13. September 2021

Wie Praxisabgebende nach der Bundestagswahl profitieren könnten

Das Gesundheitssystem wird sich nach der Bundestagswahl 2021 einschneidend verändern. Das bringt große Herausforderungen für viele Ärztinnen und Ärzte. Niedergelassene könnten davon jedoch profitieren.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Dieser Beitrag wird vertreten von Stefanie Pranschke-Schade, Fachanwältin für Medizinrecht. Redaktion: Sebastian Schmidt

Zwei Entwicklungen werden in der neuen Legislaturperiode des Bundestages das Leben von Krankenhausärzten und abgebenden niedergelassenen Ärztinnen stark beeinflussen.

  1. Etwa 365 Krankenhäuser der Grundversorgung sollen geschlossen werden und in ambulant-stationäre MVZ umgewandelt werden. Oft ist auch von Intersektoralen Gesundheitszentren (IGZ) die Rede.
  2. Circa 25% der Krankenhausoperationen sollen in den ambulanten Sektor verlagert werden, statt wie bisher stationär teurer abgerechnet werden können. Die Krankenkassen müssen sparen.

Krankenhausärzte vor Entscheidung: Selbstständig oder angestellt?

Zwar muss wegen der großen Nachfrage nach medizinischem Personal für die Kliniken niemand mit Arbeitslosigkeit rechnen. Dennoch können die Sicherheit des jetzigen Arbeitsplatzes und die Vorteile des jeweiligen aktuellen Berufs- und Wohnstandortes gefährdet sein.

Schon jetzt stellen sie fest, dass die Auslastungszahlen in den Kliniken sich weniger oft einstellen. Ein Stellenabbau bei den privaten Krankenhausketten hat schon begonnen.

Nun sollen 365 Krankenhäuser in intersektorale Gesundheitszentren mit MVZ-Charakter umgewandelt werden. Als Träger bieten sich die Kassenärztlichen Vereinigungen an. Denkbar sind aber auch selbstständige Praxisinhabende oder konkurrierende Krankenhäuser.

Medizinisch spezialisiert und bald selbstständig

Wenn aktuell fast 50% der Krankenhäuser rote Zahlen schreiben, wird das medizinische Personal schon bald Hinweise erhalten, wie lange Funktion und Struktur aufrechterhalten werden. Weiter sollen rund 25% der Operationen aller Krankenhäuser ambulantisiert werden. Damit wächst der ambulante Sektor enorm. Ob, wann und inwieweit dabei trotz formaler Überversorgung im Land neue Zulassungen entstehen, ist unsicher. Die Folge: Frühzeitige Markterkundungen könnten sinnvoll sein.   

Künftige Praxisabgebende freuen sich über absehbaren Nachfrageschub

Künftige Praxisabgebende sollten mit einer 5-7-jährigen Planungs- und Übergangszeit rechnen. Insbesondere wenn sie noch 3 Jahre stufenweise mit reduzierter Tätigkeit als Angestellte in der Praxis mitarbeiten sollen. Das kann intern zu Konflikten führen. Deshalb sollten die Beteiligten folgende Fragen klären.

Check-Liste für Abgebende:

  1. Was steht in meinem Gesellschaftsvertrag und ist dieser bei der Abgaberegelung noch juristisch gültig?
  2. Wie denken die anderen Gesellschaftsmitglieder und ärztlich Angestellte über diese Zukunftsfrage und die Personen aus der regionalen Krankenhausebene?
  3. Welchen Zugang zu Krankenhäusern haben Praxisabgebende bei Chefärztinnen und Oberärzten, Geschäftsführerinnen und Eigentümern die kommunal, kirchlich, Entscheidungsträger sind?
  4. Muss ich wegen der Anstellung eine Abklingphase von 3 Jahren im Krankenhaus / MVZ mit einplanen?
  5. Wäre das Krankenhaus bereit eine verbindliche Absichtserklärung zu unterschreiben (Letter of Intent / LOI). Wie viel Sicherheit bringt dies?

Auch für medizinisch Tätige in der Klinik – ganz gleich ob als Fachärztinnen, Funktionsarzt, Chefärztin oder Oberarzt – lohnt sich die Recherche dieser Themen:

  1. Gibt es Pläne zur Schließung von Krankenhäusern im Landesministerium, regionaler Gesundheitskonferenz, Äußerungen der Krankenkassen, Landkreis – Stadtpolitik?
  2. Welche niedergelassenen Fachärzte und Fachärztinnen ab 55 Jahre gibt es in Einzelpraxis oder Berufungsausübungsgemeinschaft in der weiteren Umgebung?
  3. Wie könnte man zu diesen Ärztinnen und Ärzte Kontakt, beispielsweise über Qualitätszirkel, Ärzteverein, Pharmanetzwerke, soziale oder Sportfunktionen oder auch über Schulkontakte der Kinder aufnehmen?
  4. Welchen anderen Gesellschaftsmitgliedern der Abgebenden könnte die Kompetenz des jetzigen Krankenhausarztes nicht willkommen sein?
  5. Wie lange müsste man arbeiten, um nach Kauf von Praxis, Zulassung, oder auch Anteilskauf wieder schuldenfrei zu sein?
  6. Was bedeutet der Berufswechsel aus dem Angestelltenverhältnis hin zu einer selbstständigen Tätigkeit?
  7. Wie sieht die Finanzierung aus?
  8. Was muss man juristisch und steuerlich beachten?

Generell lohnt sich für Medizinerinnen und Mediziner in Klinik und Praxis also der Blick auf die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse für das Gesundheitssystem und damit auch für ihren Berufsalltag.

Online-Seminar: Nach der Bundestagswahl - Entscheidungshilfen für Ärzte und Zahnärzte

Die Rechtsanwaltskanzlei “Broglie, Schade & Partner GbR” veranstaltet am 15. September 2021 von 18 bis 19.30 Uhr ein Online-Seminar für Niedergelassene in Arzt- und Zahnarztpraxen.

Themen sind unter anderem:

  • Darstellung der Player in der ambulanten Versorgung heute und morgen (Ärzte, Zahnärzte, Krankenhäuser, Investoren und Kassenärztliche Vereinigung mit eigenbetriebenen MVZ´s)
  • Zukunftsszenarien und Entscheidungshilfen
  • Darstellung der Situation eines Arztes, Partners in einer BAG, der in 5 bis 10 Jahren seine berufliche Karriere beenden will. 
  • Veränderung durch Digitalisierung und Delegation
  • Praxisfusion versus MVZ-GmbH aus steuerlicher Sicht. 

Bild: © GettyImages/Isabel Pavia

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