07. Juli 2021

COVID-19

Ist Long-COVID (nur) eine Traumafolgestörung?

Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM 2021) wurden aufrüttelnde Befunde veröffentlicht: Corona hinterlässt tiefe Spuren in unserer Psyche. Eine Problematik, die mit erheblichen Langzeitfolgen verbunden ist.1

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Dr. med. Horst Groß

Onlinestudie

Was macht die Pandemie mit unserer Psyche? Auf diese Frage wollte eine Langzeit-Onlinestudie Antwort geben. Seit April 2020 befragten Essener Forscher mittlerweile mehr als 30.000 Menschen, wie sich Corona auf ihre Psyche auswirkt.1 Zur Objektivierung der Befunde nutzten die Forscher etablierte Score-Systeme. Erste Ergebnisse wurden auf dem diesjährigen Kongress durch Professor Dr. med. Martin Teufel (LVR-Klinikum Essen) präsentiert. Wie zu erwarten findet sich in der Bevölkerung ein deutlich erhöhtes Maß an psychischer Belastung, das bis zu zwei Drittel tangiert. Ein exzessiver Medienkonsum ist, wie die Literatur belegt, der maßgebliche Trigger dieser Fehlentwicklung.2

Massive Angststörung

Als Konsequenz findet sich zeitweise bei fast der Hälfte der Bevölkerung eine generalisierte Angststörung (45 %). Eine dezidierte Furcht vor dem Virus lässt sich bei 60 % nachweisen. Gravierende Symptome wie etwa Depressivität haben bis zu 15 % erfasst. Besonders Menschen mit psychischen Vorerkrankungen bzw. Angst- und Persönlichkeitsstörungen sind diesem Risiko ausgesetzt, aber auch Frauen und jüngere Menschen.3 Vermutlich zeigt sich hier die Konsequenz der verminderten Sozialkontakte, gibt Teufel zu bedenken.

Trauma Intensivmedizin

Besondere mediale Beachtung fand der Teil der Studie, in dem die psychosomatische Auswirkung der Intensivtherapie bei COVID-19 evaluiert wurde. Im Nachgang zeigen sich bei einem Viertel der intensivmedizinisch Betreuten klinische Zeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Besonders kritisch wird es offenbar ab dem 100. Behandlungstag. Ein Befund, der allerdings im Kontext interpretiert werden muss – denn auch ohne Corona wird in der Literatur für die Intensivmedizin ein PTBS-Risiko in der Größenordnung von 20 % angegeben.4 Für die Betroffenen trotzdem kein Trost.

Flash Backs

Als COVID-spezifische Langzeitfolge der Intensivtherapie identifizierten die Autoren Intrusionseffekte. Also somatische Probleme, für die sich kein nachvollziehbares pathophysiologisches Korrelat findet. Ein typisches Symptom dieses „Bodily Distress“ sind Luftnotattacken bei objektiv normaler Lungenfunktion. Diese klinisch als Hyperventilationssyndrom imponierende Flash-Back-Problematik, in Kombination mit Angstattacken, bedarf einer spezifischen Betreuung.

  • Greifbare körperliche Langzeitfolgen als Folge einer COVID-19-Virus-Infektion sind aus Sicht des Psychosomatikers selten. So wurden in einer interdisziplinär durchführten Nachsorgestudie der Universitätsmedizin Essen mehr als 300 Personen nach unterschiedlich schwer ausgeprägten COVID19-Erkrankungen untersucht. 3

    „Die Patientinnen und Patienten berichteten über unspezifische Symptome wie Schwindel, Kopfweh, Müdigkeit oder Schwächeempfinden“, erläutert Teufel. „Bei weniger als zehn Prozent der Betroffenen konnten medizinisch fassbare Befunde erhoben werden.“ Dabei handelte es sich in den meisten Fällen um bisher unentdeckte Erkrankungen, die unabhängig von COVID-19 bestehen. „Die Beschwerden hatten in den seltensten Fällen mit der Virusinfektion zu tun“, so Teufel. „Wir sprechen hier von Bodily Distress, einer somatischen Belastungsstörung.“3

    Auch bei Patienten, die typischerweise nach einer mittelschweren Corona-Infektion anhaltend unter Luftnot leiden, konnten die Mediziner keine organische Schädigung als Langzeitfolge der Viruserkrankung feststellen; Untersuchungen bestätigten eine ausreichende Lungenfunktion. „Die Betroffenen leiden unter Ängsten, die Erkrankung nicht mehr loszuwerden, und atmen deshalb zu viel. Sie befinden sich in einer Art Hyperventilationszustand, der auf die noch nicht wiedergefundene Sicherheit zurückzuführen ist“, so Teufel. 3

    Zur Therapie von vermeintlichen Long-COVID-Symptomen empfiehlt der Mediziner daher als erste Maßnahme die Edukation, um Ängste auf ein rationales Maß zurückzuführen: „Die Patienten müssen wissen: COVID-19 macht in der Mehrzahl der Fälle nicht körperlich dauerkrank. Das Wahrscheinliche nach einer Infektion ist die vollständige somatische Genesung.“3

Long-COVID-Therapie

Als Konsequenz wurde an der Universitätsklinik Essen ein psychosomatisches Betreuungsprogramm für Long-COVID-Patienten entwickelt (CoPE).5 Es ist niedrigschwellig konzipiert (Kontaktaufnahme auch über das Bürgertelefon) und umfasst telemedizinische Ergänzungen (z.B. Videosprechstunde). Das Tele-Angebot werde dabei erstaunlich gut angenommen und stelle eine gute therapeutische Ergänzung dar, berichtet der Essener Experte Teufel. Ganz ohne persönlich geführte Therapiegespräche gehe es nach seiner Meinung allerdings nicht.

  1. Skoda, Eva-Maria, et al. “Veränderung der psychischen Belastung in der COVID-19-Pandemie in Deutschland: Ängste, individuelles Verhalten und die Relevanz von information sowie Vertrauen in Behörden.” Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz 64.3 (2021): 322-333.
  2. Munblit, D., et al. “Excessive media consumption about COVID-19 is associated with increased state anxiety: Outcomes of a large online survey in Russia.”
  3. Pressemappe zum Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: https://www.dgpm.de/de/presse/presse-informationen/presse-information/pressemappe-zum-deutschen-kongresses-fur-psychosomatische-medizin-und-psychotherapie/
  4. Gawlytta, R., et al. “Posttraumatische Belastungsstörung nach Intensivtherapie.” Medizinische Klinik-Intensivmedizin und Notfallmedizin 114.1 (2019): 9-14.
  5. Bäuerle, Alexander, et al. “E-mental health mindfulness-based and skills-based ‘CoPE It’intervention to reduce psychological distress in times of COVID-19: study protocol for a bicentre longitudinal study.” BMJ open 10.8 (2020): e039646.

Bildquelle: © gettyImages/golero

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