13. Januar 2021

Blick in die Zukunft

Neujahrsbrief des Virchowbundes

Dr. Dirk Heinrich ist Bundesvorsitzender des Virchowbundes und niedergelassener HNO-Arzt

Die Corona-Pandemie habe eindrucksvoll bewiesen, wie wichtig der ambulante Sektor für das deutsche Gesundheitswesen ist, erklärt der Bundesvorsitzende des Virchowbundes Dr. Dirk Heinrich. In seinem Neujahrsbrief an die Mitglieder des Bundes möchte der HNO-Arzt nun aber einen Blick in die Zukunft werfen.

Lesedauer: 4 Minuten

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Corona-Pandemie hat eindrucksvoll bewiesen, wie wichtig der ambulante Sektor für das deutsche Gesundheitswesen ist. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht noch ein weiteres Mal betonen, was wir niedergelassenen Ärzte und deren MFA in der Pandemie bisher geleistet haben.

Ich will in die Zukunft blicken und fragen

  • wie wir diese Leistungsfähigkeit für die kommenden Jahre und Jahrzehnte erhalten,
  • welche Veränderungen wir dafür anstoßen müssen,
  • warum 2021 ein entscheidendes Jahr wird.

Eine der größten Reform-Baustellen ist der Übergang zwischen ambulantem und stationärem Sektor. Wie dieser Übergang neu organisiert werden kann, daran scheiden sich seit Jahrzehnten die Geister. Ich bin überzeugt, das Konzept der Freiberuflichkeit ist der Schlüssel dazu.

Freiberuflichkeit wird oft verwechselt mit Selbstständigkeit. In Wahrheit ist aber jeder Arzt und jede Ärztin, ob selbstständig in eigener Praxis oder angestellt, Freiberufler. Zu unserem freien Beruf gehört eine eigene Berufsordnung, eine eigene Gebührenordnung (dazu später mehr) und der besondere Umstand, dass wir Ärzte nur unseren Patienten, unserem Wissen und der Gesellschaft verpflichtet sind.

Die beiden letztgenannten Aspekte der Freiberuflichkeit sind im Alltag besonders schwierig umzusetzen. Das gilt ganz besonders für angestellte Ärzte in den Kliniken. Die im Alltag gelebte Freiberuflichkeit ist einer der Gründe, warum junge Kolleginnen und Kollegen sich entscheiden, in den ambulanten Bereich zu wechseln. Auch wenn wir uns über jeden von ihnen freuen: Wir wollen uns dafür einsetzen, dass auch in den Krankenhäusern die ärztliche Tätigkeit wieder vollumfänglich gemäß den Prinzipien des freien Berufes möglich ist.

Versorgung an Sektorengrenzen durch Belegärzte verbessert

Niedergelassene Ärzte müssen wieder attraktivere Möglichkeiten haben, auch stationär tätig zu sein, ohne sich in ihrem freien Beruf einzuschränken. Hybride Arbeitsformen (z. B. Belegärzte) sind ein Modell für die Zukunft – wenn wir jetzt die Weichen dafür stellen. Dass die Versorgung an der Sektorengrenze durch Belegärzte verbessert wird, ist bekannt. Sie hilft auch, den Grundsatz „ambulant vor stationär“ stärker im Gesundheitswesen zu verankern und Kosten zu sparen.

Und es gibt noch einen weiteren Vorteil: Freiberuflichkeit in Selbstständigkeit schützt Patienten und Ärzte davor, dass Profitstreben und der Kampf um Marktanteile in der Versorgung immer stärker werden und das Gemeinwohlinteresse zurückdrängen.

Ich habe bereits von der Berufs- und der Gebührenordnung als Merkmale des freien Berufs gesprochen. Die GOÄ ist dazu da, Patienten und Ärzte zu schützen, indem sie den momentanen medizinischen Stand abbildet und festschreibt, was ärztliche Leistungen beinhalten und wie „teuer“ sie maximal sein dürfen. Die Preise müssen laut der ärztlichen Berufsordnung (§ 12 MBO) so kalkuliert sein, dass weder der einzelne Patient noch die Allgemeinheit überfordert wird.

