24. April 2020

Covid-19 in der Psychiatrie und Psychotherapie

Regensburger Psychiatrie-Team produziert Blog für Patienten

Das Team der Psychiatrischen Klinik Regensburg hat aus der Not eine Tugend gemacht und zu Beginn der Corona-Krise den Blog „Bleib Zuhause“ kreiert. Darin erscheinen täglich zwei selbst produzierte Videos oder Texte, um Patienten trotz „Social Distancing“ Halt zu geben. Chefarzt Prof. Dr. med. Berthold Langguth erzählt hier über den Einfluss der Pandemie auf die psychiatrische Versorgung und die Entstehung des Blogs.

Lesedauer: 4,5 Minuten

Interview: Dr. med. Laura Cabrera

Welche Auswirkungen hat die Corona- Pandemie auf die psychische Gesundheit Ihrer Patienten?

Prof. Langguth: Die Pandemie hat große und sehr vielfältige Auswirkungen auf unsere Patienten. Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben die Corona-Krise – in gleicher Weise wie der Rest der Bevölkerung – als das derzeit beherrschende Thema.
Interessanterweise waren wir jedoch bei den ersten Kontaktaufnahmen mit unseren Patienten überrascht, wie gut viele von ihnen mit der Situation klarkommen. Wir haben Kommentare gehört wie: „Ich kenne mich aus mit Krisen“, oder „Ich kann mit schwierigen Situationen umgehen“.

Ein Beispiel für einen Beitrag: Nudelfreie Rezept-Idee aus der Ergotherapie-Küche.

Manche Menschen sagen: „Für mich hat sich gar nicht so viel geändert. Viel mehr Geld als das, was ich für den Supermarkt brauche, steht mir nicht zur Verfügung, Spazierengehen im Freien ist ohnehin die einzige Freizeitbeschäftigung, die mir noch bleibt, und das kann ich immer noch tun. Der einzige Unterschied ist, dass es jetzt allen so geht.”

Umgekehrt haben wir auch erlebt, dass das Fehlen von Vorhersehbarkeit viele unserer Patienten verunsichert. Je länger jetzt diese Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben bestehen, desto größer wird auch die Belastung und wir erleben, dass mehr und mehr unserer Patienten psychisch dekompensieren.

Aktuell ist das gesamte Gesundheitswesen auf die Behandlung von Covid-19 ausgerichtet. Es ist mir jedoch wichtig, dass man dabei auch die psychische Belastung nicht vergisst, die in dieser Situation erheblich ist.

Sehen Sie viele Patienten, denen es aufgrund der Pandemie schlechter geht?

Prof. Dr. med. Berthold Langguth
Prof. Dr. med. Berthold Langguth

Prof. Langguth: Wir nehmen weiterhin notfallmäßig Patienten mit akuten psychischen Krisen in der Klinik auf. Dabei erleben wir, dass die Zahl der Menschen, die eine Aufnahme in der Klinik benötigen, von Woche zu Woche steigt. Natürlich spielt dabei Corona eine große Rolle. Die Auswirkungen von Corona beherrschen momentan den Alltag der meisten Menschen. Zum Teil kam es in diesem Zusammenhang zu einer Zunahme von häuslichen Konflikten oder zu einer Verunsicherung wegen ungewisser Zukunftsperspektiven. Wir haben auch schon Patienten mit Suizidversuchen im Zusammenhang mit der Coronakrise aufgenommen.

Im Einzelfall ist es oft schwierig, genau zu differenzieren, wie viel von der jetzigen psychischen Krise tatsächlich durch die Corona-Epidemie verursacht ist und wieviel durch andere Gründe. Haben sich da vielleicht vorbestehende Konflikte jetzt einfach zugespitzt, was dann zur psychischen Dekompensation geführt hat?

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihren psychiatrischen und psychotherapeutischen Alltag?

Prof. Langguth: Wir versuchen, den persönlichen Kontakt mit ambulanten Patienten nahezu komplett zu vermeiden und treten stattdessen telefonisch oder im Video mit ihnen in den Austausch. Das funktioniert besser als gedacht. Gerade am Telefon gelingt es sehr gut, mit den Menschen auch im Kontakt zu bleiben. Aber es ist natürlich nur ein gewisser Ersatz für das echte therapeutische Gespräch.

