29. August 2019

Ab dem 1. September: Offene Sprechstunde startet

Die verpflichtende offene Sprechstunde für grundversorgende Fachärzte startet ab dem 1. September 2019. Neben den wichtigsten Informationen berichten hier Ihre Kollegen über Probleme und Chancen, die die Maßnahme mit sich bringt.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Dieser Beitrag beruht auf Informationen der KBV zum Terminservice- und Versorgungsgesetz1 und der Forumsfrage „Offene Sprechstunde“2 von coliquio-Mitglied „marhebe“. Redaktion: Marc Fröhling

Zu welchen Zeiten die offene Sprechstunde anbieten?

Im Zuge des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) sind ab dem 1. September 2019 grundversorgende Fachärzte mit vollem Versorgungsauftrag verpflichtet, in der Woche mindestens 5 offene Sprechstunden anzubieten. Betroffen sind demnach Augenärzte, Chirurgen, Gynäkologen, HNO-Ärzte, Hautärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Nervenärzte, Neurologen, Orthopäden, Psychiater und Urologen. Dies entspricht den EBM-Kapiteln 6, 7, 8, 9, 10, 14, 16, 18, 21 und 26. Für alle anderen Ärzte ist die offene Sprechstunde anteilig anzubieten.

Wie die Stunden auf die Arbeitswoche verteilt werden, bleibt den Praxen überlassen. So können beispielsweise alle fünf Stunden am selben Tag oder jeden Wochentag eine offene Sprechstunde abgehalten werden.

Bekanntgabe der offenen Sprechzeiten

Wichtig ist, dass die Zeiten veröffentlicht werden. Dies kann etwa auf dem Anrufbeantworter, dem Praxisschild oder auf der Website geschehen. Es ist zudem vorgegeben, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) auf ihren Internetseiten über das Angebot an offenen Sprechstunden informieren.

So verteilen Ihre Kollegen die Sprechzeiten

Verschiedene Modelle möglich: „st_leonhard“ aus der Gynäkologie plant von Montag bis Freitag jeweils um 8:15, 9:15, 10:15 und 11:15 Uhr eine Sprechstunde für eine Patientin ein. Augenheilkundler „efaiutd“ bietet lieber 2x täglich 30 Minuten an, Gynäkologin „wolsab“ – eine Stunde. Einen Vormittag in der Woche, in Absprache mit den Kollegen vor Ort, möchte Dermatologe „zemuko61“ anbieten.

Morgens zwischen 8 und 9 Uhr: „doctor1977“, der als Allgemeinmediziner bereits seit einigen Jahren über Erfahrung mit offenen Sprechstunden verfügt, findet es besten, diese morgens zwischen 8 und 9 Uhr abzuhalten. Genaues Einhalten der Zeiten und eine klare Kommunikation sind hierfür natürlich die Grundlage.

Was, wenn das Terminbuch voll ist? Neurologe „l_e_2013“ steht vor dem Problem, Inhaber einer reinen Bestellpraxis zu sein – mit einem Terminbuch, das bis Ende des Jahres voll ist. Der Vorschlag einer KV-Mitarbeiterin, die offenen Sprechstunde einfach nach den regulären Sprechzeiten anzubieten, lies den Kollegen sprachlos zurück.

Vergütung erfolgt extrabudgetär

Alle Leistungen in der offenen Sprechstunde werden extrabudgetär und somit in voller Höhe vergütet. Dies gilt für bis zu 5 offenen Sprechstunden je Kalenderwoche und für den gesamten Arztgruppenfall (s. Aufklappbox). Der Abrechnungsschein im Praxisverwaltungssystem (PVS) ist für Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) als „Offene Sprechstunde“ zu kennzeichnen.

  • Die extrabudgetäre Vergütung gilt für die TSVG-Konstellationen nicht wie sonst üblich bezogen auf den Behandlungsfall, sondern auf den Arztgruppenfall und damit jeweils für eine Arztgruppe und ein Quartal.

    Damit ist es bei einer Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) oder einem Medizinischen Versorgungszentrum, wo oftmals mehrere Ärzte einer Arztgruppe tätig sind, unerheblich, welcher Fachkollege derselben Arztgruppe den Patienten behandelt. Denn der Arztgruppenfall – so die Definition – umfasst alle Leistungen, die von derselben Arztgruppe in derselben Arztpraxis innerhalb desselben Quartals bei einem Versicherten ambulant zulasten derselben Krankenkasse durchgeführt wurden.

