17. November 2021

MFA-Fachkräftemangel: Wir sind mittendrin!

Der Fachkräftemangel bei medizinischen Fachangestellten (MFA) bedroht immer mehr Praxen in Deutschland. Die niedergelassenen Haus- und Fachärzte sind beim Kampf um Praxismitarbeiter auf die Unterstützung der Politik angewiesen. 1

Lesedauer: 4 Minuten

Der folgende Beitrag wird vertreten vom Virchowbund. Redaktion: Dr. Nina Mörsch

„Wenn wir keine MFA mehr haben, geht bei uns gar nichts mehr. Ein Arzt allein ist noch keine Praxis.“ Mit drastischen Worten beschreibt Dr. Dirk Heinrich den Fachkräftemangel bei medizinischen Fachangestellten, der immer mehr Praxen in Deutschland bedroht.

Der HNO-Arzt aus Hamburg ist u. a. Bundesvorsitzender des Virchowbundes und Vorsitzender der Vertreterversammlung der KV Hamburg. Seit 1996 führt er eine Praxis im Hamburger Stadtteil Billstedt-Horn. Er sagt: „Wir haben große Schwierigkeiten, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Arztpraxen zu finden. Und genauso schwierig ist es, Menschen zu finden, die die MFA-Ausbildung machen wollen.“

Schiefer Wettbewerb ums Gehalt

Aktuell sind die niedergelassenen Hausärzte und Fachärztinnen klar benachteiligt. Sie stemmen die drei Jahre dauernde Ausbildung. Am Ende aber kehren die ausgebildeten und hochqualifizierten MFA den Praxen den Rücken: zu viel Stress, häufige Überstunden, immer aggressivere Patienten und das alles bei oft geringem Gehalt.

Eine durchschnittliche Medizinische Fachangestellte verdient gerade einmal 2.500 Euro pro Monat (Quelle: Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit). Eine Sozialversicherungsangestellte bezieht fast das Doppelte – bei gleicher Ausbildung und weniger Verantwortung in einem komfortablen Schreibtisch-Job.

„Das ist doch ungerecht!“, kritisierte Dr. Heinrich im Oktober 2021 vor Vertretern der Ärzteschaft, Krankenkassen, Politik und Presse im Rahmen der Bundeshauptversammlung des Virchowbundes. Das vollständige Statement lässt sich auf Youtube anschauen (ab 26:34).

Die Bundeshauptversammlung 2021 des Virchowbundes fand am 22. und 23.10.2021 in Berlin statt. Die gesundheitspolitische Diskussion im Rahmen der Bundeshauptversammlung des Virchowbundes können Sie jetzt hier auf Youtube nachverfolgen.

Die Arztpraxen werden im Kampf um Fachkräfte systematisch benachteiligt. Für sie wird es immer schwieriger, MFA-Gehälter zu zahlen, die mit Gehältern außerhalb der Arztpraxis mithalten können. Im Gegensatz zu den Krankenhäusern erhalten Praxisärzte die steigenden Personalkosten nicht refinanziert. Die Folge: Krankenkassen, Pflegeeinrichtungen und auch die Kliniken werben reihenweise gelernte MFA ab. Der Pflegemindestlohn hat diese Entwicklung noch beschleunigt.

Bei den letzten Tarifverhandlungen (2020) holten die MFA ein großes Plus heraus (mehr zum MFA-Tarifvertrag). Das Problem dabei: Die Tarifsteigerungen werden erst 2 Jahre später von den Kassen über höhere Honorare gegenfinanziert – und selbst dann nur zu einem Bruchteil. Das jüngste Zi-Praxispanel zeigte für 2019 einen 22 %-igen Anstieg der Personalkosten in den Praxen.

Die unterschiedliche Refinanzierungssystematik in Klinik und Praxis führt zu einer Wettbewerbsverzerrung zulasten der Praxisärzte und wird diese personell auf lange Sicht ausbluten. Den MFA-Fachkräftemangel zu bekämpfen, ist vor allem eine politische Aufgabe.

