07. Februar 2020

Absurde Patientenwünsche: Behandeln oder nicht?

Manche Patienten haben ausgefallene und auch medizinisch sehr fragliche Behandlungswünsche. Doch wann haften Ärzte für eine solche Behandlung? Und in welchen Fällen müssen sie den Wünschen nachkommen?

Lesedauer: 3 Minuten

Autorin: Alexa Frey, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht. Redaktion: Marina Urbanietz, Marc Fröhling

Vampir-Eckzähne

Einer solchen dauerhaften Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes ohne medizinische Indikation (auch „Body Modificaton“ genannt) sollten Ärzte nicht nachkommen. Hierzu gehören beispielsweise auch das Spalten der Zunge oder das Setzen von Metallimplantaten unter die Haut.

Was sagt die Berufsordnung?
Ärzten sind in der Berufsordnung bestimmte Behandlungsgrundsätze und Verhaltenspflichten auferlegt. § 7 der Musterberufsordnung für Ärzte (MBO-Ä) gibt vor, dass jede medizinische Behandlung unter Wahrung der Menschenwürde und unter Achtung der Persönlichkeit, des Willens und der Rechte der Patienten, insbesondere des Selbstbestimmungsrechts, zu erfolgen hat.
Wünscht der Patient einen Eingriff oder eine Maßnahme, die nicht medizinisch indiziert ist, jedoch zu einer dauerhaften Gesundheitsschädigung oder Veränderung des Körpers führt, ist diese Maßnahme grundsätzlich abzulehnen.

Das Abschleifen der Eckzähne zu „Vampirzähnen“ ist eine irreversible Maßnahme, bei der es zu einer dauerhaften Verletzung der Zahnsubstanz kommen kann, ohne dass es für das Abschleifen der Zähne eine medizinische Indikation gibt. Dem Wunsch des Patienten sollte daher nicht Folge geleistet werden.

Piercing & Co.: Aufklärung über Folgen und Kosten erforderlich

Bei weniger grenzwertigen Eingriffen (bspw. Piercing) müssen Ärzte die Patienten entsprechend schonungslos über mögliche Risiken aufklären. Wichtig ist zudem auch, dass bei einer Krankheit, die sich der Patient durch eine nicht indizierte ästhetische Operation zugezogen hat, die Behandlungskosten für Folgeeingriffe zumindest teilweise durch den Patienten getragen werden müssen (vgl. § 52 Abs. 2 SGB V). Die Höhe der Beteiligung steht im Ermessen der Krankenversicherung.

Hodenhalskette als Erinnerung

Diesen ausgefallenen Wunsch des Patienten muss der Arzt ebenfalls zwingend ablehnen. Die Entsorgung von medizinischen Abfällen – insbesondere menschliches Gewebe – muss nach den geltenden Richtlinien und gesetzlichen Vorgaben speziell und gesondert erfolgen. Die „Abfälle“ müssen in Sicherheitsbehältern gesammelt und fachgerecht entsorgt werden. Eine Weitergabe an den Patienten ist nicht gestattet.

Vollkeramikkronen für die gammelnden Zähne

Der hier geäußerte Wunsch des Patienten geht mit einem erheblichen Gesundheitsrisiko für den Patienten einher. Lässt man die nicht erhaltungswürdigen und infizierten Zähne im Kiefer, kann es zu einer Infektion des Kieferknochens bis hin zu einer Blutvergiftung kommen.

§ 11 MBO-Ä normiert, dass der Arzt dem Patienten gegenüber zur gewissenhaften Versorgung mit geeigneten Untersuchungs- und Behandlungsmethoden verpflichtet ist. Wendet man diesen Grundsatz auf den oben geschilderten Fall an, muss der Zahnarzt eine Überkronung ohne vorherige Extraktion der Zähne zwingend ablehnen. Das Belassen der Zähne stellt ein erhebliches Gesundheitsrisiko für den Patienten dar. Ferner würde die vom Patienten gewünschte Behandlung nicht dem (zahn)ärztlichen Standard entsprechen und einen möglichen Behandlungsfehler darstellen. Der Patient könnte gegebenenfalls Schadenersatz und Schmerzensgeld verlangen.

Empfehlung für Ärzte

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Behandlung stets nach dem geltenden Facharztstandard richten muss, wobei das Wohl des Patienten im Vordergrund steht. Nicht indizierte und irreversible Veränderungen, die Patienten sich mitunter wünschen, müssen abgelehnt werden. Dies auch, weil sich bei derartigen „Behandlungen“ ein erhebliches Haftungsrisiko für Ärzte ergeben kann.

7 absurde Behandlungswünsche

Wir haben für Sie unterhaltsame, aber auch fragwürdige Behandlungswünsche, von denen Ihre Kollegen berichteten, in der folgenden Bildergalerie gesammelt.2,3 Klicken Sie zum Starten einfach auf das erste Bild.

Noch mehr fragwürdige Patientenwünsche finden Sie im Beitrag „Absurde Behandlungswünsche von Patienten.”

  • Alexa Frey ist selbständige Rechtsanwältin und Fachanwältin für Medizinrecht. Sie ist neben dem Arzthaftungsrecht in den Bereichen des Vertragsarztrechts der Ärzte, des Vertrags- und Gesellschaftsrechts, des Berufsrechts, des Vergütungsrechts der Heilberufe sowie des Krankenhausrechts tätig. Kontakt: frey@wws-ulm.de

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Bildergalerie: © Getty Images/ollo; gabort71; DevMarya; Stratol; xavierarnau; Paul Bradbury; hsyncoban.
Titelbild: © Getty Images/AaronAmat

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