24. November 2020

Patient weg

Wenn die Vertretung dem Patientenstamm schadet

Patienten von anderen Kollegen abzuwerben ist ein heikles Thema. Manchmal geschieht es ganz unbewusst: Die Stammpraxis ist geschlossen, der Patient wendet sich an den Vertreter, ist mit der Behandlung zufrieden – und bleibt. Manchmal steckt jedoch auch Vorsatz dahinter. Der Virchowbund klärt im folgenden Beitrag auf, welche Spielregeln bei Vertretungen gelten.

Lesedauer: 2 Minuten

Frage eines coliquio-Mitglieds
Ein Arzt berichtet im coliquio-Forum von seinen Erfahrungen mit einer Praxisvertretung: „Ich hatte eine Woche die Praxis zu und habe nun zwei Patienten weniger.” Er selbst würde als Vertretungsarzt, Patienten aus eigener Überzeugung nicht mit in die eigene Praxis nehmen. Dennoch könne man sicher argumentieren, dass der Patient selbst entscheiden könne, wohin er gehe. Er fragt seine Kollegen, wie diese in einem solchen Fall vorgehen würden. Die Antworten der Kollegen lesen Sie hier.

Das sagt der Virchowbund

Wenn Kollegen Ihre Patienten abwerben, müssen Sie das nicht einfach hinnehmen, erklärt der Virchowbund. Sie haben Sie die Möglichkeit auf Unterlassung zu klagen und können ggf. auch Schadensersatzansprüche geltend machen.

Dabei stellen sich aber 2 Probleme:

  1. Der Vertreter muss rechtswidrig gehandelt haben. Sie müssen das beweisen.
  2. Sie müssen einen Schaden nachweisen – zumindest, wenn Sie Schadensersatzansprüche geltend machen wollen.

Wann ist es also rechtswidrig, Patienten abzuwerben?

Ein rechtswidriges Handeln kann z. B. in folgenden Fällen vorliegen:

  • Der Vertreter nimmt die schriftlichen bzw. digital gespeicherten Patientendaten unberechtigter Weise mit und verwertet sie.
  • Der Vertreter schreibt die Patienten noch während der Vertretungszeit mit seiner privaten Adresse, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse an, mit dem Ziel, eine spätere Kontaktaufnahme zu ermöglichen.
  • Der Vertreter verstößt gegen ein im Vertretungsvertrag vereinbartes und gültiges Wettbewerbsverbot.

In den meisten Fällen wird es schwierig sein, die Rechtswidrigkeit vor Gericht zu beweisen. Um Schadenersatz einfordern zu können, ist es noch aufwändiger. Sie müssen nämlich zusätzlich beweisen, dass der Patient zur weiteren Behandlung aufgrund der Abwerbung gewechselt hat und Ihnen dadurch ein Schaden entstanden ist.

Das kann auch unter dem Aspekt der freien Arztwahl schwierig werden. Sie müssen also genau prüfen, ob sich ein rechtliches Vorgehen lohnt.

Alternativ können Sie sich an die zuständige Ärztekammer wenden. Gemäß § 20 Absatz 1 Musterberufsordnung-Ärzte besteht eine explizierte Rücküberweisungspflicht des Vertreters, d. h. er muss übernommene Patienten bei Beendigung der Vertretung an den vertretenen Arzt zurückzuüberweisen. Verstößt der Arzt nachweisbar gegen diese Verpflichtung drohen ihm ggf. berufsrechtliche Maßnahmen, wie z. B. eine Geldbuße.

Wenn Sie den Verdacht haben, dass ein Vertreter Patienten abwirbt, das aber nicht beweisen können, sollten Sie zuerst das kollegiale Gespräch suchen. Außerdem sollten Sie Ihren Vertretungsvertrag prüfen und ggf. anpassen.

Tipp: Nutzen Sie den Vertretungsvertrag des Virchowbundes. Er ist von Experten juristisch geprüft. Mitglieder können ihn kostenlos herunterladen und sich eingehend beraten lassen.

Vorsicht Haftungsfalle

Was viele Vertragsärzte nicht wissen: Sie haften auch für die Behandlungsfehler des Vertreters. Darum sollten Praxisärzte bei der Auswahl ihres Vertreters besonders sorgfältig sein.

Lesen Sie hier mehr zur Arzthaftung.

Der Virchowbund empfiehlt:

  • Lassen Sie sich nur von einem Arzt Ihres eigenen Fachgebietes vertreten. Alles andere ist auch nicht zulässig.
  • Prüfen Sie, ob Ihr Kollege fachlich und persönlich geeignet ist.
  • Lassen Sie sich die Approbations- und die Facharzturkunde zeigen.
  • Sichern Sie sich zusätzlich ab und schließen Sie einen schriftlichen Vertrag, der die Bedingungen der Vertretung regelt.

Tipp: Ergänzend zum anpassbaren Mustervertrag zeigt die Praxisinfo „Vertretung des Vertragsarztes“, welche Sonderregeln für Weiterbildungsassistenten, angestellte Ärzte und in ärztlichen Berufsausübungsgemeinschaften gelten. Außerdem schlüsselt die Praxisinfo auf, welche Arten von Vertretung genehmigungsfrei sind und welche nicht. Mitglieder im Virchowbund können auch diese und über 80 weitere Praxisinfos und Musterverträge kostenlos herunterladen.

© Virchowbund / Lopata.
© Virchowbund / Lopata.

RA Andrea Schannath berät Ärzte im Virchowbund kostenlos bei allen Fragen z.B. aus dem Vertragsarzt- und Arbeitsrecht. Erfahren Sie mehr unter www.virchowbund.de/recht.

Mehr über den Virchowbund: Virchowbund-Mitglieder erhalten automatisch Zugriff auf über 80 Muster-Verträge und Praxisinfos und sparen so Zeit und Geld im Praxisalltag. Kostenlose Rechtsberatung ist im Mitgliedsbeitrag ebenfalls inklusive. Hier erfahren Sie, wie sich die Mitgliedschaft im Virchowbund für Sie lohnt.

  1. Virchowbund

Bildquelle: © gettyImages/Wavebreakmedia

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