Eine junge Frau mit bipolarer Störung, Tremor und Dystonie
Eine 31-jährige Frau kommt nach einer Überdosierung mit dem atypischen Neuroleptikum Aripiprazol mit Handtremor, zervikaler Dystonie und Blepharospasmus in die Notaufnahme. Wie das Ärzteteam im Fall der jungen Frau vorging, lesen Sie im folgenden Fallbericht.
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Autor: Wolfgang Paik | Redaktion: Marc Fröhling
Die Patientin und ihre Vorgeschichte
Die Patientin stellte sich in der Notaufnahme eines Krankenhauses im Nordiran mit grobem Handtremor und muskulären Dystonien vor. Zum Aufnahmezeitpunkt war der Tremor unwillkürlich, moderat rhythmisch und wurde durch Aufregung verstärkt. Die muskulären Dystonien betrafen den Nackenbereich, das Gesicht, die Augenlieder und, zu geringerem Anteil, die Extremitäten.
Laut dem Fallbericht des Pharmakologen Dr. Homa Talabaki und Kollegen aus der Medizinischen Hochschule Mazandaran in Sari, Iran gab die Patientin gab, vor zwölf Stunden absichtlich 200 mg Aripiprazol eingenommen zu haben. Das atypische Neuroleptikum sei ihr vor einem halben Jahr zur Therapie einer vor zehn Jahren festgestellten bipolaren Störung verschrieben worden. Unter der regulären Dosis von 10 mg täglich per os habe sie bisher keine Episoden des Extrapyramidalen Syndroms erlitten.
Abgesehen von Aripiprazol nahm die Patientin keine regelmäßige Medikation ein. Weitere einschlägige Vorerkrankungen waren nicht bekannt.
Befunde
Die Patientin präsentierte sich verwirrt, lethargisch sowie zu Person, Ort und Zeit desorientiert. Ihr Glasgow-Coma-Scale-Score (GCS-Score) lag bei 13/15. Inspektorisch waren eine Gesichtsrötung, ein Handtremor, muskuläre Dystonien und miotische, lichtreagible Pupillen auffällig. Die Haut der Patientin tastete sich überwärmt, die Mundschleimhaut war trocken.
Die Vitalzeichen wurden gemessen und ergaben eine Herzrate von 90 pro Minute, eine Atemfrequenz von 18 pro Minute, einen Blutdruck von 119/76 mmHg, eine Körpertemperatur von 37 °C und eine Sauerstoffsättigung von 98 Prozent bei Raumluft.
Eine Laboruntersuchung wurde durchgeführt und blieb ohne pathologischen Befund. Urintests auf Benzodiazepine, Barbiturate, Cannabinoide, Amphetamine, Kokain und Opioide fielen negativ aus. Die Serumkonzentrationen von Ethanol, Salicylaten, Acetaminophen lagen unter der Detektionsschwelle.
Erst unter Biperiden bessern sich die Symptome
Bei anamnestischer Aripiprazol-Überdosierung und übereinstimmender Diagnostik wurde die Patientin auf eine toxikologische Station verlegt und eine intravenöse Therapie mit Anticholinergika und Benzodiazepinen wurde angesetzt. Biperiden wurde in einer Dosierung von 5 mg/ 12 Stunden für 24 Stunden verabreicht. Ferner wurde Midazolam in einer Dosierung von 1 mg/ Stunde für sechs Stunden verabreicht. Anschließend konnte auf eine zweitägige orale Biperiden-Therapie mit einer Dosierung von 2 mg/ 12 Stunden umgestellt werden.
Fünf Tage nach Therapiebeginn konnte die Patientin auf die psychiatrische Station verlegt werden. Von dort aus wurde sie in eine psychiatrische Klinik überwiesen. Sechs Monate nach der später erfolgte eine Follow-Up-Untersuchung, in der sich die Patientin psychologisch stabil präsentierte.
Diskussion
Extrapyramidalmotorische Symptome werden primär durch die Blockade von D2-Rezeptoren (Dopamin-Rezeptoren) im Striatum verursacht. Im Gegensatz zu Antipsychotika der ersten Generation agiert das atypische Neuroleptikum Aripiprazol unter anderem als partieller Agonist von D2-Rezeptoren sowie als Antagonist von 5-HT2A-Rezeptoren (Serotonin-Rezeptoren). Die Antagonisierung von 5-HT2A-Rezeptoren bewirkt eine erhöhte Dopaminfreisetzung im Striatum und vermindert so das Maß der dopaminvermittelten Blockade.
Dass atypische Neuroleptika dennoch ein EPS auslösen können, zeigt der vorliegende Fallbericht. „Es bedarf [weiterer] Studien, die die spezifischen Mechanismen hinter den atypischen Neuroleptika untersuchen, die zur Entwicklung des EPS beitragen“, schreiben die Autorinnen und Autoren im Diskussionsteil. Vorerst könnten die Ergebnisse klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzten helfen, informierte Behandlungsentscheidungen zu treffen.
Kernbotschaften
Eine 31-jährige Frau kam nach einer Überdosierung mit Aripiprazol mit Handtremor, zervikaler Dystonie und Blepharospasmus ins Krankenhaus. Das Medikament war ihr sechs Monate zuvor zur Behandlung einer bipolaren Störung verschrieben worden. Der Fallbericht des Pharmakologen Dr. Homa Talabaki und Kollegen aus der Medizinischen Hochschule Mazandaran in Sari, Iran, zeigt, wie wichtig es selbst bei der Verabreichung atypischer Neuroleptika ist, mögliche Anzeichen eines Extrapyramidalen Syndroms zu monitoren.
Der folgende Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.

