03. September 2020

Covid-19

Psychische Folgen der Pandemie: Ein- und Ausblicke

In seinem Vortrag im Rahmen der zweiten internationalen CovidCon gab Prof. Gianluca Serafini von der Universität Genua einen Überblick über bereits bekannte und noch zu befürchtende Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung.1

Dieser Beitrag fasst den Vortrag von Prof. Serafini aus der CovidCon Global vom 28.08.2020 zusammen. Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera.

Langeweile, Einsamkeit & Angst

Prof. Serafini und Kollegen stellten in einer Studie dar, welche psychischen Reaktionen besonders häufig in dieser Pandemie entstehen. Zu Frust und Langeweile gesellen sich oft schwer zu ertragende Einsamkeit und verschiedene Formen schlecht begrenzbarer Angst. Schlechte Laune und Reizbarkeit waren laut einer Studie an 300 chinesischen Angestellten, die während der Sars-Epidemie 2003 von einer Massenisolation betroffen waren, besonders verbreitet.

Informationsmangel, leere Vorratsschränke und Supermarktregale wirken zusätzlich belastend. Dabei laufen Menschen mit Alexithymie – der Unfähigkeit ihre eigenen Gefühle einzuordnen und entsprechend zu kommunizieren – eher Gefahr, im Rahmen der aktuellen Situation eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Resiliente Personen mit einem tragenden sozialen Netzwerk haben dagegen deutlich bessere Chancen, sich an die neuen Umstände anzupassen.

Das traumatisierende Potenzial der Covid-19-Pandemie

Psychopathologisch wird das Ausmaß der Pandemie häufig mit Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen verglichen. Allerdings, wendet Prof. Serafini ein, unterscheidet sich die aktuelle Situation von diesen örtlich und zeitlich begrenzten Ereignissen. Die Pandemie beschränkt sich nicht auf eine einzige Region. Eine Flucht ist nicht möglich und das zeitliche Ausmaß nicht abzuschätzen. Zudem handelt es sich bei dem Virus um eine unsichtbare Gefahr, die theoretisch von jedem anderen Menschen ausgehen kann.

Erfahrungen aus dem Sars-Ausbruch 2003

Um die Folgen der aktuellen Situation abzuschätzen, blickt Prof. Serafini auf die Evidenz zu den psychischen Folgen des Sars-Ausbruchs 2003.

So weiß man, dass Quarantäne bei medizinischem Personal ein Prädiktor für die Entwicklung eines Posttraumatischen Belastungssyndroms sowie einer Alkoholabhängigkeit drei Jahre später war. Diese Gruppe berichtete auch über eine Vielzahl an negativen Emotionen, die – neben Einkommensverlusten – durch die Angst, sich selbst und andere anzustecken, ausgelöst wurden. Insgesamt war das medizinische Personal durch den Sars-Ausbruch deutlich belasteter als die Allgemeinbevölkerung.

Auch bei Kindern und Eltern, die unter Quarantäne standen, zeigte sich wesentlich häufiger eine posttraumatische Belastung mit entsprechenden Symptomen als bei Familien, die nicht in Quarantäne waren.

Spezieller Stress für ältere Menschen

Ältere Menschen gehören während der Pandemie zur Hochrisikogruppe. Sie sind häufig auf Unterstützung und Pflege angewiesen, leiden unter kognitiven Einschränkungen und können, im Gegensatz zu jüngeren Menschen, häufig nicht das Internet zu ihrem Vorteil nutzen. Einsamkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, wie sie für diese Bevölkerungsgruppe unter diesen Umständen leicht entstehen können, sind voneinander unabhängige Prädiktoren für Suizid.

Nicht zuletzt weist Prof. Serafini darauf hin, dass in Krisenzeiten Vorurteile und die Diskriminierung von Randgruppen der Gesellschaft verstärkt auftreten.

Werden Suizidraten steigen? Ein Blick in die Geschichte

In seinem abschließenden Appell betont Prof. Serafini, dass infolge der Pandemie mit erhöhten Suizidraten zu rechnen ist. Auch während der Spanischen Grippe (1918-1919) kam es vermehrt zu Selbstmorden in den USA, ebenso bei älteren Menschen in Hong Kong während des Sars-Ausbruchs (2003).

Die bereits eingetretenen psychischen Belastungen, der Anstieg häuslicher Gewalt und das Stigma, das Covid-19-Infizierten noch dazu auferlegt wird, deuten in die gleiche Richtung.

Forderung nach koordinierten, gezielten Interventionen in ganz Europa

Prof. Serafini betont, dass eine niederschwellig zugängliche, gemeinschaftliche Unterstützung sowohl für Alleinlebende als auch für Hinterbliebene von Covid-19-Opfern geschaffen werden muss. Freunde und Familie sollten dazu aufgefordert werden, in Kontakt mit diesen Menschen zu bleiben.

Nicht zuletzt müssten nun in allen europäischen Ländern Strukturen geschaffen werden, um die psychischen Folgen der Sars-CoV-2-Pandemie mithilfe gezielter Interventionen professionell aufzufangen.

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