15. März 2019

Interview

Ärzteliebe in Klinik und Praxis: Karriereberaterin gibt Tipps

Gerade unter Ärzten sind Partnerschaften und Ehen mit Kollegen oder Pflegepersonal häufig.1 Doch zu welchen Problemen kann dies führen? Antworten gibt die Karriereberaterin Jutta Boenig.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Christoph Renninger

Ist der Arbeitsplatz der richtige Ort für die Partnersuche oder sollte der Partner besser in einer anderen Branche tätig sein?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Fakt ist, dass wir viele Jahre lang die meiste Zeit am Arbeitsplatz verbringen und dass der Freizeitanteil proportional gering ist. Daher passiert es natürlich immer wieder, auch unter Ärzten, dass sich Menschen am Arbeitsplatz verlieben.

Häufig sind es männliche Ärzte, die sich in Assistentinnen oder Sprechstundenhilfen verlieben. Ratsam ist es vielleicht nicht, aber vollkommen menschlich.

Ein Paar, das sich jeden Tag am gemeinsamen Arbeitsplatz sieht, hat oft die Herausforderung, dass sich auch in der Freizeit viel um die Arbeit dreht. Sie sind ständig mit dem Thema beschäftigt, dabei sollte man die Arbeit „nicht mit ins Bett nehmen“. Es gibt die Empfehlung nach Feierabend maximal eine Stunde und am Wochenende gar nicht über den Arbeitsplatz zu sprechen.

Zu welchen Konflikten kann es kommen, wenn beide in der gleichen Klinik oder einer gemeinsamen Praxis tätig sind?

Es gibt verschiedene Szenarien: In Krankenhäusern gibt es nach wie vor die klassische Situation zwischen Arzt und Krankenschwester. Erste Konflikte tauchen auf, wenn die Beziehung bekannt wird und es zur Gerüchteküche kommt. Das bindet Arbeitskraft und Zeit.

In Ärzteteams oder Ärztehäusern kann eine Beziehung unter Umständen einige Fallen mit sich bringen. Denn die Teams sind meist nicht besonders groß. Oft gibt es hier Beziehungen zwischen dem Praxisinhaber und der Sprechstundenhilfe (Medizinischen Fachangestellten). Schwierig für das Praxisklima wird es, wenn sie sich als Frau des Chefs ihren Kolleginnen übergeordnet fühlt, obwohl keine höhere fachliche Qualifikation vorhanden ist.

Auch wenn sich ein Ärztepaar eine Praxis teilt, werden alle Handlungen besonders beobachtet. Hier ist ein offener Umgang wichtig, da es sich um ein überschaubares System handelt. In großen Wirtschaftsunternehmen oder Kliniken besteht eher die Möglichkeit, dass sich einer der beiden in eine andere Abteilung versetzen lässt.

Sollte die Beziehung im Kollegenkreis bekannt gegeben oder besser für sich behalten werden?

Es hängt davon ab, um welche Art von Beziehung es sich handelt. Ist es eine Affäre, die nach wenigen Wochen beendet ist und aus moralischer Sicht kritisiert werden kann? Diese sollte man besser nicht bekannt machen.

Handelt es sich um eine ernsthafte Beziehung, sollte die Kommunikation möglichst transparent sein. Umso weniger kommt es zu Gerüchten und Gesprächen hinter dem Rücken. Unter Kollegen kann es sonst dabei zu verschiedenen Reaktionen kommen, von Anerkennung bis Ablehnung.

Wie sollten Vorgesetzte mit Mitarbeiter-Paaren umgehen?

Vorgesetzte haben kein Recht sich einzumischen. Ein Verbot von Beziehungen unter Kollegen durch den Arbeitgeber ist nicht rechtlich.2 Allerdings wird es nicht gerne gesehen. Wenn die Beziehung jedoch Auswirkungen auf die Arbeitsleistung oder die Zusammenarbeit in der Abteilung hat, kann und sollte der Chef eingreifen. Dann sollten Vorgesetzte den Mut haben, die Situation mit beiden Betroffenen, separat oder unter sechs Augen, anzusprechen.

Wenn die Liebe nur einseitig ist: Wie sollte man sich verhalten, wenn Kollegen oder Vorgesetzte, wie Chef- oder Oberärzte, Avancen machen und man diese nicht erwidern möchte?

Das ist die schwierigste Konstellation, da es immer auch um Macht geht. Im Zeitalter der #MeToo-Debatte ist dieses Thema natürlich sehr präsent. Vorgesetzten muss daher klar sein, was sie in einer solchen Situation initiieren. Wenn die erste Avance nicht erwidert wird, sollten sie ganz schnell die Finger davon lassen. Durch die wachsende Zahl von Frauen in Führungspositionen, werden auch häufiger Männer von Chefinnen in dieser Hinsicht angesprochen.

Für die Betroffenen stellt sich das Problem dar, die Avancen zurückzuweisen, wenn man gleichzeitig karrieretechnisch von der Person abhängig ist. Gerade in Kliniken ist es, aufgrund der hierarchischen Strukturen, ein richtiges Problem, wenn Machtpositionen ausgenutzt werden. Ich habe oft erlebt, dass vor allem Frauen gezwungen waren, den Arbeitsplatz zu wechseln.

Was ich toll finde, und hier hat die #MeToo-Debatte geholfen, ist, dass Frauen zunehmend selbstbewusster auftreten und sich nicht mehr alles gefallen lassen.

Geht die private Beziehung in die Brüche, hat dies Auswirkungen auf die Arbeit in Klinik oder Praxis. Wie kann man damit umgehen?

Kommt es zur Trennung, ist die Situation in einem Ärztehaus meist nicht lebbar, da die Zusammenarbeit viel zu eng ist. In der Konstellation „Chef und Assistentin/Sprechstundenhilfe“, ist es meist so, dass sich die Frau einen neuen Arbeitsplatz suchen muss.

In Krankenhäusern gibt es mehr Möglichkeiten, sich innerhalb der Klinik versetzen zu lassen. Eher selten kann nach einer kurzen Affäre weiter normal zusammengearbeitet werden. Denn auch in solchen Situationen gibt es immer ein menschliches Herz, dass darunter leidet.

Jutta Boenig ist Inhaberin und Geschäftsführerin der Boenig Beratung in Überlingen am Bodensee. Sie ist Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung e.V. und bietet Coachings und Karriereberatung für alle Branchen an.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren

  1. Adam Pearce & Dorothy Gambrell. Who marries whom? Bloomberg, 11.02.2016
  2. Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Beschluss vom 14.11.2005 – 10 TaBV 46/05

Bildquellen: © istock.com/demaerre, privat

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653