20. September 2019

Interview

Posttraumatische Belastung im Arztberuf

Der Arztberuf bringt eine Vielzahl erschütternder Ereignisse mit sich, manche davon hinterlassen deutliche Spuren in der Psyche der Behandler. Prof. Dr. med. Anette Kersting zeigt im Interview auf, was betroffenen Ärztinnen und Ärzten hilft und stellt ein spezialisiertes, internetbasiertes Therapieprogramm für Ärzte vor, das im Rahmen einer Studie an der Universität Leipzig angeboten wird.

Lesedauer: 3 Minuten

Interview und Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera.

Wie verbreitet sind posttraumatische Störungen unter Ärzten?
Welche Fachgruppen sind besonders gefährdet?

Wir wissen, dass die Häufigkeit von posttraumatischen Störungen, insbesondere von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) mit 14,8 % größer ist als in der Allgemeinbevölkerung, in der es nur 3-4 % sind. Betroffen sind besonders Ärzte, die traumatisierte Patienten behandeln so wie Notfallmediziner, Allgemeinchirurgen, aber auch Psychiater.

Welche Arten von Ereignissen belasten Ärzte besonders?

Zunächst sollte man ein „traumatisches Ereignis“ definieren. Ein traumatisches Ereignis ist ein besonders belastendes Ereignis mit außergewöhnlicher Bedrohung, das zu einer dauerhaften Erschütterung des Welt- und Selbstverständnisses führen kann.

Ärzte sind täglich mit Schmerz, Leid oder Tod konfrontiert. Sie gehen eine Beziehung mit den Patienten ein und begleiten sie durch schwere Erkrankungen. Ärzte sind immer bemüht zu helfen, müssen aber auch mit Verlust zurechtkommen, zum Beispiel wenn sie Patienten mit schweren somatischen Traumata auf der Intensivstation behandeln.

Auch Nadelstichverletzungen mit hohem Infektionsrisiko können traumatisierend sein. Oder wenn Ärzte von Patienten bedroht werden und Gewalterfahrungen ausgesetzt sind.

Natürlich gibt es auch medizinische Fehler, denn jeder Mensch der arbeitet, macht Fehler. Und bei Ärzten können solche Fehler erhebliche Konsequenzen haben, die subjektiv das Ausmaß einer Traumatisierung für die betreffenden Ärzte haben können.

Welche Folgen hat das für die Betroffenen und ihre Arbeit?

Eine Folge ist unter Umständen eine posttraumatische Belastung, bis hin zum Vollbild einer PTBS. Diese ist charakterisiert durch Intrusionen, d.h. dass sich diese Erinnerungen an den Vorfall dem Betroffenen immer wieder ungewollt aufdrängen, gemeinsam mit den dazugehörigen Gefühlen. Solche unkontrollierbaren Erinnerungen sind sehr belastend für die Betroffenen.

Das kann zu einem Vermeidungsverhalten führen, z. B. dass man es kaum schafft in den OP zu gehen, in dem das Ereignis passiert ist. Das Vermeiden dieser Orte vermeidet auch die Auslösung der belastenden Erinnerungen. Auch kommt es zu Übererregbarkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Allein diese Symptome können bereits eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit haben.

Die Symptomatik kann einhergehen mit einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit. Durch die Angst, dass sich so etwas wiederholen kann, könnte dann ein Teufelskreis entstehen: Indem durch die reduzierte Belastbarkeit doch ein Fehler passiert, der sonst nicht passiert wäre, werden die Ängste noch verstärkt.

Falls Sie sich in der Beschreibung wiedererkennen und mehr über das Therapieangebot der Universität Leipzig erfahren möchten, erfahren Sie in Teil 2 des Interviews mehr. Alternativ können Sie sich auf www.belastung-im-arztberuf.de informieren.

Inwiefern befürchten Ärzte mit einer posttraumatischen Störung, von ihren Kollegen oder Patienten stigmatisiert zu werden?

Das ist ein sehr wichtiges Thema, weil Menschen in der Regel nicht gerne über Schwächen sprechen. Die Umgebung reagiert nicht immer unterstützend, sondern stellt selber Fragen, wie: „Musste das passieren? Hätte er das nicht verhindern können?“ Das sind Haltungen, die eine solche Situation noch verkomplizieren können. Womit ich nicht sagen möchte, dass es nicht auch unterstützende Menschen in der Umgebung gibt.

Abgesehen davon kann es zu juristischen Folgen kommen, denn der Arzt ist ja verantwortlich. Daraus kann eine Verkettung von belastenden Ereignissen entstehen.

Oder es entsteht die Angst, dass es sich unter den Patienten herumspricht, dass eine Behandlung komplikationsreich verlaufen ist, und diese dem Arzt nicht mehr vertrauen. Das Vertrauen des Patienten zum Arzt ist ein wesentlicher Wirkfaktor in der Behandlung, nicht nur in der Psychotherapie, sondern in allen Behandlungen. Wenn Patienten den Eindruck haben, bei ihrem Behandler nicht gut aufgehoben zu sein, beeinflusst das den ganzen Behandlungsprozess. Dass also Ärzte Angst davor haben, dass sich Behandlungsfehler unter den Patienten herumsprechen, ist ein weiterer Aspekt.

Lesen Sie weiter
Erfahren Sie in Teil 2 mehr über Resilienzfaktoren und über das internetbasierte Therapieangebot der Universität Leipzig.

Bildquelle: © Getty Images/Chris Ryan

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653