EX-IN-Mitarbeiter Klaus Nuißl ist beteiligt an der Umsetzung des Blogs
EX-IN-Mitarbeiter Klaus Nuißl ist beteiligt an der Umsetzung des Blogs

Im stationären Bereich haben wir versucht, so viele Patienten wie möglich aus der Klinik zu entlassen. Unter infektiologischen Gesichtspunkten sind Kliniken ein gefährlicher Ort. Deshalb betreuen wir jetzt Patienten mit relativ schwer ausgeprägter Symptomatik, die wir sonst stationär behandeln würden, am Telefon. Stationäre Aufenthalte mit psychotherapeutischem Schwerpunkt wurden verschoben.
Der zum Teil engmaschige telefonische Kontakt hat aus meiner Sicht in vielen Fällen zur Stabilisierung beigetragen. Wir haben auch Mitarbeiter, die derzeit im stationären oder teilstationären Bereich nicht benötigt werden, für diese Betreuung freigestellt. Es ist nicht einfach, fremde Patienten telefonisch zu betreuen, aber wir erleben viel Dankbarkeit von ihnen.

Wir versuchen die Patienten zu motivieren, eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten und soziale Kontakte im Rahmen der Möglichkeiten zu pflegen.

Das war auch die Motivation für unseren Blog: Wir wollten vermitteln, dass zwar viele Dinge im Moment nicht möglich sind, aber einiges trotz der aktuellen Situation umsetzbar ist.

Der Blog „Bleib zu Hause“ der medbo Regensburg

Kurz nach Beginn der Corona-Krise hat das Team der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik am Bezirksklinikum Regensburg einen Blog für Patienten ins Leben gerufen. Unter dem Motto „Bleib zu Hause“ können Patienten jeden Tag zwei neue Video- oder Textbeiträge aufrufen, die von und mit den Therapeuten, Ärzten und Pflegenden der medbo produziert wurden. Die Blogbeiträge sollen eine Stütze für die Zeit des Lockdowns sein, die Tagesstruktur fördern und eine positive Grundhaltung vermitteln. Die Beiträge erscheinen täglich jeweils um 9 Uhr und um 15 Uhr und bleiben nur am Veröffentlichungstag abrufbar. Der Blog steht allen Interessierten offen unter https://www.medbo.de/bleibzuhause/

Wie ist der Blog „Bleib zu Hause“ der medbo Regensburg entstanden und was sind die Ziele?

Dr. Astrid Lehner stellt ein digitales Kunstprojekt vor.
Dr. Astrid Lehner stellt ein digitales Kunstprojekt vor.

Prof. Langguth: Die Idee ergab sich, weil wir unsere Patienten möglichst gut durch die Corona-Krise begleiten wollten. Wir überlegten, dass die Therapeuten, die den Patienten bekannt sind, von einzelnen therapeutischen Einheiten kurze Videos drehen können, die wir den Patienten anbieten. Diese Idee wurde von einer unserer Psychotherapeutinnen und unserem EX-IN Mitarbeiter in die Tat umgesetzt. Sie motivierten Mitarbeiter aller Berufsgruppen, mitzuwirken. Neben Ergotherapeuten, Sporttherapeuten, Musiktherapeuten, Ärzten, Psychologen und Pflegekräften haben wir zum Beispiel über die Osterfeiertage auch unsere Seelsorger mit dabeigehabt.

Das alles ergänzen wir mit seriösen Informationen zur aktuellen Situation, um auch hier ein bisschen die Angst zu nehmen.

Uns ist wichtig, Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln. Wir haben uns aber Sorgen gemacht, ob wir damit manche Patienten zusätzlich unter Druck setzen. Darauf sind wir im Blog dann auch noch ausdrücklich eingegangen. Man kann in einer Krise Chancen sehen, aber man kann auch in ein Loch fallen. Und dann stehen wir als psychiatrische Klinik natürlich weiter zur Verfügung und bieten eine stationäre Aufnahme an.

Die Rückmeldungen sind bisher durchweg positiv. Manche Patienten sagten, es komme ihnen vor wie ein Adventskalender, bei dem man sich jeden Tag auf eine neue Überraschung freuen kann.

Wir können uns durchaus vorstellen, dieses Angebot in einer modifizierten Variante auch nach der Corona-Krise für unsere Patienten zur Verfügung zu stellen.

Bildquellen:
Teaserbild : © GettyImages/flyingv43
Portrait-Bilder wurden von den abgebildeten Personen zur Verfügung gestellt

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