29. August 2019

Hikikomori im Westen

Spanische Forscher liefern erste Therapieempfehlungen

Welche Erkenntnisse lassen sich aus dem Hikikomori-Phänomen für europäische Betroffene ableiten? Diese Frage beantworten spanische Forscher mit ersten Hinweisen
für einen vorteilhaften Therapierahmen.1

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Bericht beruht auf dem Artikel von Malagón-Amor A. et al.1 Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera Mendoza

Erste Beobachtungsstudie über Hikikomori

Die Arbeitsgruppe um Ángeles Malagón-Amor veröffentlichte vergangenes Jahr die erste Beobachtungsstudie über Hikikomori, die ein 12-monatiges Follow-up beinhaltete.

Ein Kriseninterventionsteam in der Region Barcelona, das aus zwei Psychiatern und zwei Pflegefachpersonen bestand, suchte Betroffene zu Hause auf, die durch ambulante Versorger und Sozialarbeiter angemeldet wurden. Die Patienten wurden in den eigenen vier Wänden über eine begrenzte Zeit behandelt und schließlich in eine adäquate Weiterbehandlung überwiesen. In der Zeit von 2008 bis 2014 therapierte das Team insgesamt 190 Fälle, die die drei Kriterien für ein Hikikomori-Syndrom erfüllten. Von der Auswertung ausgeschlossen wurden Fälle mit kognitiven Störungen, reinem Substanzmissbrauch und Kinder unter zwölf Jahren.

Alle Patienten wiesen eine zugrundeliegende psychiatrische Diagnose auf, bis auf einen, der eine internetbasierte Abhängigkeit zeigte. Die drei häufigsten Diagnosen waren Psychosen (75 Patienten), Angststörungen (35), Persönlichkeitsstörungen (33 Patienten, davon besonders Cluster A und B) und affektive Störungen (28). Die durchschnittliche Dauer der Isolation lag bei 38 Monaten (SD: 52 Monate). Von den 190 Probanden waren 136 Patienten männlich.

Ambulante vs. stationäre Behandlung

Von den insgesamt 190 Behandlungsfällen wurden im Anschluss an die Krisenintervention zu Hause 88 Patienten in eine ambulante Therapie überwiesen und 48 stationär aufgenommen. Von den übrigen Patienten wurden 21 anderweitig versorgt, ohne dass die Autoren dazu spezifische Angaben machen. Der Verbleib von 33 Betroffenen bleibt im Artikel ungeklärt. Die Autoren erwähnen jedoch, dass einige Patienten nicht in eine fortführende Behandlung einwilligten. Insgesamt war bei 147 Patienten ein Follow-up über den kompletten Beobachtungszeitraum.

Ambulante Behandlung: Hohe Abbruchraten

Patienten, die nach der Krisenintervention in eine ambulante Behandlung überwiesen wurden, waren bei der Ersteinschätzung im Schnitt kooperativer, zeigten mehr Krankheitseinsicht und ein besseres Funktionsniveau. Nach zwölf Monaten war diese Patientengruppe im Vergleich zu den restlichen Teilnehmern jedoch häufiger weiterhin isoliert und neigte eher zu einem Abbruch der Behandlung. Besonders Patienten mit einer affektiven Störung oder Angststörung fielen in diese Gruppe.

Stationäre Behandlung zeigt nachhaltige Verbesserung

Der Verlauf nach einer stationären Behandlung war hingegen deutlich günstiger. Obwohl die Patienten zu Beginn stärker eingeschränkt waren, zeigten Sie nach einem Jahr bessere soziale Netzwerke, weniger Isolationsverhalten und eine niedrigere Rückfallquote als die Patienten, die ambulant behandelt wurden.

Fazit der Studie

Alle genannten Unterschiede zwischen hospitalisierten vs. ambulant behandelten Patienten fielen statistisch signifikant aus. Daher folgern die Autoren, dass im Fall eines Hikikomori-Syndroms eine intensive Behandlung unter stationären Bedingungen vorteilhaft sein könnte, da so eine stabile therapeutische Beziehung, Krankheitseinsicht und Compliance erzielt wird, und damit die Reintegration in das soziale Leben eher gelingt.

  1. Malagón-Amor A. et al.:”A 12-month study of the hikikomori syndrome of social withdrawal: Clinical characterization and different subtypes proposal.“ Psychiatry Research 2018 Dec; 270: 1039-1046.

Titelbild: © Getty Images/mediaphotos

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