerinnen und Schüler mit psychiatrischen Erkrankungen diese Zustände durchaus normal erscheinen lassen könnten, durchaus ihre Berechtigung.
Sobald jemand diagnostiziert oder behandelt wird, „erhalten andere Personen der Peer-Gruppe gewissermaßen die implizite Erlaubnis, ihre eigenen Symptome oder Probleme ebenfalls zu äußern, die sie vielleicht zuvor versteckt oder selbst nicht erkannt haben“, sagte er.
Trivedi widersprach jedoch der Vermutung der Autorinnen und Autoren, dass die Rate der Störungen auch dann zugenommen haben könnte, wenn keiner der Klassenkameraden eine psychiatrische Diagnose erhalten hätte. Er wies darauf hin, dass es unwahrscheinlich sei, dass ein Schüler oder eine Schülerin nicht durch eine gleichaltrige Person oder ein Familienmitglied mit Depressionen, Angstzuständen oder anderen psychischen Störungen in Berührung gekommen sei, da diese Krankheiten sehr häufig seien.
„Die Zahlen sind etwas höher, als ich erwartet hatte“, sagte Trivedi. Dass der Einfluss von Gleichaltrigen einen solchen Einfluss habe, sei etwas, dass bisher noch nicht gezeigt werden konnte.
Die Studie zeichnet sich durch die Verwendung umfassender Register aus, die laut Trivedi die Integrität der Daten gewährleisten. Außerdem bieten die Ergebnisse einige potenzielle neue Behandlungsansätze, wie etwa die Unterstützung durch Gleichaltrige. Dies habe sich bei der Behandlung von Erwachsenen als nützlich erwiesen, werde aber bei Jugendlichen bislang weniger eingesetzt.
Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.