Praxisinhaber müssen aktiv werden

Praxisinhaber sollten sich aber auch an die eigene Nase fassen. Auf Facebook, Twitter und in diversen Foren berichten immer wieder MFA von der mangelhaften Mitarbeiterführung ihrer (ehemaligen) Chefs.

„Ausbildung ist wichtig, dann aber richtig! Perspektiven, Lob, Teamarbeit, angemessene Gehälter, um nur einige Punkte zu nennen“, twitterte Hannelore König vom Verband medizinischer Fachberufe (vmf).

Eine andere MFA berichtete: „Ich bin seit über 22 Jahren in diesem Beruf. Davon 17 Jahre in der selben Praxis. Habe keine Kolleginnen mehr. Während meiner Krankschreibung bekam ich bis zu 19 Anrufe täglich von der Frau vom Chef. “Wie geht dies, wo finde ich das?” Müsste laut meinem Hausarzt wegen meiner Nackenprobleme (BSV) in eine Reha für 3 Wochen aber das kann ich nicht, ohne die Praxis vor die Wand fahren zu lassen. Ich überlege seit Monaten mich beruflich nun auch umzuorientieren. Es wird glaube ich höchste Zeit.“

In der Corona-Pandemie sind die Anforderungen noch einmal gestiegen, so manche MFA wurde durch die immer noch weiter steigende Belastung aufgerieben und arbeitsunfähig.

Fehlende Wertschätzung für MFA

Politisch und gesellschaftlich wird dieses Engagement nicht honoriert. Während die Pflege berechtigterweise einen Coronabonus erhalten hat, gingen die MFA leer aus.

Dr. Heinrich glaubt, das öffentliche Bewusstsein dafür, was MFA tagtäglich leisten, muss weiter geschärft werden. „Wer setzt denn die Digitalisierung in den Arztpraxen um? Wer muss sich ständig mit irgendwelchen Änderungen und nicht funktionierenden Updates herumschlagen? Wer muss die Nachfragen der Patienten beantworten, die von eRezept-Tokens und anderen Neuerungen überfordert sind? Das alles baden unsere MFA aus!“

2012 demonstrierten die MFA bundesweit für bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung. In der Pflege werden steigende Löhne sofort refinanziert. Dafür war ein langer Kampf nötig, während dessen der Mangel an Pflegepersonal immer größer und drängender wurde. Muss sich dieses Muster bei den MFA wiederholen bis Kassen und Politiker endlich reagieren?

Wie kann der Fachkräftemangel bekämpft werden?

Die Vorgaben für die Honorarverhandlungen zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung und dem Spitzenverband Bund der Gesetzlichen Krankenkassen müssen so angepasst werden, dass Tarif- und Kostensteigerungen unmittelbar einfließen.

Doch das allein wird nicht reichen. Daher schlägt der Virchowbund eine konzertierte Aktion der Landesärztekammern, Kassenärztlichen Vereinigungen und ärztlichen Berufsverbände vor. Die 3 zentralen Punkte der Kampagne:

  • attraktive Bezahlung
  • Wertschätzung
  • Aus- und Weiterbildungsoffensive

Immer mehr Behandlungen werden ambulant durchgeführt. Schon alleine deshalb ist es höchste Zeit dem MFA-Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen. Und zwar, indem Ansehen, Wertschätzung, Qualifizierung und Bezahlung bei Medizinischen Fachangestellten aktiv gesteigert werden. Sonst gehen in den Praxen irgendwann die Lichter aus und die unmittelbare, wohnortnahe Versorgung ist am Ende.

Mehr Inhalte für MFA und Praxisinhaber

Das Dasein als Praxisinhaber und Chef will gelernt sein. Der Virchowbund bietet u. a. Weiterbildungen und unterstützendes Material zur richtigen Mitarbeiterführung an.

Tipps für MFA-Azubis und angehende Ausbilder finden Sie unter MFA-Ausbildung.

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Bildquelle: © gettyImages/Nitat Termmee

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