12. November 2019

Politik und Psychiatrie

Brexit und Trump lösten Psychosen aus

Das Jahr 2016 war gezeichnet durch politische Umbrüche: Im Sommer stimmten die Briten für den Brexit und im Herbst wählten die US-Amerikaner Donald Trump. Beide Ereignisse haben sich auch in der psychiatrischen Fachliteratur niedergeschlagen, denn für zwei Patienten waren sie vermutlich Auslöser für eine akute vorübergehende psychotische Störung. 1,2

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Brexit löste zunehmenden Wahn aus

Nach dem „Yes“ des britischen Volkes zum Brexit macht sich ein 40-jähriger Brite aus Nottingham vermehrte Sorgen über rassistisch motivierte Vorfälle.1 Er schläft immer schlechter, und das von seinem Arzt verordnete Mirtazapin (15 mg) und Zopiclon (7.5 mg) bringen keine Besserung. Stattdessen entwickelt er paranoide Wahnvorstellungen: Er ist unter anderem davon überzeugt, dass ihm jemand nachstellt und dass Radio und Fernsehen mit ihm kommunizieren. Ebenfalls erklärt er, er könne seine Liebe zu seiner Ehefrau beweisen, wenn er sich umbringt.

Drei Wochen nach dem Brexit-Referendum schließlich eskaliert die Situation, als er zu Hause mit Gegenständen um sich wirft. Er wird in die Notaufnahme eingewiesen, wo er versucht, sich mit den Händen durch den Boden zu graben, um „verdammt nochmal hier rauszukommen“. Er ist massiv agitiert, sodass die Ärzte ihm Lorazepam intramuskulär verabreichen müssen.

Psychotische Episoden bereits in der Vergangenheit

Es ist nicht die erste psychotische Episode in seinem Leben. Bereits dreizehn Jahre zuvor wurde er wegen einer akuten, vorübergehenden psychotischen Störung, ausgelöst durch Stress bei der Arbeit, erfolgreich mit Olanzapin behandelt. Auch dieses Mal spricht er sehr schnell auf das Neuroleptikum an.

Als es ihm im stationären Verlauf besser geht, berichtet er, dass er sich schäme, Brite zu sein. Er habe gesehen, dass sein Wahlkreis sich sehr deutlich gegen die EU ausgesprochen hat, was ihn sehr verunsichert, da er seine Familie als multikulturell beschreibt. Allerdings erklärt er auch, dass er vor kurzem ein Gerichtsverfahren verloren hat, in dem es um einen kleinen Geldbetrag ging, und zuletzt vermehrt auf seine Kinder aufpassen müsse, was ihn unter Druck bringe.

Der Patient kann nach zwei Wochen in die ambulante Nachsorge entlassen werden.

Erste psychotische Episode bei 71-Jähriger nach Vereidigung von Trump

Über einen ähnlichen Fall berichten Faith Aimua und Kollegen 2: Eine Woche, nachdem Donald Trump das Amt des US-Präsidenten antrat, wird eine 71-jährige Dame südamerikanischer Abstammung in einem akut psychotischen Zustand in die psychiatrische Klinik eingewiesen.

Die Frau arbeitet als Pflegehelferin und ist Staatsbürgerin der USA, wo sie bereits seit 15 Jahren lebt. Da sie vier Tage lang nicht zur Arbeit erschienen war, kontaktierte ihr Arbeitgeber die Behörden.

Bei Einweisung redet sie schnell, wechselt zwischen Spanisch und Englisch, und gibt an, imperative Stimmen zu hören und Geister zu sehen. Gegenüber dem Krankenhauspersonal ist sie aggressiv, agitiert, und legte wiederholt ihren Mitpatienten die Hände auf, um sie zu heilen. Sie glaubt, sie stamme aus einer anderen Galaxie und sei mit heilenden Kräften gesegnet.

Ihr Lebenspartner berichtet, dass die Patientin schon während des Wahlkampfes 2016 der Überzeugung ist, im Falle der Wahl von Trump abgeschoben zu werden, obwohl sie US-Staatsbürgerin ist. Seit der Vereidigung im Januar 2017 schließlich hat sie kaum noch gegessen und geschlafen.

Auch der Zustand dieser Patientin besserte sich schnell unter der Therapie mit Olanzapin und Valproat, sodass sie am zwölften Behandlungstag entlassen werden konnte. Im Gegensatz zum Briten war es ihre erste psychotische Episode.

Im Vordergrund steht Angst vor Fremdenfeindlichkeit

In beiden Fällen geben die Patienten ihre Betroffenheit durch die politischen Ereignisse als Auslöser ihrer Belastung an. Auch die Angehörigen sehen einen direkten zeitlichen Zusammenhang zum Beginn der Symptomatik. Zudem äußerten beide Ängste in Bezug auf Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Abschiebung, obwohl beide jeweils Staatsbürger waren. Während die US-amerikanische Patientin einen Migrationshintergrund hatte, ist dies bei dem britischen Patienten nicht eindeutig beschrieben. Dennoch wirkte der Stress mit großer Wahrscheinlichkeit als Vermittler der Erkrankung.

  1. Katshu, M. Z. U. H. (2019). Acute transient psychotic disorder precipitated by Brexit vote. BMJ Case Reports, 12(10), e232363. doi:10.1136/bcr-2019-232363
  2. Aimua FA. Impact of political rhetoric on mental health: a case report of first-episode psychosis after the 2017 US presidential inauguration. Prim Care Companion CNS Disord. 2018;20(2):17l02155.

Bildquelle: © Getty Images/ Rawf8

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