20. September 2016

Unfälle mit Säuren und Laugen: Handeln im Notfall

Kleinkinder, die Haushaltsreiniger verschlucken oder ein Fabrikarbeiter, der sich mit einer Chemikalie die Haut verätzt, Verletzungen mit Säuren und Laugen ereignen sich meist im häuslichen und beruflichen Umfeld. Wenn Sie im Notfall einen betroffenen Patienten behandeln, bringt dies eine Reihe von Herausforderungen mit sich.

Christoph Renninger, coliquio-Redaktionen, fasst für Sie einige wichtige Eckpunkte aus einer Veröffentlichung von Florian Reifferscheid et al. in der Fachzeitschrift retten! zusammen.

Wenn Chemikalien verschluckt werden

Besonders Kleinkinder sind häufig betroffen, wenn es zur akzidentellen Ingestion ätzender Substanzen kommt. Haushaltsreiniger- und lösungsmittel stellen eine Quelle gefährlicher Stoffe dar. Aufgrund des Geschmacks verschlucken Kinder meist nur kleine Mengen. Besteht der Verdacht, sollten Sie die Mundhöhle rasch inspizieren. Fehlende Ätzspuren im Mundbereich schließen eine Ingestion jedoch nicht aus. Häufige Symptome sind Nahrungsverweigerung, Speicheln, Unruhe, Würgen und Erbrechen.

Als Sofortmaßnahme sollten Sie, wenn möglich, den Mund des Betroffenen mit kohlesäurefreiem Wasser ausspülen und ihn einige kleine Schlucke Wasser trinken lassen.

Bei vielen Substanzen kann die Wirkung durch eine Verdünnung mit Wasser so weit vermindert werden, dass eine Überwachung und symptomatische Therapie ausreichend ist. Bei einer lebensbedrohlichen Dosis kann innerhalb der ersten Stunde nach der Ingestion eine Magenspülung notwendig sein. Diese wird jedoch selten im präklinischen Bereich durchgeführt. Ist der Patient bewusstlos liegt das Hauptaugenmerk auf der Sicherung der Vitalparameter.

Von induziertem Erbrechen wird mittlerweile abgeraten, da es zu viele Risiken und Kontraindikationen gibt. Bei Kehlkopfbeteiligung oder möglicher Aspiration ist eine frühzeitige Intubation zu erwägen. Inhalative Kortikosteroide werden aufgrund fehlender Evidenz nicht empfohlen.

Ist eine Aufnahme von Säure oder Lauge gesichert, ist eine stationäre Aufnahme indiziert. Diese sollte auch dann erfolgen, wenn die Situation oder die Symptome den Verdacht nahelegen.

Kontaminationsverletzungen: So handeln Sie bei Arbeitsunfällen

Neben dem Verschlucken, sind Verätzungen der Haut und Augen die häufigsten Unfälle mit ätzenden Flüssigkeiten. Die meisten davon passieren im beruflichen Umfeld, da dort mit größeren Mengen der Substanzen umgegangen wird.

Bei der Erstversorgung sollten Sie stets auch den Eigenschutz beachten. Holen Sie Informationen über die Gefährlichkeit der Substanzen ein und tragen sie ggf. geeignete Schutzkleidung. Bereits eine einfache Schutzbrille und doppelte Handschuhe minimieren das Risiko einer Exposition.

Sind große Areale oder sensible Körperregionen, wie Gesicht und Augen betroffen, sollten Sie zunächst eine Notdekontamination durchführen, danach erfolgt die weitere medizinische Versorgung. Allerdings sollten Sie vor der Dekontamination Informationen zur Chemikalie einholen, um eine mögliche Schädigung durch eventuell entstehende Reaktionswärme zu verhindern.

Ziehen Sie die betroffene Kleidung aus und spülen Sie die betroffenen Körperstellen mit reichlich handwarmen Wasser. Die Spülflüssigkeit sollte dabei auf kürzestem Wege vom Körper laufen und nicht über sensible Bereiche wie Mund und Augen fließen.

Ähnlich wie bei thermischen Verbrennungen steht Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts im Vordergrund der Notfallbehandlung. Der Bedarf hängt dabei von der Größe der betroffenen Körperoberfläche ab. Erwachsene erhalten 1 l/h einer balancierten Elektrolytlösung, Kinder 15-20 ml/kg Körpergewicht / h.

Eine Einweisung in ein Brandverletzungszentrum ist auch bei chemischen Ursachen indiziert und sollte innerhalb von 24 Stunden erfolgen.

Verätzungen der Augen

Besonders gefährlich sind chemische Verletzungen der Augen, da das Risiko einer Erblindung besteht. Eine besondere Gefahr stellen Laugen dar, da diese mit der Tränenflüssigkeit reagieren und zu einer Kolliquationsnekrose führen können, die bis in tiefere Augenschichten vordringt.

Erste Maßnahme ist eine sofortige, ausgiebige und hochfrequente Augenspülung. Fremdkörper sollten entfernt werden, die Augenspülung aber auch nach der Entfernung aufrechterhalten werden. Lokalanästhetika können den Lidkrampf vermindern und die Spülung erleichtern.

Ein zügiger Transport in eine entsprechende Fachabteilung ist wichtig, da die Möglichkeiten im präklinischen Bereich begrenzt sind.    

Reifferscheid F et al. Unfälle mit Säuren und Laugen. Retten! 2016; 5(3): 223-230.

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