06. September 2019

Ärztliche Kollegin als Patientin

Grober Behandlungsfehler bei unterlassener Diagnostik

Weil er bei der Untersuchung einer ärztlichen Kollegin keine vollständige Anamnese durchgeführt hat, wurde ein Internist vom Oberlandesgericht Celle zu Schmerzensgeld und Schadensersatz verurteilt.1

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag wird vertreten durch Alexa Frey, Fachanwältin für Medizinrecht.

Gynäkologin wird nicht körperlich untersucht

Eine Frauenärztin mit akuten Kopfschmerzen stellte sich in der Privatsprechstunde eines internistischen Kollegen vor. Die Behandlung wurde durch einen ärztlichen Vertreter durchgeführt. Der vertretende Internist verordnete Ibuprofen gegen die Schmerzen, nachdem eine Computertomografie des Kopfes einen altersgerechten Normalzustand ergeben hatte. Eine körperliche Untersuchung der Patientin hatte wohl nicht stattgefunden, zumindest war eine solche in der Patientenakte nicht dokumentiert.

Am Abend desselben Tages, wurde die Patienten mit dem Verdacht eines Krampfanfalls mit dem Rettungswagen in eine nahegelegene Klinik gebracht. Hier zeigte sich eine Sinusvenenthrombose.

Schadensersatzforderung wird Recht gegeben

Daraufhin forderte die Patientin von dem behandelnden Internisten vor dem Landgericht Hannover Schmerzensgeld und Schadensersatz. Nach Einholung eines medizinischen Sachverständigengutachtens hat das Landgericht Hannover mit Urteil vom 04.06.2018 (Az. 19 O 286/13) die Ansprüche der Ärztin dem Grunde nach zugesprochen.2 Über die Höhe der Ansprüche war noch nicht entschieden worden.

Das Gericht sah einen groben Behandlungsfehler des Internisten darin, dass er über die CT-Untersuchung hinaus keinerlei weitere Untersuchungen bzw. Diagnostik bei der Patientin durchgeführt hatte. Dies wurde auch in der Berufungsinstanz durch das Oberlandesgericht bestätigt.

Der Internist hätte nach dem geltenden medizinischen Standard zwingend eine klinische Basisdiagnostik, eine klinische Untersuchung sowie die Erhebung des neurologischen Status durchführen müssen. Auf der Grundlage der Untersuchungsergebnisse hätte entschieden werden müssen, ob weitere Diagnostik erforderlich gewesen wäre.

Kein anderes Vorgehen bei Ärzten als Patienten

Insbesondere könne von einer Patientin, die selbst Ärztin ist, beim Vorliegen einer extremen Schmerzsituation nicht verlangt werden, dass diese eigenständig und ohne Nachfrage des behandelnden Arztes eine vollständige Anamnese mitteilt. Die Erhebung der Anamnese, mit entsprechend präzisen Nachfragen, sei auch bei einem Arzt als Patienten stets die Aufgabe des behandelnden Arztes.

Ein grober Behandlungsfehler liege vor, da das Ergebnis der Computertomografie unauffällig war und daher keine Erklärung für die massiven Kopfkopfschmerzen vorgelegen hatte. Eine weitere Diagnostik wäre daher zwingend erforderlich gewesen. Der grobe Behandlungsfehler führte zu Gunsten der Patientin, zur sog. Beweislastumkehr in Bezug auf das Vorliegen eines Gesundheitsschadens (Sinusvenenthrombose). Da sich der behandelnde Arzt insoweit nicht entlasten konnte und der Eintritt der Sinusvenenthrombose aufgrund des Behandlungsfehlers nicht gänzlich unwahrscheinlich war, blieb es bei der Haftung des Arztes.

Die Parteien haben jedoch die Möglichkeit gegen die Entscheidung des Oberlandesgerichtes Rechtsmittel einzulegen, daher ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. Ferner muss in einem weiteren Verfahren vor dem Landgericht Hannover über die Höhe des Schmerzensgeld- und Schadensersatzanspruches der Patientin entschieden werden.

  • Alexa Frey ist selbständige Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht. Sie ist neben dem Arzthaftungsrecht in den Bereichen des Vertragsarztrechts der Ärzte, des Vertrags- und Gesellschaftsrechts, des Berufsrechts, des Vergütungsrechts der Heilberufe sowie des Krankenhausrechts tätig. Kontakt: frey@wws-ulm.de

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