09. Oktober 2020

Interview

Rassismus in der Medizin

Im Interview berichtet die Psychiaterin Dr. Amma Yeboah, welche Rolle Rassismus in der Medizin spielt und wie sich Diskriminierungserfahrungen auf die psychische und physische Gesundheit auswirken.

Lesedauer: 5 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Die Landesärztekammer Hessen beschäftigt seit Anfang des Jahres einen Rassismusbeauftragten. An welchen Stellen kann es zu Rassismus in der Medizin kommen, wenn doch nach Genfer Gelöbnis kein Unterschied aufgrund der Herkunft gemacht werden soll?

Dr. Yeboah: Rassismus in der Medizin kann man nicht an bestimmten Stellen verorten, vielmehr ist er ein Grundbaustein der Medizin, wie wir sie kennen. In Deutschland gibt es keine eigene Forschung zum Zusammenhang zwischen Rassismus und Gesundheit. Daher können wir nicht explizit sagen, an welchen Zusammenhängen das Phänomen in der Medizin auftritt.

Es geht weniger darum, Rassismus als Terminologie zu etablieren, vielmehr handelt es sich um das Verständnis für ein Unterdrückungssystem, das sich historisch entwickelt hat und ein integraler Bestandteil der Wissenschaft, und somit auch der Medizin, ist.

Vom Rassismusbeauftragten der Landesärztekammer Hessen wusste ich noch nicht, die Landesregierung hat allerdings als Reaktion auf die Anschläge in Hanau einige Schritte unternommen, Rassismus zu thematisieren.

Geht die Medizin in Forschung, Lehre und Praxis noch zu sehr von einem Standard-Patienten aus (weiß, männlich, mittleres Alter, keine Behinderung, …)?

Dr. Yeboah: Für mich ist es für mein Verständnis wichtig, die Historizität der Medizin zu berücksichtigen. Die Medizingeschichte zeigt uns, auf welchen Grundbausteinen die jeweiligen Fachgebiete stehen. Bereits im Mittelalter wurden Frauen, die in der Heilkunde praktiziert haben, als Hexen verfolgt. So hat sich die universitäre Medizin zunächst als männlicher Beruf etabliert. In diesem Zusammenhang wurde die männliche Person als „klassischer Patient“ festgelegt. Eine Ausnahme bildet die Psychiatrie; hier zeigt sich der Prototyp psychischer Pathologie weiblich.

In der Forschung der Pharmakotherapie ist noch heute der cis-männliche (bei der Geburt als männlich beschrieben) Proband der Prototyp, andere Männlichkeiten, wie Transmännlichkeit, werden nicht zum Standard gezählt.

Der „Morbus mediterraneus“ ist unter Ärzten bekannt, eine vermeintliche höhere Schmerzempfindlichkeit von Patienten aus dem Mittelmeerraum. Was kann gegen derartige Vorurteile im Gesundheitswesen unternommen werden?

Dr. Yeboah: Vorurteile spielen bei allen Menschen und überall eine Rolle, nicht nur in der Medizin. Das ist nicht so sehr das Problem, sondern die Auswirkungen.  Es geht hier um strukturelle Diskriminierung, weniger um Vorurteile. Menschen werden auf eine bestimmte Art und Weise kategorisiert und vom Zugang zu medizinischer Versorgung ausgeschlossen.

Wir sprechen hier von Rassismus, da diese Menschen großen Hürden bei der gesundheitlichen Versorgung begegnen. Dies trifft vor allem für die Schmerztherapie zu. Wenn Sie als besonders schmerzempfindlich gelten, erhalten Sie weniger oder auch keine Schmerzmedikation. Die Symptomatik muss daher entsprechend betont werden. Hier sehen wir einen klassischen Teufelskreis: Die Ärzteschaft kategorisiert diese Menschen als besonders schmerzempfindlich, die Menschen wissen davon und betonen ihre Symptome, um Gehör zu finden. Die Ärzteschaft empfindet dies dann wiederum als übertrieben, und nimmt die Beschwerden nicht ernst.

Es ist interessant, Menschen zu befragen, die aus dem Mittelmeerraum kommen, aber nicht als solche erkannt werden („passing“). Bei dieser Bevölkerungsgruppe kommt es aufgrund der Wahrnehmung zu anderen Zugängen bei der Therapie. Wenn sie jedoch von ihrer Herkunft erzählen, ändert sich das Verhalten der Ärzteschaft. Daran erkennen wir, dass es sich nicht um bloße Vorurteile, sondern um strukturellen Rassismus handelt.  

Wie können sich Erfahrungen mit Rassismus auf die psychische & physische Gesundheit auswirken?

Dr. Yeboah: In Deutschland gibt es keine systematischen Untersuchungen, daher beziehe ich mich auf internationale Studien (USA, UK, Australien, Neuseeland, mittlerweile auch in Schweden …) zu den medizinischen Folgen von Rassismus. Wir sehen bei der psychischen Gesundheit, dass Menschen, die rassistische Diskriminierung im Alltag erleben, eine erhöhte Suizidrate haben. Das ist besonders markant in Australien bei den Aborigines, der indigenen Bevölkerung. Ganz ähnlich ist es in den USA, im Vereinigten Königreich oder Brasilien.

Die Suizidversuche werden meist als psychiatrische Akutnotfälle behandelt. Das sagt uns etwas über die Krankheitsentwicklung: Die Menschen kommen nicht zu Beginn ihrer Beschwerden zur psychiatrischen Vorstellung. Untersuchungen zeigen, dass diese Menschen angeben, „weiße Institutionen“ zu vermeiden. Sie merken, dass sie unter psychische Belastungsstörungen leiden, versuchen aber ohne ärztliche Vorstellung mit den Symptomen fertig zu werden, weil sie Angst vor Diskriminierungserfahrungen in den Kliniken haben.

