03. Dezember 2019

DGPPN 2019

Vom Job in die Psychiatrie und zurück

Bislang gibt es keine Studien darüber, welche Unterstützung Patienten benötigen, die nach ihrer Entlassung aus der psychiatrischen Klinik an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren wollen. Dieses Defizit wollen Münchener Forscher mit ihrer vom G-BA-Innovationsausschuss geförderten RETURN-Studie beheben, deren Verlauf sie auf dem DGPPN 2019 vorstellten.1,2

Lesedauer: 3 Minuten

„Was soll ich sagen, wenn die Kollegen fragen, wo ich war?“

Mit dieser Frage treten Patienten psychiatrischer Stationen an ihre Behandler heran, wenn es darum geht, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Etwa ein Fünftel aller Klinikpatienten in der Psychiatrie, so schätzt Prof. Johannes Hamann vom Klinikum rechts der Isar, hatte vor der Einweisung eine Arbeitsstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt oder war selbstständig. Eine Minderheit zwar, doch gerade diese Menschen gilt es dabei zu unterstützen, auch nach ihrer Genesung weiterhin arbeitstätig zu bleiben.

Was spricht für, was gegen die Offenlegung?

Dabei stellt sich stets die Frage, wie offen der Betroffene mit seiner psychischen Erkrankung umgehen sollte. Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht, die Entscheidung kann nur individuell getroffen werden.

Patienten, die durch ihre Erkrankung aus dem Arbeitsalltag gerissen werden, haben andere Anforderungen als solche, die zuvor keine Stelle hatten. Besorgtes oder drängendes Nachfragen von Kollegen oder Vorgesetzten kann die Betroffenen unter Druck setzen. Die Angst, durch die Erkrankung finanzielle Einbußen ertragen zu müssen, ist ebenfalls belastend. Nicht zuletzt können die Patienten auch einen Karriereknick erleiden, weil sie nun als „nicht belastbar“ angesehen werden und ihre Rolle im Unternehmen auf dem Spiel steht. Manche können es sich gar nicht aussuchen, ob sie ihre psychische Erkrankung offenlegen, weil ihre Symptome bereits am Arbeitsplatz sichtbar waren.

Dabei kann es Vorteile haben, (relativ) offen mit der Erkrankung umzugehen. Wenn alle Bescheid wissen, muss keine Energie mehr für die Geheimhaltung aufgebracht werden. Ist das Umfeld positiv eingestellt, kann der Patient Verständnis und Unterstützung erfahren, was das Gefühl der Zugehörigkeit stärkt. Umgekehrt ist es natürlich schwierig, eine Anpassung der Aufgaben oder des Pensums zu erbitten, ohne dafür eine Begründung zu liefern. Diese Aspekte gilt es in die Beratung einzubeziehen.

Return-to-Work-Experten als Brücke zwischen Klinik und Arbeit?

In der RETURN-Studie des Klinikums rechts der Isar in München kommt diese Beratungsaufgabe den Return-to-Work-Experten zu, die nach einem für die Untersuchung standardisierten Ablauf die rekrutierten Patienten aufsuchen und in bis zu 5 stationären sowie einem bis drei poststationären Gesprächen die Patienten bei der Wiedereingliederung in ihren alten Beruf unterstützen. Die Studie bezieht Patienten aus 5 Münchener Kliniken ein und der Beratungsprozess basiert auf bekannten und validierten Methoden.

Dabei mag sich die Frage ergeben, warum die Forscher spezielles Personal geschaffen haben für eine Arbeit, die sonst Sozialarbeitern zufällt. Die Antwort liegt in der Versorgungsrealität deutscher Kliniken – einerseits gibt es für die Betreuung der Patienten nur wenig Zeit, andererseits erschwert das deutsche Gesundheitssystem den lückenlosen Übergang in die ambulante Nachbetreuung. Sollte die RETURN-Studie zeigen, dass Patienten von dem Betreuungskonzept profitieren, wird der erarbeitete Leitfaden allen Interessierten zur Verfügung gestellt.2 Die Ergebnisse könnten dazu führen, dass der Wechsel von stationär nach ambulant in Zukunft besser begleitet werden kann.

Der aktuelle Stand der RETURN-Studie

Bis zum Zeitpunkt des Vortrages sind 244 Patienten randomisiert, die Studienzeit von 3 Jahren ist etwa zur Hälfte abgelaufen. Die Vorteile der Studie liegen in dem Design, denn mit einem Clustered Randomised Controlled Trial sollen übertrieben positive Ergebnisse vermindert werden. Ebenso werden, im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit früherer Untersuchungen in diesem Gebiet, auch Patienten mit einer Psychose eingeschlossen.

Noch gab es keine Aussagen über den primären Endpunkt, die Tage in Arbeit bzw. die Krankheitstage ein Jahr nach Entlassung, doch Dr. Lina Riedl vom Zentrum für kognitive Störungen des Klinikums rechts der Isar ging in ihrem Vortrag mit den Hindernissen der Studie offen um. Die Return-to-Work-Experten hatten einige organisatorische Schwierigkeiten: Patienten wurden entlassen bevor sie mit ihnen arbeiten konnten oder die Koordination mit den Sozialarbeitern und Stationsteams gestaltete sich kompliziert.

  1. DGPPN 2019: S-005 „Berufliches Entlassmanagement in der Akutpsychiatrie – die RETURN-Studie“ 27.11.2019
  2. G-BA Innovationsausschuss: RETURN – Return-​to-Work-Experten in der stationären Behandlung von Patienten mit psychischen Erkrankungen – eine Proof-​of-Concept-Studie. https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/versorgungsforschung/return-return-to-work-experten-in-der-stationaeren-behandlung-von-patienten-mit-psychischen-erkrankungen-eine-proof-of-concept-studie.129

Bildquelle: © gettyImages/RossHelen

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