Weil die finanzielle Überforderung damit von vorne herein ausgeschlossen wird, kann die GOÄneu – die fertig in den Schubladen von Bundesärztekammer und PKV-Verband liegt – auch bedenkenlos umgesetzt werden. Das sollten wir gegenüber den politischen Akteuren und der Öffentlichkeit noch deutlicher betonen. Die GOÄneu sorgt für Transparenz und Sicherheit für alle Beteiligten.

Ärztlicher Nachwuchs empfindet Selbstständigkeit als Risiko

Alle Umfragen der letzten Jahre zeigen, dass unser ärztlicher Nachwuchs die wirtschaftliche Selbstständigkeit in eigener Praxis als Risiko empfindet. Dieser Angst können wir auf drei Wegen begegnen: Einerseits durch Vorbereitung und Mentoring, so wie wir es mit unserer neuen Initiative Senior Expert Docs® tun. Andererseits, indem wir politisch die Rahmenbedingungen für eine Niederlassung verbessern. Zwei wichtige Maßnahmen dafür: die GOÄneu umsetzen und die Budgetierung beenden. Und drittens, indem wir Regresse beenden.

Man braucht nur in die sozialen Brennpunkte in den großen Städten zu schauen, um zu erkennen, dass die Budgetierung ein echtes Niederlassungshemmnis ist. Ärzte, die dort tätig sind, müssen ihr Honorar fast ausschließlich aus dem EBM bestreiten. Zusatzeinnahmen über die GOÄ sind kaum möglich. Kein Wunder, dass in solchen Regionen Ärztemangel herrscht. Es muss wieder möglich sein, dass eine Kassenarztpraxis allein durch Kassenhonorare wirtschaftlich überleben kann.

Budgetierung muss abgeschafft werden

Wenn die Budgetierung unmittelbar zu einer schlechteren Versorgungsinfrastruktur in sozial schwachen Vierteln führt, wird sie zu einem Thema der Versorgungsgerechtigkeit. Darum muss sie abgeschafft werden.

Gesundheit ist ein soziales Thema. Das galt zu Zeiten unseres Namensgebers Rudolf Virchow, und es gilt noch heute. Ärmere Staaten und Bevölkerungsschichten sind von der Pandemie stärker betroffen. Und auch der Klimawandel trifft diejenigen, die sozial schlechter gestellt sind, besonders hart – gerade auch durch seine gesundheitlichen Auswirkungen.

In Zeiten, wo der Wert der Gesundheit so immanent ist, lohnt es sich zu betonen, dass jede Verbesserung der Arbeits- und Ausbildungsbedingungen von Ärzten in letzter Konsequenz auch den Patienten zugutekommt. Das gilt für die Stärkung der Freiberuflichkeit, die Entbudgetierung und die Reform der Gebührenordnung genauso wie für die zahlreichen weiteren Themen, die unsere Berufspolitik im neuen Jahr bestimmen. Genauso kommt es den Patienten zugute, wenn die ambulante Weiterbildung ausgebaut wird – denn viele Methoden und Behandlungen werden heutzutage ausschließlich ambulant durchgeführt.

Im Herbst 2021 wird ein neuer Bundestag gewählt. Die Gesundheitspolitik dürfte zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein entscheidender Faktor sein. Der Virchowbund ist vorbereitet und bietet einen Maßnahmenkatalog und eine Argumentationsgrundlage für politische Entscheider und Multiplikatoren. Wenn auch Sie sich berufspolitisch engagieren möchten, sprechen Sie uns an.

Ihr Dr. med. Dirk Heinrich
Bundesvorsitzender des Virchowbundes

Mehr über den Virchowbund: Virchowbund-Mitglieder erhalten automatisch Zugriff auf über 80 Muster-Verträge und Praxisinfos und sparen so Zeit und Geld im Praxisalltag. Kostenlose Rechtsberatung ist im Mitgliedsbeitrag ebenfalls inklusive. Hier erfahren Sie, wie sich die Mitgliedschaft im Virchowbund für Sie lohnt.

Bilsquelle: © gettyImages/oatawa

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