Wir sehen die Menschen dann erst, wenn sie akut suizidal oder psychotisch dekompensiert sind und eine intensive Behandlung benötigen. Daher erfolgt häufig die Therapie in geschlossenen Abteilungen und mit Zwangsbehandlung.

In Deutschland haben wir Anhaltspunkte für ähnliche Phänomene bei Menschen, die möglicherweise Zielgruppen rassistischer Diskriminierung sind. Hierzu zählen Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem mit türkischem. Es gibt Hinweise, dass diese Bevölkerungsgruppe in Deutschland schlechter psychiatrisch versorgt und erst bei fortgeschrittener Erkrankung vorstellig wird. Allerdings liegen hierzu keine Zahlen für rassistisch diskriminierten Menschen vor.

Internationale Studien zeigen, dass Menschen mit Rassismuserfahrungen früher sterben, häufiger erkranken und die Erkrankungen häufiger schwerer verlaufen – auch bei adäquater Behandlung und nach Anpassung des sozioökonomischen Status. Rassismus ist eine unabhängige Determinante für die gesundheitliche Lage.1-3

Bei der Covid-19-Pandemie zeigt sich in den USA, wie Rassismus mit anderen Unterdrückungssystemen interagiert. Die Schwarze Bevölkerung, die für Covid-19 besonders vulnerabel ist, ist gleichzeitig die Bevölkerungsgruppe, die eher in Armut lebt, eher prekär beschäftigt ist und weniger Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Wir sehen eine Intersektionalität von Rassismus, Sexismus und des sozioökonomischen Status.

Werden die Folgen rassistischer Diskriminierung in der Therapie berücksichtigt? Gibt es hierzu Leitlinienempfehlungen?

Dr. Yeboah: In den USA gibt es viele Empfehlungen für Leitlinien, auch bzgl. der psychiatrischen Diagnostik.4 Bisher fanden die Rassismus induzierten psychischen Störungen keinen Eingang in die offizielle Diagnostik (DSM). In diesem Jahr wurde eine Leitlinien-Empfehlung für die Begutachtung in Diskriminierungsfällen veröffentlicht.5 Der Fokus liegt in den USA, UK, Australien und Neuseeland weiterhin vor allem auf der Ausbildung der Ärzteschaft und Therapeut*innen, die Curricula werden um Rassismus als Determinante der gesundheitlichen Lage erweitert und angepasst.

In Deutschland haben wir noch nicht einmal eine Sprache für Rassismus in der Medizin, es gibt keinen linguistischen Konsens, um diese strukturelle Gewaltform anzusprechen. Das Fortwirken von Rassismus ist noch nicht im Bewusstsein und es gibt kein gesellschaftlich wahrgenommenes Verständnis von Rassismus. Vielmehr herrscht ein Abwehrverhalten gegenüber dieser Thematik.

Wir stehen noch ganz am Anfang und sind noch auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache, um diese Diskriminierungsstrukturen im Gesundheitssystem, aber auch anderswo, wie etwa bei der Polizei oder der Bildung, zu erkennen und zu beschreiben. Es ist davon auszugehen, dass sich Deutschland in den nächsten Jahren dieser Thematik nicht mehr entziehen kann.

Die Zahl ausländischer Ärzte in Deutschland nimmt seit Jahren zu. Sind Ihnen Erfahrungsberichte von rassistischen Äußerungen oder Verhaltensweisen von Kollegen oder Patienten bekannt?

Dr. Yeboah: Das ist sehr unterschiedlich, und ohne gezielte Studien lässt sich das nur schwer erfassen. Berichte von Einzelpersonen sind immer schwierig. Gleichzeitig muss ich sagen, dass die Psychiatrie eine sprechende Medizin ist und die Diagnostik auf Sprache basiert, daher ist der Anteil ausländischer Ärzt*innen wahrscheinlich geringer ist als in anderen Fachgebieten, wie etwa den chirurgischen oder radiologischen Fächern.

Ich habe als Supervisorin Kolleg*innen aus Rumänien und Polen begleitet, die von Erfahrungen im klinischen Alltag berichten, die rassistische Verhaltensweisen der Kolleg*innen und Patient*innen widerspiegeln, diese Erfahrungen sind jedoch nicht repräsentativ.

Dr. Amma Yeboah ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger klinischer Erfahrung. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Folgen rassistischer und sexistischer Diskriminierung auf die psychische Gesundheit. Vom Sommersester 2019 bis zum Wintersemester 2019/2020 war sie Gastdozentin für Gender und Gesundheitsverhalten an der Universität Köln. Außerdem ist sie Psychodynamische Supervisorin und begleitet Ärzt*innen und Therapeut*innen in der Weiterbildung.

  1. Paradies Y. Anti-racism and indigenous Australians. Anal Soc Issues Public Policy 2005; 5: 1–28.
  2. Bailey ZD et al. Structural racism and health inequities in the USA: evidence and interventions.Lancet 2017; 389:1453–63
  3. lbert MA et al. Perceptions of race/ethnic discrimi-nation in relation to mortality among black women: results from the Black Women’s Health Study. Arch Intern Med 2010; 170: 896–904
  4. Carter RT et al. Development of the Race-Based Traumatic Stress Symptom Scale: Assessing the Emotional Impact of Racism. Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy 2013; 5(1), 1–9
  5. Carter RT & Pieterse AL. Measuring the Effects of Racism. Columbia University Press, Juli 2020

Bildquelle: © Getty Images/Pict Rider, © GeStiK - Gender Studies in Köln

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