24. April 2020

Wenn Kinder halluzinieren: Tipps für die Therapie

Akustische Halluzinationen bei Kindern und Jugendlichen sind ein relativ häufiges Phänomen. Oft handelt es sich um eine vorübergehende Erscheinung – es kann aber auch erstes Symptom einer psychiatrischen Erkrankung sein. Psychiater aus den Niederlanden haben Empfehlungen entwickelt, wie man in der Praxis am besten damit umgehen sollte.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Artikel basiert auf der Publikation von Kim Maijer et al. (2019) im Schizophrenia Bulletin.
Redaktion: Maria Weiß

Keine Seltenheit bei Kindern und Jugendlichen

Nach einer Metaanalyse beträgt die Prävalenz akustischer Halluzinationen bei Kindern und Jugendlichen etwa 12 % – das ist deutlich mehr als bei Erwachsenen (5,8 %) oder älteren Menschen (4,5 %). In den meisten Fällen sind die kindlichen Halluzinationen selbstlimitierend und wahrscheinlich als Teil einer normalen Entwicklung anzusehen.

Je älter, desto eher pathologisch

Je älter die Kinder und Jugendlichen sind, umso größer ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Vorboten einer psychiatrischen Erkrankung handelt, schreibt Kim Maijer vom Brain Center Rudolf Magnus in Utrecht, Niederlande. So gehen Halluzination im Alter von 11 Jahren mit einem deutlich erhöhten Risiko für eine spätere Schizophrenie einher. Eine exakte Altersschwelle lässt sich hier aber nicht angeben.

Die Persistenz von Halluzinationen könnte ebenfalls auf ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung psychiatrischer Erkrankungen weisen. Traumata und negative Lebensereignisse scheinen bei Kindern das Risiko für Halluzinationen und deren Persistenz zu erhöhen.

Ob harmlos oder nicht – für die Betroffenen und ihre Eltern sind Halluzinationen sehr beunruhigend, sodass medizinische Hilfe gesucht wird.

Empfehlungen für den Behandlungsplan

In diesem Fall sollte man nach einem Stufenplan vorgehen:

1. Erwartungen steuern

Die Kinder und ihre Eltern sollten verstehen, dass es notwendig ist, alles über die Entwicklung und psychischen Probleme des Betroffenen zu erfahren, um die Halluzinationen richtig einordnen zu können. Somit wird die Grundlage für eine ausführliche Anamnese gelegt.

2. Untersuchung des allgemeinen Gesundheitszustandes

a. Umfassende psychiatrische Untersuchung einschließlich der Erfassung von familiären Problemen, sozialen Beziehungen (z.B. Mobbing) und Schulschwierigkeiten. Es sollten nach Möglichkeit mehrere Bezugspersonen in die Anamnese mit einbezogen werden.

b. Fragen nach möglichen somatischen Beschwerden

c. Bei entsprechendem Verdacht zusätzlich neuropsychologische Tests und somatische Untersuchungen (z.B. auf genetische Syndrome)

3. Charakterisierung der Halluzinationen

Mit Fragebögen wie AVHRS (Auditory Vocal Hallucination Rating Scale) und SOCRATES lassen sich auditive Halluzinationen charakterisieren und die Krankheitslast bestimmen. Schon das Reden über diese ungewöhnlichen Erfahrungen nimmt Patienten oft die Angst und wirkt Stigmatisierungen entgegen.
Anmerkung der Redaktion: Zur Zeit ist uns kein validierter Fragebogen in deutscher Sprache bekannt, der Halluzinationen unabhängig von Psychosen bei Kindern abfragt. Sollten Sie einen solchen Score kennen, können Sie ihn in den Kommentaren aufführen.

4. Erklärungsmodell für die Halluzinationen anbieten

Die Informationen aus den Schritten 2 und 3 reichen oft schon aus, um festzustellen, ob es sich um ein harmloses Entwicklungsphänomen oder Anzeichen einer psychiatrischen Erkrankung handelt.

5. Psychoedukation für betroffene Kinder oder Jugendliche und ihre Betreuungspersonen

Unabhängig von der Ursache sollten die Betroffenen im Rahmen der Psychoedukation umfassende Informationen über Halluzinationen im Allgemeinen und mögliche Erklärungen für ihre Symptome erhalten.

6. Interventionen

a. Bei benignen bzw. entwicklungsbedingten Halluzinationen reicht Schritt 5 oft schon aus.

b. Sind die Halluzinationen Anzeichen oder Symptom einer psychiatrische Erkrankung (z.B. ADHS, Depression, Lernschwierigkeiten) werden diese leitliniengerecht behandelt.

c. Bei persistierenden Halluzinationen ohne ersichtliche Ursache, in unklaren Fällen oder bei fehlenden Behandlungsmöglichkeiten wird eine altersgerechte psychotherapeutische Intervention (z.B. Coping with Unusual Experiences for children – CUES; Stronger Than Your Voices  – STYV) empfohlen.

7. Antipsychotische Medikation

Halluzinationen sind nicht per se eine Indikation für antipsychotische Medikamente. Sie können aber indiziert sein, wenn die Halluzinationen Symptome einer psychiatrischen Erkrankung (z.B. Schizophrenie) sind oder auf die Dekompensationen einer Grunderkrankung weisen (z.B. Autismus-Spektrum-Störung oder Borderline-Störung).

  1. Kim Maijer et al; Hallucinations in Children and Adolescents: An Updated Review and Practical Recommendations for Clinicians; Schizophrenia Bulletin (2019);

Bildquelle: © Getty Images/shapecharge

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