    Hinweise zur Abrechnung: Behandeln Ärzte unterschiedlicher Arztgruppen in einer Praxis einen Patienten, zum Beispiel ein Orthopäde und ein Neurologe, werden grundsätzlich die Leistungen derjenigen Arztgruppe in dieser speziellen TSVG-Konstellation extrabudgetär vergütet, die den ersten Kontakt zum Versicherten hatte – andere Arztgruppen zählen nicht zu dieser speziellen TSVG-Konstellation. Jede neue TSS-Vermittlung, jede neue Hausarzt-Terminvermittlung, jede offene Sprechstunde bei einer anderen Arztgruppe in der Praxis stellen eine neue spezielle TSVG-Konstellation dar. Eine Ausnahme ist der „Neupatient“: In diesem Fall können zwei Arztgruppen eine extrabudgetäre Vergütung im Arztgruppenfall ansetzen.

    Bei allen TSVG-Konstellationen erfolgt eine Kennzeichnung der Abrechnung, damit die Leistungen extrabudgetär vergütet werden können. Sollte der Patienten nun von einer weiteren Arztgruppe der Praxis behandelt werden, also außerhalb Arztgruppenfalls, muss die Praxis für ihn einen gesonderten Abrechnungsschein anlegen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn ein Patient in der offenen Sprechstunde des Urologen behandelt wurde und im selben Quartal den Hautarzt der Praxis konsultiert. 

Offene Sprechstunde: Was halten Ihre Kollegen davon?

Unklarheiten von allen Seiten: „dirsammhnc“ aus der Orthopädie und Unfallchirurgie war wegen Unklarheiten bei der Abrechnungsberatung bei der KV. Hier wusste jedoch auch keiner, was denn genau eine offene Sprechstunde ausmacht. Konkrete Hinweise hierzu wurden ihm jedoch noch vor dem 01.09.2019 zugesagt. Auch Augenheilkundler „dirwerd“ weist darauf hin, dass es noch keine Verpflichtung oder Details gebe. Es seien zudem auch noch keine konkreten Strafen angekündigt.

Es braucht keine terminierte Sprechstunde für Notfälle: Allgemeinmediziner „helidoc“ und Gynäkologe „petliglk“ halten beide nicht viel von einer bestimmten vorgegebenen Zeit für eine Akutsprechstunde. Viel sinnvoller sei es, Patienten mit dringenden Anliegen jederzeit in die Sprechstunde kommen zu lassen.

Gynäkologin „dornroeschen“ weist auch keine Akutpatienten ab, sieht aber das Kernproblem auf Patientenseite: Praxen und Klinikambulanzen sind noch immer überfüllt mit Fällen, die keiner akutversorgen Bedürfen. Dagegen komme auch eine offene Sprechstunde nicht an. Auch Orthopäde und Unfallchirurg „plemkaki“ schlägt in dieselbe Kerbe und plädiert dafür, den Patienten die Selbstverantwortung wieder näherzubringen.

Mehr zur offenen Sprechstunde finden Sie in unserem Beitrag „Offene Sprechstunde wird Pflicht: Worauf müssen Sie sich einstellen?”. Außerdem dabei: 6 Tipps, die für einen reibungsloseren Praxisalltag sorgen.

Verbesserte Termineinhaltung: Die urologische Praxis von „timsakmplh“ bietet die offene Sprechstunde seit kurzem zweimal wöchentlich an. Genutzt wird sie von Patienten, deren Anliegen nicht bis zum nächsten Termin warten kann. Es finden in dieser Zeit keine Vorsorgetermine oder Ähnliches statt. Sein Fazit: Da die Termine selten so gut eingehalten wurden, plant er, diesen Service bald jeden Tag anzubieten.

Auch HNO-Arzt „mircir“ bietet bereits täglich eine offene Sprechstunde an, die auf seiner Homepage angekündigt ist. Das funktioniert gut. Zudem ist er der Meinung, dass die Termine selbst auf diese Weise besser laufen. Allerdings will er die Entwicklung noch weiter beobachten, denn der Winter kommt erst noch.

Entlastung für die Notaufnahme? Als Klinikarzt begrüßt „haasand“ die Idee einer offenen Sprechstunde sehr. Seine Notaufnahme sei ständig damit beschäftigt, ambulante Versorgungsprobleme aufzufangen. Durch das neue Gesetz verspricht er sich eine deutliche Entlastung.

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