10. Dezember 2019

DGPPN 2019

Borderline-Störung: State-of-the-Art

Die Professoren Martin Bohus (Mannheim) und Klaus Lieb (Mainz) räumten auf dem diesjährigen DGPPN-Kongress mit verbreiteten Fehlannahmen über die Diagnostik und Behandlung der Borderline-Störung auf. Außerdem verrieten sie, welche Neuerungen die S3-Leitlinie im kommenden Jahr bereithält. 1

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Artikel basiert auf dem Symposium “Borderline- Persönlichkeitsstörungen” auf dem DGPPN 2019-Kongress. Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Überraschende Suizidrate

Gleich zu Beginn des Symposiums konfrontiert Prof. Bohus das Publikum mit überraschenden epidemiologischen Daten. Das Lebenszeitrisiko eines Betroffenen, an einem vollendeten Suizid zu versterben, liege bei 2%, nicht bei den regulär angeführten 7-10%. Suizidversuche hingegen sind häufig und kommen bei 60% aller Betroffenen in der Lebenszeit vor.

Im Alter von 15 Jahren ist die Prävalenz mit 5 -7% am höchsten und nimmt mit voranschreitender Lebenszeit stetig ab. Besonders in den mittleren Lebensjahren kommt es zu einer Verschiebung der Symptome nach innen („silent suffering“), somatische und psychosomatische Erkrankungen stehen dann im Vordergrund. Die Lebenserwartung der Betroffenen ist um etwa 10 Jahre verkürzt.

Die Diagnose sollte auch bei Jugendlichen gestellt werden

Entgegen der etablierten Annahme ist inzwischen nachgewiesen, dass Persönlichkeitsstörungen über die Lebenszeit nicht stabil sind. Spätestens seit der Einführung der dialektisch-behavioralen Therapie (DBT) durch Marsha Linehan, die selbst von der Störung betroffen war, sind Borderline-Persönlichkeitsstörungen auch mit einer hohen Erfolgsrate behandelbar.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, eine Borderline-Störung zu diagnostizieren, auch wenn sie vor dem 18. Lebensjahr auftritt, damit die Patienten einer spezifischen, evidenzbasierten Behandlung zugeführt werden können. Diese Empfehlung werde Eingang in die S3-Leitlinie finden, die 2020 erscheint, verrät Prof. Klaus Lieb.

Störungsspezifische Therapien am besten wirksam

Die Borderline-Störung kann durch störungsspezifische Psychotherapie am besten behandelt werden. Dabei hat sich neben der DBT auch die mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) in der Literatur als besonders wirksam erwiesen. Für andere Therapieformen werden voraussichtlich keine Empfehlungen abgegeben.

Es gibt kein empfohlenes Medikament

Ebenso wenig wird es Empfehlungen zu Psychopharmaka geben. Kein Präparat weist für die langfristige Behandlung einen klinisch relevanten positiven Effekt auf. Der weit verbreitete Einsatz von Antidepressiva (v.a. SSRI) und Neuroleptika wie Quetiapin ist nicht evidenzbasiert. Besondere Vorsicht gilt bei Olanzapin, da es die Suizidalität von Borderline-Patienten noch erhöhen kann. Insgesamt falle auf, so Prof. Lieb, dass die meisten Pharma-Studien suizidale und selbstverletzende Patienten ausschlossen und nur kurze Laufzeiten hatten.

BSL-23/ BSL-95 – Fragebögen
Eine standardisierte und validierte Methode zur Einschätzung der aktuellen Schwere der Symptomatik ist mit der Borderline Symptom List möglich, die auf der Seite des Zentralinstitus für Seelische Gesundheit Mannhein kostenlos in vielen Sprachen heruntergeladen werden kann. >> Jetzt zu den Fragebögen (externer Link)

Komorbiditäten sind relevant

Komorbiditäten sind bei der Borderline-Störung häufig und können durch die fulminante Symptomatik verdeckt werden. Häufig übersehen werden dabei PTBS, ADHS und die soziale Phobie. Psychotherapeutisch gibt es auch hier wirksame Therapieprogramme (DBT-PTBS, für Essstörungen und Süchte ist auch die MBT ausgerichtet).

Komorbiditäten können dann auch medikamentös behandelt werden. So kann man zum Beispiel mit Methylphenidat bei komorbider ADHS durchaus Erfolge erzielen.

Tipps für die Krisenintervention

Tritt bei der Patientin eine Krise ein, sollte diese zunächst psychotherapeutisch und nicht pharmazeutisch aufgefangen werden, um zu verhindern, dass sich mit der Zeit eine Polypharmazie einstellt, die oft nur mit viel Aufwand wieder zu vereinfachen ist. Ein Krisenplan, im Vorhinein erstellt, der klare Handlungsschritte für Patientin und Behandler beinhaltet, kann dabei sehr hilfreich sein. Bestehende Medikation sollte während der Krisenintervention möglichst nicht verändert werden.

„90% aller stationären Behandlungstage sind überflüssig und falsch“

Natürlich ist bei akuter Selbst- und Fremdgefährdung weiterhin die stationäre Aufnahme angezeigt. Ist die Krise jedoch überwunden, sollten die Patienten zügig wieder entlassen bzw. in eine störungsspezifische Therapie überführt werden.

„90% aller stationären Behandlungstage sind überflüssig und falsch“, so Prof. Bohus. Denn: Eine unspezifische stationäre Behandlung nach einer akuten Krise führe zu oft dazu, dass die Patientinnen die Möglichkeit bekommen, für dysfunktionales Verhalten mit professioneller Zuwendung belohnt werden. Ihnen werde dadurch die Selbstverantwortung abgenommen. Eine stationäre Krisenintervention sollte daher nicht länger als zwei Wochen dauern.

  1. Symposium “ST-05 Borderline-Persönlichkeitsstörungen” Martin Bohus & Klaus Lieb, 27.11.2019, DGPPN Kongress 2019.

Bildquelle: © Getty Images/martin-dm (Symbolbild)

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